Daddeldumm

Glosse des Wiener Verhaltenspädagogen Gerhard Spitzer über „Online-Wissen“

Ein Genie

Fritzchen ist ein „Wiffzack“! So nennen wir bei uns in Wien junge Pfiffikusse. Der Knabe sieht alles, hört alles, weiß alles! Sagt er jedenfalls. Dabei ist das kleine Genie erst elf Jahre alt! „Altklug“ der Knopf, könnte man sagen.
Fritzens Schwachstelle: Er sieht, hört und weiß alles nur aus dem Internet. Oder eben aus jenen Schätzen, die er sich so den lieben langen Tag erdaddelt. …und das ist ‘ne Menge! „Bücher sind doof!“, hört man ihn ziemlich oft sagen!
Ja, klar! Recht hat er, der Neue Wissende: Wozu diese ollen Papierschwarten, wenn man eh schon alles weiß, oder eben eine Sekunde später wissen tut!
Wahrscheinlich ist jener Denker, der hier gleich zu Wort kommt, genau deshalb auch so früh, vor über 2000 Jahren nämlich schon, verstorben: Zu viel Papier!

Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen, der Dumme weiß schon alles.

Sokrates

Ein Albatros

Doch so ganz zufrieden bin ich – notorischer Erziehungsermittler – mit Fritzchens Bücher verachtender Selbstauskunft noch nicht. Ich will mir das genauer anschauen: „Sag mal, was weißt du denn über, …na sagen wir: Drei mal Elf?“ Die Antwort kommt präzise und erwartungsgemäß: „Ääähhh!“
Auch der weitere Handlungsverlauf bringt für meine Ermittlungsergebnisse keine signifikanten Überraschungen mehr: Der Knabe greift in eine ziemlich grauslich ausgebeulte Hosentasche, zieht ein Smart-Klumpert von der ungefähren Größe eines Albatrosses daraus hervor – was mich augenblicklich an den Beutel von Marc-Uwe Klings Känguruh-Kumpel denken lässt – und aktiviert, überlegen lächelnd den „Rechner-Modus“!
„Lass gut sein!“, sag’ ich, „ich kenn’ doch die Lösung eh!“ So schließt sich gleich ein erster Kreis: Dumme Leut’ wissen eben schon alles! Erwischt!
Gut! Das war jetzt meine äußerlich-professionelle Wiener Gemütlichkeit vor den Augen des Jungen! Innerlich aber schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen: „Das darf doch wohl nicht Warzenschwein!“, denke ich und entschuldige mich sofort im Stillen bei Marc-Uwe für das Plagiaterl, „dass der zwölfjährige Pimpf für diese simple Rechnung tatsächlich eine Tastatur braucht. Noch dazu eine, die noch nicht einmal real existiert! Nix tippen! Daddeln! Gruselig eigentlich!
Fritzchens letztes Lebenszeichen für heute, als ich ihn dann doch darauf anrede: „Was Fritz? Du verwendest dafür den Rechner?“ Antwort: „Jo! Üääh, wieso denn nicht?“ Eben, Leute! Wieso denn nicht?

Ein Reinfall

Das ist es, was ich ausdrücken will: Alle Welt scheint – übrigens nicht nur beim Daddeln – auf einem alles akzeptierenden ja-wieso-denn-nicht-Trip zu sein!
Alles ist gut so, wie’s kommt. Auch für die Kinder. Nichts wird so richtig hinterfragt. Schon gar nicht die heiligen Neuen Medien. Aber, es ist ein satter Reinfall, alles den Maschinen zu überlassen. Das Rechnen, das Fahren, das Einkaufen, das Zahlen und natürlich und vor allem, das Erwerben von vermeintlich bleibendem Wissen! So, wie unser Fritze das tut, ohne dass jemand daheim Einspruch erhebt. Aber so, liebe Eltern von Fritz, läuft das eben nicht mit dem menschlichen Gehirn. ..schon gar nicht mit dem Kindlichen!

Ein Stunt

Wissen ist eben kein Sackerl Erdnüsse, das man sich vom bunten Augenhöhe-Regal holt und dann hat man es intus. So scheinen es aber all die laut rufenden Medien-Kompetenzler zu glauben. Wenn Fritzchen wirklich Wissen erwerben wollte, müsste er etwas ziemlich Schmerzhaftes tun: Er müsste aktiv denken. Autsch! Das tut weh!
Doch klar: Das bloße Konsumieren, Dragen und Droppen, Wischen und „Liken“ geht viel leichter und ist bei Lichte besehen, doch nichts anderes als ein permanenter medialer Ausnahmezustand. Aber dieser Stunt geht meiner Meinung nach voll in die Hose! Denn daran werden unsere Kinder allmählich verdaddel-dummen und später, als junge Erwachsene kein Ross- von einem Grammelknödel mehr unterschieden können!
Ja, stimmt! Ich neige zu leichten Überzeichnungen. Aber sei’s drum! Ganz alleine bin ich mit maßlosen Übertreibungen ja seit heuer sowieso nicht mehr!

Ein Aufruf

Bitte schauen Sie, liebe Eltern wieder mit Hingabe darauf, dass Ihr Kind nicht durch übermäßigen Bildschirmkonsum vollständig passiviert. Das wollen Sie doch nicht, oder? Jemand, der daddelt, ist – so weh diese Erkenntnis auch tut – immer in der passiven, weil vollständig konsumierenden Rolle. Die Forschung sagt dazu: Wer lernen will, darf nicht aktionslos einfache Erkenntnisse sammeln, sondern muss erst einmal auf Unklarheiten und Rätsel stoßen, auf offene Fragen. Ein guter Lehrer hält seine Schüler hungrig, statt ihnen einfach und effizient eine Lösung zu geben, die sie auswendig lernen sollen. So, liebe Freunde des KARLSRUHER KIND muss das sein! So brauchen das die Gehirne unserer Kinder.

Eine Glasscheibe

Hinter jedem nachhaltigen Wissenserwerb steht schließlich immer eine g’scheite Person, nicht eine saudumme Glasscheibe. Medienkompetenz wird überschätzt, sage ich, verliert gar auf de ganzen Linie, steht ab jetzt für Sie, liebe Eltern hoffentlich bald wieder hinten an. Erfreuen Sie sich wieder gemeinsam mit Ihrem Kind daran, wie wissend es durch kreatives Erforschen, Erfühlen, Umblättern und vor allem durch Fragen werden kann, während alle Flät-Skriens daheim eine zeitlang finster bleiben.
Freuen Sie sich auf das nächste „Warum und Wieso?“ aus dem Munde Ihres Nachwuchses.

Sie werden es mögen!