Phillies Tagebuch: Die Top 1000 Lernerfahrungen

Kolumne von Philipp Grosse

Grafik: Rafael Becker

Die Sache mit dem (schulischen) Lernen ist eine sehr sensible Sache für meine Frau Ida und mich. Es graut uns jetzt schon vorm staatlichen Bildungssystem, auch wenn wir noch etwas Zeit haben bis zur Einschulung unserer Tochter. Was sollen wir dann nur tun?

Erstmal chillen würde ich sagen. Unsere Tochter Bo ist jetzt zehn Monate alt und im Moment hangeln wir uns von einer gemeinsamen Lernerfahrung zur nächsten. Zum Beispiel haben wir gelernt, dass das Zahnen und die damit einhergehende Sprühwurst-Action ziemlich beschissen ist. Ich war mit Bo und dem Hund 2 bis 3 Stündchen spazieren und da muss sie in Salzsäure gesessen haben. Wir dachten, ihr Po löst sich auf, das war echt krass. Im Anschluss gab es dann erstmal ein paar Tage Premium-Eincreme-Service und Unterboden-Belüftung.

Die nächste Lernerfahrung war folgende: Wenn man meint, sich bei einer Wandertour mit alten Freunden ordentlich einen reinstellen zu müssen, dann geht einem der nächste Tag mit Kind ziemlich an die Substanz und ist einfach komplett für die Katz. Und wieder einmal ist Dr. Schlau eine Runde schlauer. 

Bo und ich hängen gerade viel im Keller ab und misten zusammen mein Zeug aus. Ich erkläre ihr dann immer, dass sie niemals soviel Kram anhäufen darf. Etliche DVDs und CDs… wir haben noch nicht mal mehr ein Laufwerk dafür und mal ehrlich. Ich vermisse meine VHS-Kasetten von früher überhaupt nicht, die habe ich damals zum Glück schon bei meinem Auszug aus dem Elternhaus entsorgt. Irgendwie hängt man eben emotional an seinem alten Ramsch fest. Ich hoffe, dass wir unserer Tochter im Bezug auf materielle Dinge einen reflektierteren Umgang vermitteln können. 

Was wir neulich auch noch dazulernen mussten, war: NIEMALS ohne Spucktuch das Haus verlassen. Ich habe ihr im Oberwald einen Quetschi (Brei aus der Tube) gegeben und die blöde Nudel quetscht volle Kanne das Ding zusammen! Ihr ganzer Wollwalk (trendiger Baby-Einteiler aus der Öko-Eltern-Bubble) war mit dem Zeug voll. Eine Freundin hat mir daraufhin eine Serviette gereicht, mit der ich dann irgendwie versucht habe klarzukommen. Was für ein Mist! Musste dann auch noch lernen, dass man das Ding nur von Hand waschen darf. „Nicht drücken! Nicht wringen!“, sagt Google. Und wie soll ich jetzt die 10.000 Liter wieder aus der Wolle bekommen?! 

Was uns hier auch ständig passiert und woraus ich eigentlich schon längst hätte lernen sollen, ist der folgende All-Time Classic: Wenn ich Bo schlafen lege und sie endlich eingepennt ist, vertreibe ich mir die Wartezeit mit einer Runde am Käschtle (Smartphone) scrollen, bis sie komplett im Schlummerland angekommen ist. Und während ich mich meiner digitalen Selbstbefriedigung hingebe, vergesse ich es immer wieder, das blöde Ding auf lautlos zu stellen. So ploppt also meistens ein funny Video auf, ich starte es ohne darüber nachzudenken und der Ton sprengt schier die Hauswand weg! Überraschung! Bo erwacht und schreit mich an, wie ich es nur wagen kann, während der Arbeitszeit am Käschtle zu hängen!? Ok! Hab’s ja gecheckt! Ich nehm das Smartphone in Zukunft nicht mehr mit!

„Darf die Bo Stecker in den Mund nehmen?“, fragt mich Idas Mutter gerade, als sie zu Bo ins Zimmer gegangen ist. „Ne!“ – „Gut. Das habe ich ihr gerade auch erklärt“ Och ne! Jetzt muss ich auch noch alle Stecker abchecken… Wie man sieht, lernt man gemeinsam immer wieder dazu. Learning by doing… 

Wobei man auch den ein oder anderen Klassiker der Lernerfahrungen ruhig gänzlich vermeiden könnte. Gestern habe ich Bo gewickelt und mich über die sich ansammelnden Aufgaben, Termine, etc. aufgeregt. Ida hat sich dann den überquellenden Eimer vollgekackter Waschlappen angesehen und zu mir gemeint, dass dieser meine derzeitige Lebenssituation widerspiegelt und ich mal lernen müsse, mich besser zu organisieren. Ich sollte mir wahrscheinlich eine App zulegen, die mich an alles erinnert. Am besten eine mit sehr lautem Signal, der immer dann ertönt, wenn ich Bo gerade schlafen lege. 

Meine Idee, Bo eine Schüssel voller Reis zu servieren, war im Nach-hinein betrachtet auch nicht mein bester Einfall. Überall klebte das Material und unser Hund sah aus wie eine lebendig gewordene Inside-Out Sushi-Rolle. Lernerfahrung Nr. 172: Nicht zu viel Reis in die Schüssel! 

Unser neuer weißer Flausch-Teppich wurde geliefert – was eine Freude. Und relativ zeitgleich probierten wir neues Knabberzeug für Bo aus. Ich gab ihr eine dieser Karotten-Kekse (mit extra viel Carotin) zur Verkostung auf unserem schönen neuen Teppich. Keine zwei Minuten später war alles um sie herum orange. So ein Mist! Das Zeug klebt auch noch wie Pappmaché zwischen den Fusseln fest. Lernerfahrung Nr. 234: Kein komisches abfärbendes Klebe-Knabberzeug mehr auf dem Teppich! 

Wie ihr seht.. als Eltern lernt man anscheinend nie aus. Und die Moral von der Geschicht’: Halbe Eier rollen nicht. Ach ne.. Moment. Das war eine andere Geschichte. 


Phillie

Phillie

Phillie erzählt in seinen Tagebucheinträgen von seinen Erfahrungen als Papa. Er ist gelernter Erzieher und Yoga-Lehrer.

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