Wisch und weg Kommunikation

Kolumne von Eva Unterburg

Betrachtet man das Phänomen der jugendlichen Kommunikation im großen Ganzen, dann hat sich menschheitsgeschichtlich doch so manches getan.

Wo altsteinzeitliche Jugendliche in Gammleroutfit mit langen Haaren und Flokatiumhang ihren Jäger- und Sammler-Eltern mit gutturalen Lauten den Gehorsam verweigerten, schrieben junge Sumerer, sofern sie der Bildungsschicht angehörten, in niedlichen keilförmigen Schriftzeichen brav die Lagerbestände der dortigen Tempelanlagen auf. Auch im Alten Ägypten hat man sich als junger Schreiberlehrling im Steno-Malen des Demotischen geübt, zunächst auf alten Tonscherben, denn Papyrus war zu wertvoll für solche Übungs-Kritzeleien. Um Persönliches ging es dabei eher nicht. Bei den Römern waren es Wachstäfelchen, wo so manch unflätiges Wort oder der ein oder andere ordinäre Trinkspruch festgehalten wurde. Allerdings nicht für die Nachwelt, denn die mediterrane Sonne oder ein strenger griechischer Lehrer sorgten auf unterschiedliche Weise für die Glättung der weichen Schreibunterlage. Mit Graffiti an den römischen Hauswänden hatten es die römischen Spitzbuben schon leichter.

Dann kam das Mittelalter mit seinen mühsam abgeschriebenen Kodizes. Stund um Stund saßen damals die jungen Novizen mit gebeugtem Rücken und bei schlechtem Licht über dem wertvollen Pergament und schrieben mit kratziger Feder Buchstabe für Buchstabe ab. Antike und biblische Texte in erster Linie, alles sehr gesittet und in religiösen Bahnen. Johannes Gutenberg brachte mit seiner bahnbrechenden Erfindung der beweglichen Lettern frischen Wind in das geschriebene, äh gedruckte Wort. Fortan konnten alle möglichen und unmöglichen Gedanken in Windeseile verbreitet werden. Das Gegenüber musste nur des Lesens mächtig sein und schon war man im Bilde, was so in der Welt vor sich ging. Wer welchen Kontinent gerade per Schiff umrundet oder gar komplett entdeckt hat, beispielsweise. Die Mehrzahl der damaligen Jugendlichen musste sich allerdings mit den dramatisch vorgetragenen öffentlichen Vorstellungen des Fahrenden Volkes begnügen, um an neue Informationen zu kommen, denn wer konnte damals schon lesen und schreiben…

Dann kam es nach und nach zur flächendeckenden Einführung der Schulpflicht. Hurra, endlich konnte jedes Kind ein A von einem B unterscheiden, doch bei vielen blieb die Bibel das einzige Buch, das sie später im Haus hatten und Briefe zu schreiben blieb weiterhin den wenigen Gebildeten vorenthalten. Es folgten in rasantem Tempo diverse Innovationen im Kommunikationsbereich, wie die Einführung der Post (ok auch die Ägypter hatten schon im 12. Jhd. eine gute funktionierende Brieftaubenpost), eine Flut von Zeitungen (auch das nicht ganz neu, schon Julius Cäsar ließ die Acta Diurna vervielfältigen), das pfiffige Rohrpostsystem und natürlich die Telegraphie. Später kam das „Fräulein vom Amt“ dazu, die die ersten Telefonfreudigen noch miteinan-der verstöpseln musste.

Mitte das letzten Jahrhunderts dann der Durchbruch: Das erste Mobiltelefon – es wog tatsächlich 37 Kilogramm! Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis jeder Jugendliche Zugang zu einem eigenen Telefonanschluss in der Familie oder gar einem Mobilphone bekam. Bis dahin verabredete man sich in der Schule oder auf der Straße zum gemeinsamen Abhängen, Musikhören, Sportmachen oder einfach planlosen Zusammensein. Und so saß man auf Dorfmäuerchen, zwischen Spielgeräten oder eher seltener im eigenen Jugendzimmer, redete, lachte viel und lernte sich Auge in Auge kennen. Alles recht unkompliziert, aber sehr verlässlich. Wenn man sich verabredet hatte, war man auch da. Telefonorgien wurden strengstens untersagt, denn Telefonieren war teuer und jede Minute zählte. Außerdem war das Telefon immer an einem zentralen Ort in der Wohnung aufgestellt und hatte noch keine lange Schnur, um es an einen abhörsicheren Ort bringen zu können. Getuschelt, geflirtet und gelästert wurde also in persona auf dem Pausenhof oder im Jugendtreff.

