Die Auswahl an Spielen für Menschen, die brettspielerfahren sind und besondere Herausforderungen suchen, hat in den letzten 20 Jahren sehr zugenommen. Das hat die Jury „Spiel des Jahres e.V.“ veranlasst, im Jahr 2011 die Auszeichnung „Kennerspiel des Jahres“ einzuführen. Die Kennerspiele liegen im Niveau noch unter den viel komplexeren Expertenspielen und können manchmal auch von geübten Kindern gemeistert werden. Iris Treiber stellt das „Kennerspiel des Jahres 2026“ und die nominierten und empfohlenen Spiele vor.
Rebirth

Gewählt zum Kennerspiel des Jahres 2026. Schottland? Liegt in Trümmern. Irland? Auch. Was nun? Wir bauen es wieder auf, und zwar im Einklang mit der Natur, um zukünftige Katastrophen zu verhindern. Das geht, hier, ganz einfach: Wir haben einen Plan von Schottland oder, als Fortgeschrittene, von Irland, der in Sechseck-Felder geteilt ist. Sie tragen Symbole für Nahrung, für Energie, für Burgen oder für Kathedralen. Zudem haben wir unseren eigenen Satz aus Legeplättchen mit diesen Symbolen. Immer genau ein Plättchen ziehen wir blind und legen es passend auf dem Plan ab. Unser Ziel: Punkte, Punkte, Punkte. Die gibt’s, wenn wir Energie zu Energie und Nahrung zu Nahrung legen, und zwar umso mehr, je größer die entstehende Gruppe ist. Die gibt’s auch, wenn wir die Mehrheit in den Burgen haben. Kathedralen bringen Aufträge, und die natürlich auch Punkte. Wir müssen also ständig entscheiden, womit wir Punkte sammeln wollen und wie hoch der Aufwand dafür ist. Oder wir verhindern die Pläne der anderen. Das alles macht viel Spaß, folgt klaren Regeln und ist dann doch so anspruchsvoll, dass „Rebirth“ zum Kennerspiel des Jahrs 2026 gewählt wurde.
„Rebirth“, Strategiespiel von Reiner Knizia, Frosted Games, zwei bis vier Personen ab acht Jahren, etwa 50 Euro
Boss Fighters QR

Nominiert zum Kennerspiel des Jahres 2026. Wollen wir ein Hybridspiel, bei dem wir eine App brauchen und gemeinsam mit Spaltmaterial am Tisch agieren? Was „Boss Fighters QR“ betrifft, ganz klar: Ja! Denn das funktioniert hier wunderbar. Wir sind die „Boss Fighters“ und bekämpfen nacheinander zehn verschiedene Bosse, deren Rolle die App übernimmt. Sie haben spezielle Angriffsmethoden und -frequenzen, und eine unserer wichtigsten Aufgaben ist, die jeweils möglichst schnell herauszufinden. Nur so können wir uns optimal schützen. Hat der Boss keine Lebenspunkt mehr, haben wir gewonnen, hat eine*r von uns keine mehr, haben wir verloren. Wir spielen über drei Runden, wobei der Boss seine Attacken plant, Schutzschilde erhält, wir je drei Aktionen zu unserem Schutz und zu seiner Vernichtung durchführen, er uns angreift, wir eventuell Vergiftungen erleiden. Was wir tun können, das geben uns Karten vor. Über die dürfen, und müssen, wir allgemein reden, ohne ihre speziellen Werte zu nennen. Im Kampf haben wir die Auswahl zwischen Nah-, Fern- und Magieangriffen, können Karten nachziehen und Spezialeffekte ausführen. Insgesamt gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, wie die Spiele verlaufen können. Das liegt auch daran, dass jede*r von uns immer einer von vier Heldengruppen, Troll, Halbling, Zwerg, Elfe, und einer von vier Klassen, Krieger, Magier, Schurke oder Druide, angehört. Alles in allem: Wunderbar, viel Spaß, ein rundum gelungenes, anspruchsvolles, spannendes Spiel.
„Boss Fighters QR“, Strategiespiel mit App von Michael Palm und Lukas Zach, Pegasus, zwei bis vier Personen ab zehn Jahren, etwa 36 Euro
Moon Colony Bloodbath

