Manager-Bonus?

Unser Wiener Kolumnist, der Heilpädagoge Gerhard Spitzer, zum Thema Geldmotivation bei Kindern

Foto: Karolina Grabowska / Pexels
Nachfrage 

Wie jetzt? Habe ich da grade richtig gehört? Der neunjährige Sammy, wohnhaft in Karlsruhe, „arbeitshaft“ an der Grundschule Hagsfeld, hat gerade eine fette Zahlung von 20 Euronen erhalten? Wirklich? Und wofür? Ach so: Bloß für eine ebenso fette Zensur. Tschuldigung: eine magere Zensur natürlich! Denn was kann an einer „Eins“ auf ‘ner Deutsch-Klassenarbeit schon so fett sein, dass man so einen tollen Sonder-Bonus verdiente? 

Woanders nachgefragt: Wie war das bei der zwölfjährigen Isabella, die in der Weststadt in die Hebel-Realschule geht? Hat das Mädl wirklich tags zuvor einen Fuffzig-Euro-Manager-Bonus für ihren gestrigen Geburtstag und das damit verbundene „brave Verhaltensjahr“ ausgefasst? Und von wo kam der? Ach so! Von Großmutters Geldbörsel! Na ja, dann ist das ja so… normal, und so… einfallslos!

Gerhard Spitzer
Apothekerfrage

Aber genau darum geht es in meiner heutigen Kolumne: Irgendwie scheint so eine Art klassenübergreifender Sonderbonus & Einfallslosigkeits-Hype ausgebrochen zu sein. Es ist ganz normal geworden, Kinder mit Geld zu gratifizieren oder einfach zu bestechen, damit sie irgendwelche „braven“ Leistungen erbringen. Schon wieder muss ich mich entschuldigen. Ich meinte natürlich bezahlen, nicht bestechen! Oder doch?

Ich kann es nicht schönreden: Dieses Verhaltensmuster zahlloser Eltern riecht für meine notorische Pädagogen-Nase halt ziemlich aufdringlich nach Bestechung! Und das hat recht ordentliche Langzeit-Nebenwirkungen. Siehe weiter unten. Wenn Sie das noch nicht so ganz glauben, liebe Freundinnen und Freunde des KARLSRUHER KIND, fragen Sie doch Ihren Arzt oder Apotheker!  Die unangenehme Wahrheit: Charlys und Isabellas Erfahrungen sind eben leider keine Sonderfälle. Von überall her hört man solche kostspieligen G’schich-ten. Eigentlich von fast jeder halbwegs ordentlich situierten Familie in Deutschland!

Lebensfrage

Wir, als Eltern haben unter anderem den Job, unsere lieben Kleinen auf eine Winzigkeit vorzubereiten: Auf das Leben! Im praktischen Famliy-Package bedeutet das: Selbstständiges Denken, freies Handeln, selbstbestimmtes Leben, erfülltes Arbeiten und – planvolles Umgehen mit der Ressource Geld. Leider werden nicht alle Kids später mal Banker oder Industriekapitäne und -innen. Denn nur diese erhalten andauernd fette Sonder-Zahlungen. Alle übrigen Menschen – und das sind sicherlich gut über 90% – müssen ihr Geld übers Jahr und über die meiste Lebensspanne gut einteilen. Das lernt man aber nicht, wenn man schon von Kleinauf darauf trainiert wird, dass immer von irgendwoher etwas extra hereinflattert! 

Soweit, so ungut! Jetzt kommt endlich mein üblicher spannend-entspannender verhaltenspädagogischer Blickwinkel:

Ermessensfrage

Die angenehme Wahrheit: Kinder möchten von sich aus ganz sicher nicht mit Geld bemessen werden! Wir Erwachsenen sind es, die sie darauf hintrimmen, weil auch wir unsere Leistungen in Geld-Einheiten bewerten. Kinder jedoch messen Ihre Erfolge instinkthaft an der bloßen Freude an jeder einzelnen Aktion selbst. Deshalb nennen die Forscher – namentlich die Entwicklungspsychologen – dieses wunderbare Verhaltenmuster von Kindern auch selbsterklärend Aktions-Orientierung! Der Begriff ist natürlich nicht so wichtig. Das Verständnis dafür aber umso mehr. Dazu hilft uns das konsequente Training rund ums Taschengeld.

Taschengeldfrage

Andauernd werde ich von Journalisten zu meinen Ansichten bezüglich Taschengeld interviewt. Auch in diesem Magazin habe ich darüber ja schon ausführlich geschrieben. Ist aber schon ein Weilchen her! Deshalb hier nochmals zum Mitzählen: Regelmäßiges, kleines Geld? Ja! Aber bitte immer mit gleichem zeitlichem Abstand und eben ohne zusätzliche, unkalkulierbare Geldleistungen. Auch Großeltern sollten sich das tunlichst abgewöhnen. Setzen Sie sich damit als Eltern durch! Erziehungstechnisch haben in den allermeisten Fällen eindeutig Sie als Eltern das Sagen. Den hab-mich-bitte-ganz-besonders-lieb-Bonus können Oma und Opa auch mit immateriellen Mitteln einfahren! Wie? Womit? Hier meine Anregungen:

Verhaltensfrage

Bestechen Sie Ihr Kind doch ab jetzt wieder öfters und sehr bewusst mit manch einem besonders strahlenden Lächeln für eine gute Zensur, einem innigen Blick für ein genial aufgeräumtes Zimmer oder einer ebenso innigen Umarmung für eine bestandene Prüfung. Halten Sie sich dafür konsequent fern von all diesen materiellen Maßeinheiten, sonst wird ihr Kind korrumpiert und – das ist jetzt vielleicht die unangenehmste aller heutigen Nachrichten – es macht bald seine Sachen nur noch dann wirklich gut, wenn es dafür Knete gibt! Der Spaß für die Äktschn an sich hört dann eben auf! Gruselig genug, diese Aussicht, oder? Klar, weiß ich, dass Anerkennung mit Geld leichter zu abzugelten ist, aber glauben Sie mir: Ohne all den Mammon greifen Sie als Bezugsperson das am ehesten kind- und familiengerechte Belohnungsmuster auf. 

Sie werden es mögen!


Redaktion

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