Schwerpunktthema

Zucker

Wiener Zuckerl“ oder „Zuckervernichter“?

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Süße Auswahl

Kinder mögen Süßes! Das ist so klar wie Kloßbrühe und deshalb ein unter uns Erwachsenen ziemlich unumstrittenes Faktum, oder? Simples Rechen-Exempel in unserer Überfluss-Gesellschaft: Kind = „selbstverständlicher Zuckervernichter“!

Wie tief diese Denkweise sitzt, soll eine kürzlich von mir aufgeschnappte, ziemlich repräsentative Frage verdeutlichen, die meine liebe Großtante Klara in Richtung unserer zwei Familien-Jüngsten (7 und 9) abgelassen hat: „Na, Ihr Kinder? Was möchtet Ihr denn trinken? Cola, Fanta oder Sprite?“ Geht’s noch, guteste Tante? Woher kommt deine automatische Annahme, dass bloß eines dieser drei Chemie-Labor-Erzeugnisse als kindgerechte Getränke-Auswahl herhalten könne? Was, wenn die Beiden lieber dieses grausliche Gesöff, namens „Wasser“ trinken möchten? …das tun sie nämlich tatsächlich! Aber klar: Die Zwei sind ja bloß dumme, kleine Zuckervernichter, die noch nicht wissen, dass sie gefälligst so rasch und so hart als möglich ihre Geschmacksvorliebe für Süßes trainieren sollten. Aber das wird schon noch werden! Schließlich arbeiten ja alle im Familien-Umfeld ganz hart daran.

Liebesbeweise

Bei vielen Familien, die ich besuche, fühlt sich das für mich wie ein Bezugspersonen-Wettlauf an: „Hey! Seht her: Ich hab’ euch heute den klebrigsten aller Stoffe mitgebracht! Deswegen bin ich heute ,am Dransten’ mit liebgehabt Werden!“ Gott, wie süß: Liebes-Bonus im Schokomantel!

Wirklich Fortgeschrittene verpacken ihre Mitbringsel sogar noch in „hochwertige“ Gewänder wie „Honigsüße“ oder „Blütenzucker“. Dann glauben nämlich alle, dass das süße Ausdauer-Training für die Kinder jetzt viel gesünder abliefe. Guter Plan: Wenn man später mal zuckersüchtig werden will, dann bitte schön auf geschmeidigem „Bio-Trip“!

Meiner lieben Soft-Drink-affinen Großtante Klara habe ich übrigens eine neue Blickrichtung verschafft: „Wusstest du, dass in einer einzigen Dose Cola etwa 40 Gramm Zucker drin sind? Hört sich nicht nach viel an, gelle? Aber das sind nicht weniger, als zehn Teelöffel reiner Industrie-Zucker, Tantchen! Was würdest du denken, wenn sich jemand vor deinen Augen in seine Tasse Kaffee zehn Teelöffel Zucker einrührte? Schwachkopf? Selbstmordkandidat? Noch Fragen, liebes  Tantchen?“

Forderungen!

Klaras Frage war schließlich eine, die wir uns alle stellen sollten: Ist Süßkram wirklich das, was Kinder von sich aus fordern, oder ist es nur das, was wir glauben, Ihnen unbedingt fortwährend anbieten zu müssen. Die berühmte Frage nach „Henne oder Ei“ böte sich hier an. Wer hat mit dem Unsinn angefangen? Die Kids oder wir…?

Auch Silke F. aus Stuttgart habe ich diese Frage gestellt. Sie ist stolze Mutter von zwei Jungs (11 und 9) und einem sechsjährigen Mädchen und noch stolzere Besitzerin von zwei geräumigen Familien-Naschladen. Ihre entrüstete Antwort auf meine kritische Frage: „Meine Kinder verlangen doch den Süßkram fortwährend von mir! Was denken Sie, wie schwer es ist, mit den Dreien einkaufen zu gehen?“   

Ach so! Wenn das Prinzlein also zwischen den Regalen rumbrüllt: „Maaami! Gummibärchen!“, gibt’s dann sofort den verlangten Stoff? Natürlich erst nach einigem professionell-mütterlichen Zögern, versteht sich: „Na gut, mein Schatz! Weil du so brav warst!“ Na dann ist ja alles geklärt: Wenn die Kleinen das Klumpert immerzu einfordern, dann kann man wohl nichts mehr machen. Dann seien wir doch weiterhin so furchtbar nette Bezugspersonen und bieten wir das ungesunde Zeug halt weiter unseren Kids an…

Nette Bonbons

Manch Einer wird meinen, dass ich ein wenig „übertreibe“. Dazu mein Tipp: Beobachten Sie doch bitte eine zeitlang sehr bewusst, wie viele Leute Ihren Kindern Süßigkeiten schenken wollen. Einfach, weil’s doch „nett“ ist! Das fängt an Bankschaltern und diversen Geschäften mit völlig unverlangten Bonbons an und hört beim Geburtstagsparty-Kuchen für 70 Personen auf… obwohl nur sieben Kids angemeldet sind.

Daher lautet meine zweite spannende Frage für heute: Warum tun Erwachsene das eigentlich? Legen es all diese netten Leute wie Mama Silke, die Zuckerl-Geschäftsleute, oder meine liebe Tante Klara es eigentlich darauf an, ihren Kindern bewusst gesundheitlich zu schaden?

Unwissenheit? Eher nicht! Bei kaum einem bundesdeutschen Erwachsenen ist es noch nicht angekommen, dass Industriezucker, Honig & Co. bei regelmäßiger Verabreichung wahre Champions sind, wenn man es darauf anlegt, im restlichen Leben möglichst viele Zahnbohrungen genießen zu wollen oder sich als Übersäuerungs-Dauerabonnent anzumelden. Jeder weiß: Zucker ist der absolute Bringer, wenn man den Lebensplan verfolgt, „in die Breite“ zu gehen. Außerdem hat kaum jemand noch Zweifel am direkten Zusammenhang zwischen zunehmendem Zuckerkonsum und der wahrlich erschreckenden Zunahme von Diabetes im Jugendalter!

Warum also trainieren wir bei all dem Wissen unseren Nachwuchs, der uns als möglichst gesunder Erwachsener nachfolgen soll, munter weiter auf den „Geschmack süß“, als wäre uns das alles… naja, sagen wir: ziemlich wurscht?

Überwindung

Zugegeben: Diesmal hab’ ich mal wieder schön dick aufgetragen mit meiner Gesundheitskritik. Aber ich wollte ein für allemal klarstellen, dass nicht die Kinder per se nach Süßem verlangen, sondern eher wir selbst!  Deshalb geht nur ein pädagogisch wertvoller Weg so richtig gut ab: Wir Erwachsenen müssen streng zu uns selbst sein. Wir müssen unseren eigenen Zuckerkonsum einschränken, an Besten weitestgehend abstellen. Wir sollten uns klarmachen, dass Zucker ein gefährlich hohes Suchtpotential hat. Wir müssen weg von dem Stoff! Und das geht! Ich habe schon unzählige Eltern begleiten dürfen, die sich im Nachklang nur noch wundern, wie sie früher ihren Kindern und sich selbst so viel Süßes haben vorsetzen können. Dazu braucht es Mut und Überwindung, schon klar! Aber sind unsere Kinder nicht jeden Mut und jede Überwindung wert? Also, auf zu neuen Ufern und vielleicht neuen Geschmäckern! Da wartet noch viel Genussvolles auf Sie und Ihr Kind, weitab vom Zucker. Gehen Sie gemeinsam auf manch eine bittere, saure, würzige oder duftende Entdeckungsreise.

Sie werden es mögen!