Nominiert zum Kennerspiel des Jahres 2026. In unserer Mondkolonie, auf Englisch „Moon Colony“, wird es ein Blutbad, auf Englisch „Bloodbath“, geben. Das wissen wir von Anfang an. Es gewinnt, wer zum Schluss noch die meisten Menschen hat. Die Kolonien bestehen aus einzelnen Gebäuden auf Gebäudekarten, sie erlauben uns Aktionen und bieten einer bestimmten Anzahl Menschen Schutz. Können wir nicht mehr alle ernähren, verlieren wir auch Gebäude. Gesteuert wird das durch Rundenkarten, die wir nach und nach als gemeinsames Deck aufbauen. Wenige Rundenkarten bringen Nahrung, Geld oder Gebäude, viele bringen Roboter. Die sind in der Regel für immer mehr Menschen tödlich. So gehen unser Besitz und unsere Leben und alles, was uns Sicherheit zu geben schien, verloren. „Moon Colony Bloodbath“ ist unglaublich beeindruckend und bedrückend. Während wir versuchen, für uns selbst einen klitzekleinen Vorteil zu erhaschen, geht um uns herum alles kaputt. Ist das zynisch? Nun, schauen wir uns in der Welt um…
„Moon Colony Bloodbath“, Deckbau-Strategiespiel von Donald X. Vaccarino, alea, eine bis fünf Personen ab 14 Jahren, etwa 50 Euro
Grundstein von Metropolis

Empfohlen zum Kennerspiel des Jahres 2026. Drei Jahre lang, also über drei Runden, legen wir den „Grundstein von Metropolis“. Dazu errichten wir unsere eigenen Wohn-, Gewerbe- und Öffentlichen Gebäude auf einem gemeinsamen Spielplan, die uns entweder Bewohner*innen, Einkommen oder verschiedene Nachbarschaften bringen. Nach jedem Jahr verwandeln sich unsere Erfolge bei Zwischenwertungen in Ansehen, und wer zum Schluss das höchste Ansehen genießt, gewinnt. Der Spielplan besteht aus einem Raster mit den Spalten A bis I und den Reihen 1 bis 9. Wo wir bauen dürfen, das regeln Blaupause-Karten mit Koordinaten, A1, …, D2, …, G8, …, I9. Reihum kaufen wir entweder eine Blaupause, also einen Bauplatz, wir bekommen Geld oder wir bauen ein Gebäude auf unseren Bauplätzen. Gebäude, die nur ein Koordinatenquadrat benötigen, können wir auf einen Einzelbauplatz legen. Um Gebäude mit zwei, drei oder vier Quadraten zu errichten, brauchen wir natürlich benachbarte Bauplätze. „Grundstein von Metropolis“ ist ein gut durchdachtes Legespiel, das uns trotz einfacher Regeln herausfordert. Schön ist, dass wir bei den Wertungen durch bestimmte Spielplankonstellationen sehr leicht erkennen können, wie viele Punkte wir bekommen.
„Grundstein von Metropolis“, Taktik-Legespiel von Emerson Matsuuchi, Kobold / Arcane Wonders, zwei bis vier Personen ab acht Jahren, etwa 50 Euro
Frosted Blooms

