Alines Kolumne: Dorfschwund

Um ein Kind aufzuziehen braucht es ein ganzes Dorf.“ so lautet ein nigerianisches Sprichwort. Auch Nicola Schmidt (deren Bücher ich liebe und empfehle) spricht in ihren „Artgerecht Projekt“ Büchern immer wieder vom Dorf. Ein Netzwerk aus FreundInnen, Bekannten und Verwandten welches die Eltern entlasten sollen.

Seit sieben Jahren suche ich dieses Dorf und finde es ehrlich gesagt sehr schwer ein solches Netzwerk aufzubauen oder überhaupt erst zu finden. Insbesondere als ich mit Nummer drei schwanger war, habe ich Hilfe benötigt und kaum gefunden. Es kamen viele Dinge aufeinander. Wir mussten unsere Kinder in dieser Zeit aus verschiedenen Gründen aus dem Kindergarten nehmen und bekamen länger als gedacht keinen neuen Kindergartenplatz.

Der Große hat nach fünf Monaten „zuhause Urlaub“ sein Vorschuljahr in einem neuen Kindergarten antreten dürfen, unsere Mittlere war ganze 1,5 Jahre ohne Kindergartenplatz und genoss es sichtlich. Ja, ich dachte auch immer zuhause ist es doch für die Kinder am schönsten…aber ist es das wirklich immer? Meine dritte Schwangerschaft war nicht so unkompliziert wie die zuvor, zudem kam Corona und kaum Kontakte zu anderen. Weil ich schon früh Schmerzen in der Symphyse (das ist die Schambeinfuge, welche die zwei Beckenhälften vorne verbindet…Schmerz zieht bei jeder Bewegung runter in die Beine) hatte und dazu noch eine Schwangerschaftsdermatitis, die mir schlaflose Nächte bereitete, waren wir sehr viel zuhause.

Die Corona Isolation gab ihr Übriges dazu. Was passiert mit einer Schwangeren, die eigentlich Ruhe und Entlastung braucht, wenn fünf Monate lang zwei Kinder im Alter von drei und fünf alles andere als Ruhe verbreiten? Sie geht auf dem Zahnfleisch, ist entmutigt, genervt, gestresst, hat einen harten verkrampften Bauch, fühlt sich allein gelassen und ist von sich selbst enttäuscht. Ja enttäuscht. Denn sie tut all das, was sie nie wollte. Sie nörgelt ständig mit den Kindern, hat Schuldgefühle, versucht ihre Umgebung ordentlich und schön zu halten (denn wenn man nur zuhause ist, will man sich wenigstens dort wohlfühlen), sie schreit rum, ist unfair, impulsiv und unberechenbar, reproduziert Muster aus ihrer eigenen Kindheit ohne sie zu hinterfragen, lässt zu lange Medienzeiten zu und hat kein Ohr den Kindern richtig zuzuhören.

Ja, es kann bestimmt schön sein seine Kinder die ersten Jahre zuhause zu begleiten, aber da braucht es Zeit, Rückhalt und viel Muse. Sobald Stress und Überforderung ins Spiel kommen bezweifle ich, dass es für die Kinder schön ist. Nach fünf Monaten war es September, mein Sohn ging endlich in die Kita, ich wurde im Oktober durch die Geburt meiner Tochter von den Schmerzen und der Dermatitis erlöst und mit meiner Mittleren ging es weiter in das nächste Kindergartenfreie Jahr. Nun hatte ich zwar keinen störenden Bauch mehr, aber dafür immer ein Neugeborenes an mir.

So kam es, dass nun nicht nur einer Ruhe benötigte, sondern zwei. Das Baby und ich. Unsere temperamentvolle Tochter fühlte das natürlich gleich und machte darauf aufmerksam, dass sie doch nun endlich mal an der Reihe sei… war sie doch schon die ganze Schwangerschaft auf Platz 2. Ich erspare euch die vielen Momente, wo wir zusammen weinend auf dem Küchenboden saßen. Baby, Mama und Tochter. Alle überfordert von der Situation.

Falls ihr euch fragt, wo mein Mann in der Geschichte ist: er war die ersten vier Wochen zuhause und ich hatte ein wunderbares Wochenbett mit ganz viel Ruhe, danach hat er so viele Homeoffice Tage wie möglich gemacht und versucht mich so gut es geht zu entlasten. Er hat, nachdem er die Kinder jeden Abend ins Bett gebracht hat, das Baby 6 Monate lang bis 3 Uhr nachts geschaukelt, weil es dann erst geschlafen hat. Er ist trotzdem jeden Morgen um halb 7 wieder aufgestanden und hat die Frühschicht übernommen, er hat geputzt und gekocht, wenn er Zeit hatte und trotzdem. Trotzdem war es anstrengend, überfordernd und viel. Es sei hier kurz erwähnt, dass Elternzeit leider immer noch auch eine finanzielle Frage ist.

Als unsere Mittlere am 1. Geburtstag des Babys endlich in die Eingewöhnung startete hatte ich Tränen in den Augen. Tränen vor Erleichterung und Glück. Diese Zeit war so anstrengend für uns als Familie. Und nein, die gemeinsame Zeit hat uns nicht nur gut getan. Ohne dieses verdammte Tablet, dass mir erlaubte eine Mittagspause zu machen, hätte ich es schlichtweg nicht geschafft. Wie sehr hätte ich mir ein Dorf statt des Tablets gewünscht. Ein Dorf, das unter anderem Corona nicht möglich gemacht hat. Zudem kommt, dass unsere Eltern, also die Großeltern, alle selbst noch berufstätig sind, FreundInnen und Bekannte alle selbst so eingespannt sind, dass sie nicht nach links oder rechts schauen können. Wie soll man also ein Dorf in dieser schnelllebigen kostspieligen Zeit aufbauen? Ich versuche mein Glück nun auf einer Babysitter Plattform. 

Tipp: falls ihr ein Baby im ersten Lebensjahr habt, könnt ihr euch bei dem Programm Wellcome Karlsruhe (paritätische Sozialdienste Karlsruhe) melden. Dort kann man unkomplizierte Hilfe von Ehrenamtlichen bekommen und zumindest einmal die Woche zuhause in Ruhe unter die Dusche. Danke an Wellcome Karlsruhe und seine Ehrenamtlichen, sie haben auch uns in der fordernden Zeit unterstützt.


Aline

Aline Diller

Aline Diller ist Pädagogin und 3-fach Mama aus Karlsruhe. Sie schreibt über Themen rund ums Eltern-Sein.

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