Alines Kolumne: Deine Wunschgeburt

Camena Krämer | Deine Geburtsfotografin

TRIGGERWAHRUNG für Frauen* mit traumatischen Geburtserfahrungen –

Meine Wunschgeburt? Was soll das sein? Mein Bauch ist kugelrund und plötzlich wird mir klar… dieses Kind muss auch geboren werden! Es gibt keinen Schritt mehr zurück.

So schön der Gedanke ist, dass sich ein Kind auf dem Weg ins Leben befindet so befremdlich und beängstigend kann er auch sein. Gerade beim ersten Kind kommen viele Fragen auf. Man hat Bilder im Kopf. Bilder aus den Medien. Eine Frau* in einem grell erleuchteten Krankenhauszimmer, die Wände kahl, die Möbel steril, die Menschen kurz angebunden. Frau liegt rücklings, verletzlich, fremdbestimmt mit weit gespreizten Beinen auf Liege oder Gynäkologen-Stuhl. Mehrere Personen stehen vor den gespreizten Beinen und schauen erwartungsvoll in Richtung Unterleib. Es wird angefeuert: Pressen! Atmen! Hecheln! Noch ein Stück! Auf geht’s! Gleich geschafft! Die Frau*, verletzlich, passiv, unterwürfig, macht das was gesagt wird, vertraut auf den ärztlichen Rat oder resigniert vielleicht sogar.

Warum? Warum ist das Bild, das von Geburt vermittelt wird immer noch dieses? Es muss in Krankenhäusern nicht so ablaufen wie beschrieben. Viele Hebammen und Doulas setzen sich dafür ein, dass Geburten im Krankenhaus auch anders zugehen. Die Frauen* in ihrer Wunschposition, in einer aktiven Position gebären können, die Räume etwas mehr Gemütlichkeit vermitteln und die Frau* selbstbestimmt über ihre Geburt entscheiden darf. Es gibt zahlreiche außerklinische Geburten in Hebammen geleiteten Geburtshäusern oder zuhause. Es gibt so viele schöne Wege ein Kind zur Welt zu bringen und auch schöne, anmutige, ermutigende und inspirierende Bilder (siehe Instagram: Deine Geburtsfotografin oder Isabell Steinert Fotografie). In den Medien und im Kopf bleiben aber die Schreckensbilder. Und so kommt es, dass Geburt nicht als natürlicher Vorgang wahrgenommen wird, sondern als ein komplikationsreiches medizinisches Unterfangen. Meiner Meinung nach liegt genau hier der Fehler. Wie soll eine Frau* stark, angstfrei, voller Mut und Kraft, selbstermächtigt und selbstbestimmt in eine Geburt eingehen, die von vornherein einen so negativen Titel trägt. Wie soll eine Frau* während der Geburt entspannen, ihren Muttermund öffnen können, wenn so viel Angst projiziert wird. Öffnung passiert beim Loslassen. Loslassen bei Vertrauen und Wohlbehagen.

Schon in der Vorsorge kann man so einiges zu Hören bekommen: Ihr Becken ist zu eng, das Köpfchen ist zu groß, das Kind ist zu klein, das Kind ist zu groß, das Kind liegt schlecht, die Nabelschnur, die Plazenta etc. 

Studien geben an, dass die geschätzten Geburtsgewichte durch Ultraschalluntersuchungen 20-25% von den wirklichen Geburtsgewichten abweichen (das können dann gut 800g mehr oder weniger sein bei einem Geburtsgewicht von 3500g). Aber niemand redet darüber. Es wird empfohlen weitere Untersuchungsmethoden (beispielsweise Leopoldscher Handgriff) einzusetzen, um das Gewicht besser einzuschätzen. Ultraschall alleine sollte nicht der alleinige Ausschlaggeber für eine Entscheidung über den Geburtsmodus sein. Nur habe ich lange keine GynäkologIN mehr erlebt, die des Leopoldschen Handgriffs mächtig war, bzw. ihn eingesetzt hat.

Ich kann mich zu den glücklichen Frauen zählen, die eine erfahrene Hebamme für Vor- und Nachsorge hatten und zu den 1,5%, die eine Hebamme für eine außerklinische Geburt gefunden hat. Mother Hood e.V. berichtet, dass je nach Region 10-50% der Schwangeren keine Hebamme für Vor- und Nachsorge finden. Von Hausgeburtshebammen mal ganz abgesehen… Hebammenmangel gibt es nicht nur außerklinisch. Auch in den Kreißsälen sorgt Personalmangel für schlechte Betreuung der Frauen*. Geburten müssen schneller gehen und Maßnahmen hierfür werden ergriffen.

Ich frage mich, wann die Geburtshilfe im Fokus steht? Wie viele Frauen* müssen unterversorgt sein, damit die Hebammen einen Versicherungsschutz bekommen, den sie zahlen können? Wie viele Hebammen müssen noch von der Liste verschwinden, dass bemerkt wird, dass es in der Geburtshilfe an allem fehlt! Und wann können wir Geburt wieder so sehen wie sie die Evolution hervorgebracht hat? Als ein festliches, anmutiges, königliches Geschehen, dem wie Frédérick Leboyer schon 1974 in seinem Buch „Geburt ohne Gewalt“ in Demut begegnet werden sollte. Wie soll man seinen Geburtsort frei wählen können, wenn es gar keine frei zu wählenden Optionen mehr gibt?

Deine Wunschgeburt kannst du auf einen Zettel schreiben und ihn im Krankenhaus abgeben und hoffen, dass er gelesen wird. Du kannst deine Wunschgeburt aber auch von Anfang an selbst in die Hände nehmen und mit einer Hebamme/ einer Doula selbstbestimmt darauf hinarbeiten. Ein so wichtiges Ereignis in deinem Leben sollte nicht fremdbestimmt sein.

Ein interessantes Buch zum Thema ist “Alleingeburt“ von Sarah Schmid (Ärztin und Mutter), in dem Frauen* befähigt werden möglichst viel (medizinisches Fach-)Wissen über Schwangerschaft und Geburt zu erlangen, um während der Geburt mit den GeburtsbegleiterINNEN (ÄrztINNEN, Hebammen, Doulas) zusammen Entscheidungen zu treffen, um möglichst selbstbestimmt gebären zu können.

Dies ist keine Animation zu Alleingeburten oder ein Angriff auf die klinische Geburtshilfe. Klinische Geburtshilfe kann lebensrettend und wichtig sein. Sie ist nur nicht immer von Anfang an notwendig.

Auch meine Kinder möchte ich bestärken, dass Geburt zum Leben gehört, damit sie später mal angstfrei mit dem Thema Geburt umgehen können. 

Ein schönes Buch für Kinder zum Thema außerklinischer Geburten ist „Runas Geburt, meine Schwester kommt zur Welt“ (von Kamieth und Spillmann).


Aline

Aline Diller

Aline Diller ist Pädagogin und 3-fach Mama aus Karlsruhe. Sie schreibt über Themen rund ums Eltern-Sein.

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