Urlaubsbespaßung

Erziehung heute - Zeitgemäße Positionen der Autorin Sarah Nagel, pointierte Autorin, engagierte Denkerin,.

Als ich noch klein war, vor sehr, sehr langer Zeit also, gestaltete sich Familienurlaub ganz einfach. Waren es die Sommerferien, hieß es: Da ist der Strand, hier deine Schaufel – mach was draus. Waren es die Winterferien, hieß es: Da ist der Hügel, hier ist der Schlitten – los geht’s. Ich will jetzt hier nicht in Nostalgie verfallen, so nach dem Motto: Früher war alles besser. War es nicht. Mir war in diesen Urlauben auch öfter mal langweilig. Man kann eben nur so und so viele Sandburgen bauen, und den Schlitten immer wieder den Hügel hochzuziehen, wird irgendwann einfach zu anstrengend.

Meine Eltern wollten vornehmlich ihre Ruhe und einfach auch mal abschalten, was ich mittlerweile nachvollziehen kann. Und doch: Heute schaue ich mit einer Mischung aus Erstaunen und Neid auf die Kinder-Urlaubsangebote. Langeweile? Wäre für mich sicher kein Thema gewesen! Nehmen wir mal den Winterurlaub, schließlich ist ja gerade Winter. Unzählige Angebote für Familien locken in Deutschland und den Nachbarländern, und zwar in der Regel mit allem Pipapo. Auch die einfachsten Unterkünfte haben im Garten meist noch ein Trampolin, ein Spielehaus und diverse Fahrzeuge für Kids. Selbst auf manchen Campingplätzen finden sich mittlerweile Theatershows und Kinderschminken. Das durchschnittliche Familienhotel hat heutzutage ein Spielezimmer, Kinderbetreuung, einen Streichelzoo und einen Pool. Das reicht Ihnen noch nicht? Kein Problem, nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt! Wer mehr Geld ausgeben kann oder will, kann sich einen Familienurlaub der Extraklasse leisten. Nur ein Beispiel von vielen im Zillertal: Dort bietet ein Luxushotel für rund 400 Euro die Nacht alles, wirklich alles, an, was sich Kids jeden Alters wünschen könnten! Eine Skateboard-Rampe, ein Mini-Motorradparcours, eine Ballsporthalle, ein Wasserpark mit 70-Meter-Reifenrutsche, Mini-Disco-Abende, das Family-Spa. Und im Grunde muss man sein Kind den ganzen Tag nicht sehen, wenn man das nicht möchte. Von 9.30 Uhr bis 22.30 Uhr ist nämlich die Betreuung für alle ab 3 Jahren garantiert, für Babys kann man selbstverständlich Babysitter engagieren. „Hier ist Langeweile ein Fremdwort!“, jubelt der Werbeslogan.

Aber muss Langeweile eigentlich wirklich ein Fremdwort sein? Wie ich schon einmal in einem Artikel vor mehreren Monaten schrieb, sind Pädagogen schon lange davon überzeugt, dass eine gute Dosis davon wahre Wunder bewirken kann. Der Antrieb der Eltern, im Urlaub für eine Dauerbespaßung zu sorgen, entsteht meistens aus folgenden Gründen: Man will dem Nachwuchs neue Impulse geben, seine Fähigkeiten weiterentwickeln. Aber natürlich ist ein nörgelndes Kind mitunter auch schwer auszuhalten. Eltern fühlen sich dann als Entertainer, um in der seltenen gemeinsamen Zeit ja nicht zu streiten. „Gelangweilte Kinder können ganz schön anstrengend sein. Es ist daher nachvollziehbar, wenn Eltern das unbedingt vermeiden wollen. Dabei kann gerade Langeweile wichtige Entwicklungsprozesse und Kreativität auslösen“, so die Erkenntnis von Entwicklungspsychologen.

Und da versteckt sich die gute Nachricht: Eltern müssen sich eigentlich gar nicht so anstrengen. Auch sie dürfen Urlaub haben! Und das klappt nicht nur, wenn man das Kind 13 Stunden am Tag in die Animation gibt oder selbst jeden Programmpunkt organisiert und gemeinsam durchzieht. Natürlich sollte man unbedingt auch etwas gemeinsam als Familie machen – darum fährt man ja zusammen weg, und im Alltag kommt das eh zu kurz. Aber alle Beteiligten haben ein Recht auf Entspannung. Doch wie setzt man das um, das man auch als Eltern nicht zu kurz kommt? Das kommt natürlich auf Alter, Temperament und Tagesform an. Psychologen empfehlen zum Beispiel folgendes: Spätestens ab einem Alter von fünf Jahren kann man sich zu Beginn des Urlaubs mit seinem Kind zusammensetzen und eine Liste machen mit allen Dingen, auf die das Kind Lust hätte. Wenn die Langeweile kommt, einfach auf die Liste verweisen. So lernt das Kind, seinen eigenen Bedürfnissen nachzuspüren. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck würde bei diesem Vorschlag graue Haare kriegen – er rät sogar, auf den „Mir ist langweilig“-Satz gar nicht zu reagieren und das Kind einfach machen zu lassen. Warum? Der verstorbene Erziehungsexperte Jesper Juul erklärte einst: „Die meisten Kinder erleben eine unangenehme innere Unruhe, wenn sie sich langweilen. Der Grund: Sie versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Konsumieren von externen Reizen und ihrer eigenen inneren Kreativität. […] Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität. Unsere Kreativität ist der Raum, in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen.“

Ein schlechtes Gewissen muss man da überhaupt nicht haben, im Gegenteil! Langeweile fördert die Kreativität, Punkt. Wenn ich an die Urlaube in meiner Kindheit zurückdenke, war die Langeweile aus heutiger Erwachsenensicht nämlich eigentlich gar nicht so schlecht. Nach ein bisschen Quengeln und Rumnörgeln, das auf taube Ohren stieß, habe ich am Strand angefangen, Treibgut zu sammeln und damit meine Sandburg zu verzieren. Ich lernte auch, dass das Wasser manchmal da war und manchmal eben nicht – und was sich für wunderbare Schätze in der Matschepampe, die alle paar Stunden zum Vorschein kam, versteckt hielten. Im Winterurlaub engagierte ich nach kurzem Nachdenken übrigens ein jüngeres Kind, das völlig davon begeistert war, den Schlitten aus eigener Kraft wieder den Hügel hochziehen zu können (es durfte als Belohnung auch mal fahren, keine Sorge). Dekorationstalent, pädagogisch wertvolle Naturbeobachtungen und die Fähigkeit zu delegieren – all das habe ich mir damals angeeignet. Auch ohne Kinderschminken und Riesenrutsche.