Empfohlen zum Kennerspiel des Jahres 2026. Wir züchten weiße, rote und lilafarbene Tulpen in Holland. Wir hoffen, dass sie uns in der kühlen Morgendämmerung als „Frosted Blooms“, englisch für „mit Frost überzogene Blüten“, die meisten Punkte bringen. Unseren Garten legen wir aus 48 Pentominos, das sind Plättchen, die aus fünf Quadraten in allen 12 daraus möglichen Formen bestehen. Sie sehen, für die, die sich das nicht vostellen können, aus wie die Buchstaben F, I, L, N, P, T, U, V, W, X, Y, Z. Jedes Plättchen trägt zwei benachbarte Quadrate mit Wasser und drei Quadrate mit ein, zwei oder drei Blüten in je einer Farbe. Das Material ist also sehr ausgewogen. Reihum nehmen wir ein Plättchen aus der allgemeinen Auslage und ordnen es auf unserem eigenen Tulpenfeld an. Danach werten wir eine oder zwei Tulpenfarben oder Gewässer, welche, das gibt uns unsere aktuelle Wertungskarte vor. Zusätzlich, und das ist ungewöhnlich bei einem Legespiel, werden wir auch belohnt, wenn wir zwischen unseren Plättchen Lücken in bestimmten Formen lassen. Je nach Form setzen wir dort Arbeiter, Gewächshäuser oder Windmühlen ein. Nicht zuletzt punkten wir auch noch, wenn wir zuerst eines der vorgegebenen Ziele erreichen: sechs weiße Tulpen, 10 rote Tulpen, drei Windmühlen… Das Material ist liebevoll gestaltet: Die Tulpen tragen silberfarbene Ränder, die Figuren sind aus Holz. Was wie ein einfaches Legespiel anmutet, kann auch als einfaches Legespiel gespielt werden. Wir können kann jedoch auch hochtaktisch vorgehen und versuchen, unsere Erfolge zu kombinieren. Das macht richtig viel Spaß, nicht zuletzt, weil vor uns sooo schöne Gärten entstehen.
„Frosted Blooms“, taktisches Legespiel von Bruno Cathala und Ludovic Maublanc, Elznir Games / Synapses Games, eine bis vier Personen ab acht Jahren, etwa 27 Euro
Tag Team

Empfohlen zum Kennerspiel des Jahres 2026. Auf in den Kampf! In „Tag Team“ messen wir am Spieltisch unsere Kräfte. Jede*r verfügt über ein Team aus zwei von zwölf Kämpfer*innen, jede*r Kämpfer*in hat einen eigenen Kartensatz und eigene Kraftreserven, die auf die Handlungsmöglichkeiten auf den Karten abgestimmt sind. Allerdings: Die Reihenfolge der Karten legen wir von Anfang an für das gesamte Spiel fest, Ergänzungen gibt’s immer genau dann, wenn eine Karte nachgezogen wird. Wir mischen also niemals und stecken die gezogene Karte an eine Stelle in der Kartenreihenfolge, an der wir sie für besonders nützlich halten. Nachgezogen wird immer dann, wenn wir die Karten, die bereits im Spiel sind, durchgespielt haben. In jeder Runde werden es also mehr, die Kämpfe dauern immer länger. Irgendwann hat jemand alle Lebenspunkte und damit das Spiel verloren. „Tag Team“ ist ein rundum gelungenes Deckbuilder-Spiel, also eines, bei dem wir unser Kartendeck nach und nach zusammenstellen. Es ist auch ein Auto-Battler-Spiel, also eines, bei dem die wichtigen Entscheidungen in der Vorbereitungsphase, also hier beim Deckbauen, getroffen werden. Daraus entwickelt sich dann der Kampf. Anspruchsvoll und spannend.
„Tag Team“, Auto-Battler- und Deckbuilder-Spiel von Gricha German und Corentin Lebrat, Kosmos, zwei Personen ab zehn Jahren, etwa 20 Euro
Artengarten

Empfohlen zum Kennerspiel des Jahres 2026. Unser „Artengarten“ ist ein Zoo aus sechseckigen Plättchen mit Tieren, Gebäuden und Naturschutzprojekten. Alles bringt, wenn wir es in unsere Auslage legen, auf die eine oder andere Art Punkte. In jeder Runde bekommen wir eines von den sechs ausliegenden Plättchen. Welches, das regeln unsere vier Aktionskarten, die immer wieder andere Werte vorgeben: Aus welchen Plättchen dürfen wir wählen? Welche Werte dürfen wir wählen? Dabei versuchen wir, Tiere aus gleichen Lebensräumen, Wald, Wasser, Gebirge, oder aus gleichen Kontinenten nebeneinander zu legen. Damit erfüllen wir Naturschutzprojekte, was uns Punkte und Vorteile bringt. Das alles erfordert einen guten Überblick und viel Planung, und wir müssen gut aufpassen, dass wir nichts übersehen. So geht das, bis ein Zoo voll, alle Naturschutzprojekte erfüllt oder alle Plättchen aufgebraucht sind. „Artengarten“ wurde nach dem deutlich komplexeren „Arche Nova“ entwickelt und ist ein gelungenes, wunderbares Legespiel auf Kennerspielniveau.
„Artengarten“, Legespiel von Mathias Wigge, Feuerland, eine bis fünf Personen ab zwölf Jahren, etwa 50 Euro





