Die Urlauberwelle – Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Raphael Becker

Neulich waren wir am Meer. Es war wunderschön, das Meer wellig, der Campingplatz ruhig und das Hinterland voller kulinarischer Entdeckungen.
Und dann kam jener Tag, an dem alles anders wurde: der Pfingstsamstag.
Die Schleusentore gingen auf und Heerscharen von Autos mit süddeutschem Kennzeichen fluteten die Zufahrtswege zum Platz. An der Rezeption begann etwas Ähnliches wie das große Hauen und Stechen. Immer wieder wurde das Wort „reserviert“ siegesgewiss über die Köpfe der Mitkonkurrenten um eine mobile Heimstatt Richtung Rezeption geworfen.
Übermüdete Gesichter junger Eltern gegen quicklebendiges Kinderglück, das vor Tatendrang kaum zu bremsen war. Sogar aufgeblasene Flamingos drängten sich in der Enge vor dem Tresen.

Wo vorher französisches Nachbargemurmel mit holländischen Sprachfetzen sich vermischten, ab und an durch Schwyzerdütsch unterbrochen, hörte man nun schlagartig aller Orten Schwäbisch und natürlich das vertraute Badisch.

Hinter uns bauten Münchner ihr Familienzelt auf. Dem Familienvater zuzuhören, wie er seiner offenbar nicht mehr mit dem besten Gehör gesegneten daheim gebliebenen Mutter zu x-ten Mal in breitestem Bayrisch zuschrie, dass ihr Tod nicht kurz bevor stehe, nur weil die Familie in den Urlaub gefahren sei, war bühnenreif.
Die bisher so beschaulichen Wege durch die üppig blühenden Pflanzen waren plötzlich nicht mehr sicher. Überall fuhren Kinderfahrräder, sausten Kleinstkinder auf Laufrädchen und joggten junge Väter hinter Buggys mit einem Baguette unterm Arm Richtung neu bezogenem Feriendomizil. Es war ein einziger Freudentaumel seitens der Kinder. Man erkannte Freunde aus dem letzten Jahr mit sich überschlagender Stimme und heftigen Umarmungen, zog sofort los Richtung Meer los ohne den Eltern Bescheid zu geben, was zu lauten Suchaktionen führte.

Die bunte Badelandschaft sprudelte über vor hüpfenden und paddelnden Kinder-Gliedmaßen, von besorgten Elternhänden in aller Eile mit Sonnenmilch versehen und nicht selten ob ihrer Rutschigkeit vorschnell entglitten.
Der Platz war plötzlich randvoll, selbst die unattraktivsten Stellplätze ohne Schatten wurden belebt und mit Heringen abgesteckt. Kleine Minibäumchen gossen die neuen Bewohner eifrig, in der Hoffnung, sie damit zum schnelleren Wachstum zu bewegen. Jeder Millimeter Schatten wurde ausgenutzt und die langen Wege zum Meer mit den mitgebrachten Bollerwägen bewältigt. Auszug aus Ägyptenland.

Das abendliche Programm der Animateure war bisher durchgängig in französischer Sprache gewesen und erfreulicherweise nie zum Fremdschämen, sondern gesanglich und tänzerisch großartig. An diesem Abend wurde die Sprache gewechselt und von Stund an in Deutsch zum Mittanzen aufgefordert.
Wir wussten, dass mit der süddeutschen Urlauberwelle unsere Zeit dort am Meer endlich sein würde und unser Platz in der zweiten Reihe seit Jahren vorreserviert worden war. Und so verwunderte uns der mit den Füßen scharrende Familienvater am nächsten Tag nicht. Unser Nachmieter stand schon am frühen Morgen etwas ungehalten vor seinem Wohnmobil auf dem Weg, als wir mit verschlafenen Augen ins sonntägliche Pfingstlicht blickten. Wer die ganze Nacht durchfährt ist eben früh da.


Eva

Eva Unterburg

Eva Unterburg schreibt wunderschöne Rezensionen über Kinderbücher und ist langjährige Freundin der Redaktion.

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