Vier Bücher über Rassismus

 

Ob ein unbedachter Satz, ein Vorurteil, eine bewusste Provokation oder gar eine Hassrede: Rassismus hat sehr viele Gesichter und trifft Menschen schwer. Deshalb ist es wichtig darüber zu reden. Die folgenden Bücher tun das in ganz unterschiedlicher Weise und ab und an muss man herzhaft lachen beim Lesen.


Ching Chang Stop

Dian kommt aus Bayern, aber immer wieder wird sie gefragt „Wo kommst du her? Ursprünglich meine ich“. Was vom Fragenden vielleicht ohne Falsch und Arg gemeint ist, verletzt Dian. Denn mit solchen Äußerungen bekommt sie schon seit ihrer Kindheit das Gefühl „Ich gehöre nicht dazu“. Über ihre vielen Erfahrungen mit einem alltäglichen Rassismus hat sie ein wütendes, zartes und helfendes Buch geschrieben. Eigentlich mehr gezeichnet und das sehr gut. „Schlitzauge“ auf dem Schulhof nachgerufen zu bekommen, exotische Begehrlichkeiten alter Männer zu wecken und das ausgerechnet im Pubertätsalter, vom Englischlehrer „Lotusblüte“ genannt werden… Schluss damit, fordert sie in eindrucksvoll dynamischen Bildern. Ein Buch, dass wachrüttelt, Strukturen aufzeigt und anderen Betroffenen Mut macht, sich zu wehren.  Kritisches Nachzufragen zum Beispiel „Wie hast du das gerade eben gemeint?“ kann Wunder bewirken. Am Ende dieses wertvollen Buches stehen wichtige Tipps, wie man sich in rassistisch aufgeladenen Momenten verhalten sollte, ohne sich in Gefahr zu bringen. Die wichtigste Botschaft aber lautet „Du bist nicht alleine!“

Dian Gohring 76 Seiten, Carl-Auer-Verlag 2022 ISBN: 978-3-96843-026-3 € 21,95, ab 6 Jahren 


Was ist Rassismus

Ich war sehr gespannt, wie man das Thema Rassismus Kindern ab vier Jahren vermitteln kann. Dieses tolle Bilderbuch mit seinen vielen Klappen schafft das mühelos! Zunächst gibt es sechs Fragen, die auf jeweils einer Doppelseite mit zahlreichen Klappentexten beantwortet werden. „Was ist Rassismus?“ lautet die erste und hinter der Klappe mit der Aufschrift „Wie viele Rassen gibt es?“ findet sich die einfache Antwort „Eine einzige, die Menschen insgesamt. Aber in einer unglaublichen Vielfalt“. „Warum sehen wir unterschiedlich aus?“ steht über der zweiten Seite und „Warum ziehen Menschen in andere Länder?“ lautet die Überschrift der dritten Seite. Spannend wird es auch beim Thema „Warum sind Menschen Rassisten?“ Die Klappen klären auf: Kinder übernehmen die Meinungen der Eltern oder sie sind rassistisch, um Macht auszuüben und selbst größer zu wirken. Zwei der vielen erhellenden Antworten, die auch für Erwachsene manchen AHA-Effekt und Perspektivenwechsel bereithalten. Und die vorletzte Frage „Darf man über Rassismus sprechen?“ muss natürlich mit einem lauten JA beantwortet werden. Ein wichtiges Bilderbuch, das schon Kindergartenkinder zu einem freundlichen und respektvollen Miteinander anregt.

Erstes Aufklappen und Verstehen 12 Seiten, Usborne 2022, ISBN: 978-1-78941-635-0, € 12, ab 4 Jahre


Jeden Tag Spaghetti

Welch ein Buch! Ich bin begeistert. Gleiche Ausgangssituation wie oben: Party und die Frage „Und woher kommst du?“ und dann die Antwort „Mein Vater kommt aus Italien.“ Nach einigem Nachdenken dann die Einsicht: Diese Antwort ist keine richtige Antwort auf eine Frage, die auch keine richtige Frage ist. Sie fühlt sich nämlich eher an wie „Du bist nicht wie die Menschen von hier.“ Daraus entwickelt sich dann ein großartiges Sammelsurium von Momenten, die ähnlich schräg verlaufen sind im Leben der Autorin. Da ist die Sache mit der Tomatensauce, die ihr Vater angeblich nur deshalb so gut kochen kann, weil er Italiener ist und das Familienrezept von Generation zu Generation weitergegeben wird. Zumindest sehen das die Mütter aus Lucias Klasse so. In Wahrheit kann jener Papa gar nicht kochen und benutzt regelmäßig eine Fertigmischung Spaghetti aus dem Supermarkt. Weg mit dem Schubladendenken schreit jede dieser handschriftlich beschriebenen und herrlich witzig illustrierten Buchseiten. Und her mit dem Satz „Glaub nicht alles, was du denkst“. Wunderbar schräg und herzerfrischend!

Lucia Zamolo, 128 Seiten, Bohem Press 2022, ISBN: 978-3-95939-205-1, € 16, ab 12 Jahre


Manchmal male ich ein Haus für uns

Rassismus hat oft mit Unkenntnis zu tun. Zu wissen, woher jemand kommt, warum er sein Zuhause, seine Familie und die Freunde verlassen hat und wie beschwerlich der Weg nach Deutschland war, ist mit Sicherheit das beste Mittel gegen Rassismus. Dieses berührende Buch lässt Kinder und Jugendliche zu Wort kommen, die im berüchtigten griechischen Lager Moria ausharren. Sie erzählen von ihrer Flucht, ihrem Alltag, dem Warten auf positive Asylpapiere und der Angst vor der Abschiebung in ihre Heimatländer. Trotz dieser trostlosen Lebensbedingungen lachen manche Kinder auf den Fotos, spielen ausgelassen mit ihren Freundinnen oder machen Quatsch mit ihren Müttern. Was sicherlich viel mit der großartigen Fotografin Alea Horst zu tun hat, die nach einem ehrenamtlichen Einsatz als Nothelferin auf Lesbos das Schicksal der geflüchteten und vergessenen Kinder nicht mehr loslässt. Viele schauen sehr nachdenklich in die Kamera, wie der achtjährige Qutbuddin aus Afghanistan, der sich so sehr ein eigenes Zimmer wünscht, in dem es Möbel gibt zum Kleider einräumen. Fares ist elf und erzählt davon, dass er nach dem Bombenangriff auf das Haus seines Freundes in Syrien nichts mehr kann, noch nicht einmal mehr spielen. Jawad ist schon 14 und er ist sich sicher: Wer viel Wissen hat, kann das nie abgenommen bekommen. Deshalb ist es wertvoller als Geld. Zainab und ihre Freundin Nida helfen sich gegenseitig und machen sich als beste Freundinnen Mut. Adonai ist 12 und ist vor zwei Jahren das letzte Mal in seiner Heimat Kongo zur Schule gegangen. Wie sehr wünscht er sich, jeden Tag etwas lernen zu dürfen. Im Lager ist das nicht möglich. Wer diese kurzen Einblicke das Leben der Flüchtlingskinder liest und ihre Gesichter dazu sieht, der kann unmöglich je wieder rassistische Gedanken haben. Ein sehr wertvolles Buch!

Alea Horst, Mehdad Zaeri, 80 Seiten, Klett Kinderbuch 2022,ISBN: 978-3-95470-263-3, € 16, ab 8 Jahre


Eva

Eva Unterburg

Eva Unterburg schreibt wunderschöne Rezensionen über Kinderbücher und ist langjährige Freundin der Redaktion.

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