Und dann kamen die Handys. Eine super Sache, dachten viele Eltern zunächst: Toll, da kann ich mein Kind immer anrufen, wenn ich mir Sorgen um es mache. Um 2 Uhr nachts zum Beispiel kann ich mal vorsichtig nachfragen, ob ich mich mit der abgesprochenen Uhrzeit irgendwie vertan habe und ich vielleicht doch noch schnell vorbeikommen soll zum Abholen.

Mit der flächendeckenden Einführung der Smartphones eröffneten sich noch ganz andere Kommunikationswelten mit allen kuriosen Risiken und Nebenwirkungen. Man whatsgedönst was das Zeug hält, schickt sich fröhliche Bildchen hin und her, von denen man die Hälfte ob ihrer Kleinheit gar nicht bestimmen kann, wünscht sich millionenfach eine gute Nacht und lässt die Lieben daheim oder auch Wildfremde, deren Telefonnummer einem angeboten wurde, an den neuesten Urlaubsschnappschüssen teilhaben. Mütter stellen ihren halbwüchsigen Söhnen auf facebook eine Freundschaftsanfrage, liken jede noch so kleine Regung ihrer Kinder im Netz und wissen über deren Freunde besser Bescheid, als die selbst. Man schickt sich lustige Katzenvideos, zeigt sich in öffentlichen Foren empört über dies und das und lässt sich ab und an auch zu mancher verbalen Entgleisung hinreißen, zum Glück kennt man sich ja nicht wirklich im Netz.

Immer und überall ist Wissen und solides Halbwissen abrufbar, was erstaunlicherweise nicht zu einer sichtbaren Verbesserung der landesweiten Bildung beigetragen hat. Dafür entwickeln sich ganz neue Sprachen, wer hätte vor 30 Jahren geahnt, dass man mit nur drei Buchstaben via Netz herzhaft lachen kann? Ganz neue Krankheitsbilder hielten Einzug in den Leistungskatalog der Krankenkassen: orthopädischer Natur zum Beispiel, man denke nur an den deutlich ausgebildeten Rundrücken vieler Jugendlicher, an das vermehrte Aufkommen von Sehnenscheidenentzündung des Wisch-Fingers, von der Verspannung im HWS-Bereich einmal ganz zu schweigen. Auch sozial finden sich ganz neue Phänomene, wie beispielsweise das stille Stehen im Kreis auf dem Pausenhof ganz ohne Interaktion, gebeugt tippend auf das jeweilige Handy.

In Selbsthilfegruppen versuchen sich Jugendliche zu befreien von der Sucht, jederzeit und an jedem Ort erreichbar zu sein und nachzuschauen, ob auch die anderen erreichbar sind oder gar etwas gepostet haben – ihr Mittagessen vielleicht oder die Tatsache, dass sie gerade bei Aldi an der Kasse stehen. In Schulen bieten Handy-Weg-Wochen empirische Projekte an, die ganze Klassen wieder hin zum Brettspiel und Baumhausbauen führen sollen.

Ja, das Leben der Jugendlichen ist schwieriger geworden, die vielen Gruppen im Netz erfordern ständiges Präsentsein des Wisch-Fingers. Da reicht die Zeit oft nicht, um sich spontan irgendwo zu treffen, einfach einmal abzuhängen, Musik zu hören oder albern zu sein. Vielleicht ist es jetzt Zeit für den nächsten Schritt. Ich schlage vor: eine flächendeckende Einführung der Telepathie!


Eva

Eva Unterburg

Eva Unterburg schreibt wunderschöne Rezensionen über Kinderbücher und ist langjährige Freundin der Redaktion.

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