Am Anfang steht die Angst

Autorin Sarah Nagel

Wer Kinder hat, weiß, was Angst bedeutet. Vom Tag des positiven Schwangerschaftstests an begleitet einen eine zumindest unterschwellige Sorge, die immer neue Nahrung findet. Überstehen wir die ersten zwölf Wochen? Verläuft die Geburt gut? Dann sind da ja noch die Gefahr des plötzlichen Kindstods, Kinderkrankheiten, Probleme in der Schule, später Mobbing, Alkohol, … Die Liste ist endlos. Erziehungsberechtigte tun im Normalfall alles, um Risiken zu minimieren, und das ist nur allzu verständlich. Doch in den vergangenen Jahren ist ein neuer Faktor hinzugekommen, der das Bedürfnis der Eltern nach Sicherheit und Kontrolle – zumindest vordergründig – befriedigen soll: die Technik. Und mittlerweile treibt der Umgang damit zunehmend die seltsamsten Blüten.

Stellen Sie sich vor, jemand würde heimlich eine Kamera in Ihrem Wohnzimmer installieren, Ihre Gespräche belauschen, Ihnen einen GPS-Tracker in die Handtasche schmuggeln, ihr Handy plötzlich sperren oder ein virtuelles Gefängnis erschaffen. Sie wären wohl empört. Schließlich werden Ihre Grundrechte eingeschränkt. Doch es gibt nicht wenige Eltern, die auf solche Schnüffelmethoden à la NSA zurückgreifen. Und die Begründungen sind immer die gleichen: „Ich bin deutlich entspannter, wenn die Kinder alleine unterwegs sind“, heißt es, oder: „Ich vertraue meinem Kind blind, aber eben nicht den anderen Menschen“. Die Anbieter der detektivischen Spielereien wissen um diese Verunsicherung und werben: „Mithilfe der GPS-Ortung können Sie immer nachvollziehen, wann Ihr Kind sich wo aufhält. Sollte sich Ihr Kind zum Beispiel verlaufen, ist es für Sie ohne weiteres machbar, den Aufenthaltsort zu bestimmen und den Nachwuchs abzuholen. Eine stundenlange polizeiliche Suche kann somit oftmals vermieden werden.“

Ob Apps, Smartwatches oder natürlich -phones und diverse andere Gadgets – der Markt wächst. Das Geschäft mit der Angst der Eltern boomt. Doch wie berechtigt ist diese Angst?

Hierbei muss man zwischen objektiver und subjektiver Angst unterscheiden. Objektiv ist es folgendermaßen: Die Kriminalitätsstatistik von 2017 verzeichnete den stärksten Rückgang seit mehr als 20 Jahren. Subjektiv ist es aber natürlich so, dass einem das gar nichts hilft, wenn das eigene Kind betroffen ist. Eltern möchten, dass ihr Kind sicher ist. Doch sie fügen ihm damit einen größeren Schaden zu, als sie denken. Man muss kein Experte sein, um zu wissen: Wenn Kinder ständig überwacht werden, ist es umso schwerer, Selbstständigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln. Wenn Mama und Papa Leon den Weg zum Bäcker um die Ecke nur mit GPS-Ortung per Smartwatch zutrauen – was gibt Leon das für ein Gefühl?

Tatsächlich steht aber nicht immer die Angst um das Leib und Leben des Kindes im Vordergrund. Wann wird aus Angst Kontrolle? Schließlich muss man auch zugeben: Gerade Apps sind natürlich praktisch. Anstatt jeden Tag heimlich von Hand den Browserverlauf zu kontrollieren, reicht ein Blick aufs eigene Smartphone, um zu sehen, auf welchen Seiten die kleine Luisa wie lange unterwegs war und wie lange sie mit wem gechattet hat. Apps wie „Family Link“ von Google bieten großzügig an, uns einen Teil dieser modernen Erziehungsarbeit abzunehmen. „Setzen Sie sich doch mal mit Ihrer Familie zusammen und überlegen Sie sich Regeln für den Umgang mit digitalen Medien. So helfen Sie Ihrem Kind dabei, sich beim Lernen, Spielen und Surfen in der Onlinewelt zurechtzufinden.“ Danke, Google! Und wenn wir schon mal dabei sind, können wir auch sogenannte Safe Zones einrichten, also vielleicht eine Grenze von 500 Metern ums Haus ziehen – wenn das Kind die verlässt, bekomme ich ein SOS-Signal aufs Handy. Es ist ja nur zu seinem eigenen Besten, oder? Nun ja: Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. Natürlich dürfen Eltern darin eingreifen – das ergibt sich aus den Paragrafen 1626 und 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, Stichwort „Elterliche Sorgfaltspflicht“. Aber einerseits werden Eltern geradezu hysterisch, wenn jemand ein Bild vom letzten Kindergeburtstag in die What´s App-Gruppe stellt, ohne jeden einzelnen Erziehungsberechtigten vorher um Erlaubnis zu fragen. Andererseits erlauben sie weltumspannenden Internetkonzernen beinahe unbegrenzten Zugriff auf den Alltag unserer Kinder.

Dabei hat das System natürlich seine Tücken. Zuallererst: Die Gadgets können versagen. Außerdem stellte sich vergangenes Jahr heraus, dass keine einzige der Tracker-Apps aus dem Google Play Store sicher programmiert war. Dann passiert genau das, was nicht passieren soll: Hacker könnten gerade aufgrund dieser gesammelten Daten Bewegungsprofile erstellen. Jemand, der dem Kind Böses will, weiß dann erst recht, wo sich ein Kind voraussichtlich wann aufhält. Hat er das Kind dann in seiner Gewalt, wirft er das Handy mit Tracking-App oder die Smartwatch mit Ortungsfunktion im Zweifelsfall einfach weg. Und darüber hinaus ist sowieso eines klar: Sobald das Kind kapiert hat, wie man die Schnüffel-App, die Mama und Papa installiert haben, löscht, hat es sich seinen Freiraum zurückerobert.

Vielleicht bietet das eine große Chance. Denn in diesem Freiraum kann sich seitens der Eltern etwas entwickeln. Nämlich entweder die altbekannte Angst – oder das neugewonnene Vertrauen.

  Sarah Nagel