Fett, Salz und Zucker – lecker!

Die Karlsruher Autorin Sarah Nagel zur Lust der Kinder an ungesundem Fast Food

Sarah Nagel

Gierig tapsen die kleinen Finger nach den gelben, fetttriefenden Stäbchen, tauchen sie in die überzuckerte rote Soße, bevor sie schaufelweise in den Kindermund verschwinden. Sie sind fettig, sie sind salzig – und das Kind ist glücklich. Pommes machen Kinder ge-ra-dezu süchtig. Mit Gemüse hat diese Kartoffel jedenfalls herzlich wenig zu tun, ebenso wenig wie das als Salat getarnte Etwas, das, zwischen Fleisch und Brötchen gequetscht, einen Hauch von „Gesundem“ suggerieren will. Als Erwachsener weiß man, dass Fast Food weit mehr als nur der Linie schadet. Aber gerade für Kinder scheinen diese Mahlzeiten eine ganz besondere Faszination auszuüben, und manchmal ist es eben doch schwer, den großen, bittenden Kulleraugen zu widerstehen. Wieso den Kleinen nicht ein, zwei, drei „Happy Meal“ erlauben? Die Antwort ist relativ simpel: Weil es fast das Ungesündeste ist, was man einem Kind antun kann.

„Fette, die in Fast Food enthalten sind, sind besonders schlechte Fette“, betont dann auch Dr. med. Ulrike Philippin-Noll. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Praxen in Karlsruhe und Waldbronn. Sie sieht täglich, welche Auswirkungen Burger & Co. auf unseren Nachwuchs haben. „Es ist vor allem erschreckend, wie viele Jungen stark übergewichtig sind. In manchen Schulklassen sind das über die Hälfte der männlichen Schüler.“

Je nach Definition sind in Deutschland zehn bis 20 Prozent aller Kids übergewichtig. Erschreckend sind auch die aktuellen Daten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH): Demnach erhielten im vergangenen Jahr rund 11.000 von etwa 200.000 KKH-Versicherten zwischen sechs und 18 Jahren die Diagnose Adipositas, also starkes oder krankhaftes Übergewicht. Das ist im Zehnjahresvergleich ein Plus von 27 Prozent. Natürlich hat auch die Pandemie dank Homeschooling, fehlender Sportangebote & Co. viel dazu beigetragen. Die Auswirkungen können fatal sein: Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Herzinfarkte, orthopädische Probleme, Schlaganfälle oder Krebs bis ins hohe Alter. Und dann sind da natürlich auch noch die psychischen Folgen. Denn wer zu viel auf den Rippen hat, wird leider meistens das Ziel von Spott und Häme. 

Das ist doch nur Babyspeck, der sich verwächst? Oft nicht! „Je älter das Kind wird, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Zustand im Erwachsenenalter bestehen bleibt“, warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und informiert: „Bei übergewichtigen Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Leben als dicke Erwachsene führen werden, bei 55%. Das Risiko ist damit im Vergleich zu normalgewichtigen Kindern zehnmal so hoch. Übergewichtige Kinder zwischen zehn und 14 Jahren sind zu 67% gefährdet, auch im Erwachsenenalter mit Adipositas kämpfen zu müssen.“

Woran liegt die zunehmende Verfettung unserer Kinder? Schuld sind oft die Gene (was Gott sei Dank nicht heißt, dass man dagegen nichts tun kann, aber dazu später mehr). Und dann zu wenig Bewegung, klar. 60 Minuten körperliche Betätigung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Kids täglich. In Deutschland schafften dies aber gerade einmal 26 Prozent. Dem stehen entgegen: Homeschooling, Hausaufgaben, Smartphone und TV. „Fernsehen ist einer der schlimmsten Dickmacher“, sagt Martin Wabitsch, Kinderarzt und Adipositas-Spezialist von der Uniklinik Ulm. „Selbst wenn man nur ruhig auf dem Sofa liegt, verbrennt man mehr Kalorien, als wenn man das Gleiche vor laufendem Fernseher tut.“ Und dann ist da ja noch die Fernsehwerbung, die bei Kindern den Fast Food-Konsum verdoppeln soll! Studienergebnisse der Universität Hamburg aus dem März 2021 zeigen, dass 92 Prozent(!) der Lebensmittelwerbung, die von Kindern gesehen wird, Fast Food, Snacks und Süßes bewirbt. Angesichts dieser und weiterer Zahlen aus der Untersuchung fordern Kinderärzte, Wissenschaftler und zahlreiche Organisationen ein Verbot von Kindermarketing für solche ungesunden Produkte. „Der Gesundheitsschutz der Kinder muss wichtiger sein als die Gewinninteressen der Süßwaren- und Junkfood-Industrie“, betont z.B. Foodwatch.

Auch die Politik hat das natürlich längst erkannt, blieb bisher aber angesichts der wirkungsvollen Lobby-Arbeit zum großen Teil untätig. Wird nun endlich konsequent gehandelt? Im Koalitionsvertrag der Ampel findet sich immerhin der Satz: „An Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt darf es in Zukunft bei Sendungen und Formaten für unter 14-Jährige nicht mehr geben.“

Doch wir kennen ja die Politik. Bis das irgendwann mal durchgesetzt wird, müssen die Bezugspersonen der Kids, allen voran natürlich die Eltern, aktiv werden. Als Sofort-Maßnahme: Fernseher aus – und raus! Wer keine Werbung für Fast Food sieht, kommt gar nicht erst in Versuchung. Und Bewegung in der Natur macht nicht nur Spaß, sondern verbrennt natürlich auch die ein oder andere Kalorie. Was empfiehlt darüber hinaus die Kinderärztin Dr. Philippin-Noll? Weniger ist mehr! „Der Konsum von Fast Food lässt sich oft nicht komplett verhindern, man sollte aber darauf achten, das nicht öfter als ein oder zwei Mal im Monat zuzulassen“, rät sie. „Wichtig ist, dass es eine bewusste Ausnahme vom Alltag bleibt, und dies den Kindern auch vermittelt wird.“  

Dass sich die Ernährung in den vergangenen Jahren zum Schlechteren gewandelt hat, liegt auch mit daran, dass die Kinder zunehmend außerhalb, zum Beispiel in der Schulkantine, essen – und dann sind Brokkoli und Möhre natürlich selten die erste Wahl. „Die Eltern sollten dafür sorgen, dass min-des-tens eine gesunde Mahlzeit am Tag zusammen eingenommen wird“, so Dr. Philippin-Noll.

Ein Schlüssel zur gesunden Ernährung: das gemeinsame Kochen. Wer bei der Zubereitung mithilft, hat viel mehr Lust, das zu essen, was auf den Tisch kommt – schließlich hatte man ja Mitspracherecht (für kulinarisch nicht so Begabte: Es gibt unzählige hervorragende Familienkochbücher und -blogs mit gesunden und schnellen Rezepten). Übrigens kann man Fast Food auch durch gesunde Alternativen ersetzen, also zum Beispiel Pommes im Ofen statt in der Fritteuse zubereiten. Auch dazu gibt es (online) viele Tipps.

Und dann, ja, man muss es leider sagen, sollten Eltern ein Vorbild sein. Wer sich abends vorm Fernseher die Chips reinschaufelt, kann seinem Kind nur schwer vermitteln, dass es toll ist, sich gesund zu ernähren. Also Finger weg von der Tüte – oder einfach warten, bis die lieben Kleinen im Bett sind…