Pränatale Diagnostik für Spätgebärende

Susanne-Keller

Nachdem mich der morgendliche Blick in den Spiegel mal wieder auf mein fortschreitendes Alter aufmerksam gemacht hatte, brachte ich neben frischen Brötchen und Marmelade auch das Thema Familienplanung auf den Tisch, während mein Gatte gerade die Highlights des Wochenendes in der regionalen Tagespresse studierte. Das habe doch noch Zeit, meinte der potenzielle Erzeuger meiner Kinder lapidar. Um ihm unser „Zeitfenster“ ein wenig plastischer darzustellen, tippte ich vielsagend auf die Ankündigung einer Mega-Ü-30-Party und entgegnete bedeutungsvoll: „Die Zielgruppe dieser freundlichen Empfehlung für alternde Teenager – das sind wir!!! Und das nicht erst seit gestern!“
Es schien ihm tatsächlich erst jetzt zu dämmern, dass unsere Jugend längst hinter uns lag und unter dem Schlagwort „Erinnerungen“ zu katalogisieren war. Eine Erkenntnis, die schon einige Monate später Früchte getragen hatte… In Handumdrehen wurden wir mit folgenschweren Entscheidungen konfrontiert. Im Gegensatz zu meinem Gatten bedurfte es seitens meines Gynäkologen nicht einmal eines Blickes in meinen Mutterpass, um mich meines scheinbar bedenklichen Alters zu überführen. Nach kurzen Beglückwünschungen bot er uns übergangslos zahlreiche mehr oder weniger risikoträchtige Untersuchungen an. „Grob fahrlässig in Ihrem Alter“, lautete das schonungslose Urteil des Experten, als wir uns gegen jedwede das Kindeswohl potenziell gefährdende Untersuchung entschieden, und allmählich begann auch ich mich ernsthaft zu sorgen.

Wahrscheinlich wäre ich im Falle eines ehelichen Zerwürfnisses die erste Frau, die samt Nachwuchs direkt ins Senioren- anstatt ins Mutter-Kind-Heim befördert würde. Zur Erleichterung unseres Gewissens nutzten wir in der Folgezeit die Möglichkeiten des Ultraschalls in ihrer Gesamtheit, sodass ich auf Anfragen stets mit aktuellen Daten und Fakten bezüglich der Arm- und Beinlänge, des Kopfumfangs oder des Gewichts unseres Kindes glänzen konnte. Ein 3-D-Ultraschall in der Mitte der Schwangerschaft ließ dann auch das Geschlecht betreffend keinen Interpretationsspielraum mehr zu.Das Purzelbaum schlagende und vergnügte Kind, das immer wieder durch akrobatische Glanzleistungen beeindruckte, war zweifelsohne ein Junge. Ein Ausnahmesportler, so viel stand fest. Ein Eberhard Ginger der Neuzeit, so meine mütterliche Prognose.

Die große sportliche Zukunft unseres Sohnes noch vor Augen, konfrontierte uns die konsultierte Expertin mal wieder mit meinem Alter, als sei mir dieses nicht hinlänglich bekannt. Selbstverständlich wurden auch von ihrer Seite weitere Untersuchungen anempfohlen. Endlich setzte sich mein viel gepriesener Trotzkopf durch und ich oder besser wir beschränkten uns in der Folgezeit ausschließlich auf die notwendigsten Untersuchungen. Vielmehr hielt ich es dann doch lieber mit meiner Mutter und Schwiegermutter, die sich von Anbeginn meiner Schwangerschaft in die pränatale Diagnostik eingeschaltet hatten und mein Geburtsdatum betreffend erfrischend unbeeindruckt agierten.

Meine Mutter beispielsweise konnte mithilfe ihres allseits beliebten Pendels zuweilen überraschend exakte Angaben zum Geschlecht eines Kindes machen. Entgegen der Fachwelt und wider unser besseres Wissen prognostizierte sie ein Mädchen. Meine Schwiegermutter dagegen, eine echte Koryphäe, arbeitete gänzlich ohne Hilfsmittel, mehr aus dem Bauch heraus. In unserem Fall diagnostizierte sie einen rothaarigen Jungen mit braunen Augen, der aufgrund der mütterlichen recht mickrigen(!) Statur ein zulässiges Gesamtgewicht von 3000 g nicht überschreiten würde. Das amtliche Endergebnis in Form unseres Erstgeborenen war dann eine gesunde Mischung: Ein dunkelblonder Junge mit alsbald (tatsächlich) braunen Augen, der ein zulässiges Gesamtgewicht von 3000 g deutlich überschritt (!) und last, but not least ein Herz für seine nicht mehr ganz taufrischen und überglücklichen Eltern hatte.

Während meine Schwiegermutter folglich immerhin in der Kategorie „Geschlecht“ und „Augenfarbe“ Punkte verbuchen konnte, erfuhr die Erfolgsstatistik meiner Mutter einen derben Rückschlag, hatte das Pendel doch bis zuletzt beharrlich ein Kind weiblichen Geschlechts angekündigt. Vielleicht aber, so meine Mutter, war das Pendel seiner Zeit einfach voraus und hatte bereits unser willensstarkes und bisweilen vorlautes Töchterchen auf dem Radar, das ein gutes Jahr später unter deutlich weniger pränataler Beschallung und Bespitzelung heranwachsen durfte.