Demo gegen „Die Rechte“

Eltern reiht Euch ein

Aufmarsch der Rechten – mit einem außergewöhnlich großen Polizeiaufgebot von den Gegendemonstranten getrennt. Foto: Lillo Toscano

Komisches Gefühl, nach über 30 Jahren Pause mal wieder auf der Straße zu stehen! Gerade wir! Wir demonstrieren – ausgerechnet im beschaulichen Durlach – für das bestehende System! Für unseren funktionierenden, weltoffenen, pluralistischen Staat!

Waren wir nicht immer dagegen gewesen? Gegen alles! Gegen den Vietnamkrieg, gegen den § 218, gegen Fahrpreiserhöhungen, gegen die Notstandsgesetze, gegen die erste große Koalition unter dem 3. Reich-Richter Kiesinger, gegen Atomkraftwerke und natürlich in Bonn mit dabei gegen den NATO-Nachrüstungs-Doppelbeschluss! Wann hatten wir eigentlich Zeit zum Studieren? Wo wir doch ständig bei Demos auf der Straße oder nachts in verräucherten Kellern über Nicaragua am Diskutieren waren?

Biergarten-Revoluzzer:
Nach der Demo mit Freunden
im Kampf gegen den Durst.
Foto: monigo

Klar, ganz so war es nicht. Jedem von uns ging das eine oder andere Thema hinten vorbei, oder wir hatten dringende Vorbereitungen für eine Klausur. „Trau‘ keinem über 30!“, „Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht Euch ein!“ und „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ waren Sponti-Sprüche dieser Zeit. Wir gründeten „Kommunen“, weil wir andere Lebensmodelle entwickeln wollten als unsere Eltern (und weil wir uns die Miete nicht allein leisten konnten). Und wir hatten nie – never ever – Vorhänge an unseren Fenstern…

Es war nicht alles vergebens! Vieles hat unsere Generation erreicht in Sachen Kernkraft, Umwelt und Frauenrechte und vielleicht auch Demokratie.

Jetzt sind wir die Eltern- oder Großelterngeneration. Unsere Eltern hatten nach dem Krieg mit amerikanischer Unterstützung den Nazi-Spuk abgeschüttelt und im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eine funktionierende und prosperierende Gesellschaft aufgebaut. Sicher gab es noch Altgläubige in vielen Institutionen. „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ war ein weiterer, nicht unberechtigter Spruch der damaligen APO (Außerparlamentarische Opposition). Aber es funktionierte. Deutschland wurde wieder aufgebaut und kleinere undemokratische Kollateralschäden wurden in Kauf genommen. Allerdings nicht von der damaligen Jugend.

OB Mentrup im Interview
bei der Demo in Durlach.
Foto:Jörg Schück

Und die Jugend heute? Ist beschäftigt mit Selbstoptimierung und der Verfolgung privater Berufsziele, was erwartet wird und auch nötig zu sein scheint. Wenn es schon am KIT Anwesenheitspflicht für Vorlesungen gibt… Trump, Erdogan, Orban, Putin, Gauland? Fremdenfeindlichkeit und das Erstarken des nazistischen Gedankenguts? Not my business! Muss mich auf den Bachelor (die Gesellenprüfung, das Abitur usw.) vorbereiten!

Eltern und Großeltern kennen diese Aussagen und wir sind meistens nicht einmal unglücklich, dass unser Nachwuchs die Bildungs-Notwendigkeiten so ernst nimmt (oft im Gegensatz zu uns früher).

Wie damals vor über 80 Jahren, ist es wieder die Angst, die Menschen in die Arme rechter Rattenfänger treibt. „Die vielen Ausländer nehmen mir meinen Arbeitsplatz weg!“, „die Kriminalität nimmt immer weiter zu“ oder „Die Ausbreitung des Islam zerstört unsere europäische Kultur“, so klingt es allenthalben. Natürlich hat sich unser Land verändert und wird es weiter tun. Wie es schon immer war. Ohne den Einfall der Römer vor rund 2000 Jahren hätten wir vielleicht auch heute noch keine Geschichtsschreibung (und schon gar keine Fußbodenheizung). Ohne die Hugenotten, die französischen Protestanten, die – aus Frankreich vertrieben – sich hier zu hauf angesiedelt und unserer Region wesentliche Impulse gegeben haben, ohne Napoleon, der hier viel verwüstet hat, dessen Gesetzbücher aber heute noch die Grundlagen unseres Bürgerlichen Gesetzbuches darstellen, ohne die Millionen von Flüchtlingen aus dem Osten, die hier nach dem Krieg gewaltig beim Aufbau geholfen haben, ohne all die Italiener, Spanier, Griechen und Türken, die wir gerufen hatten, die als „Gastarbeiter“ unser Wirtschaftswunder beflügelt haben und schließlich ohne die Ärzte aus dem ehemaligen Ostblock, aus Afrika und den arabischen Ländern, ohne die unsere Notfallmedizin gerade zusammenbräche – was wären wir arm dran!

Die Vielfalt wird zunehmen. Sie ist keine Bedrohung. Wir werden profitieren. Und – der Vorgang ist durch keine Grenzsicherung zu verhindern, so lange wir nicht aktiv gegen die von uns (zumindest mit-)verursachte Armut und die Kriege in der „Dritten Welt“ vorgehen.

Und deshalb stehen wir Alten jetzt wieder nach langer Pause auf der Straße und demonstrieren! Für unsere Kinder und Enkel! Auf dass auch sie noch in Freiheit und in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft aufwachsen können!

Lassen auch Sie sich aufrütteln – aber in aller unserer Generationen zustehenden Ruhe und Gelassenheit!

Karl Goerner


Redaktion

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Die Karlsruher Kind Redaktion informiert über Neuigkeiten, Aktionen, Veranstaltungen und Angebote in Karlsruhe und der Region.

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