Wie Eda den Geburtstagsfrieden rettete

Kleine erbauliche Geschichte von Barbara Fank-Landkammer

Foto: Barbara Fank-Landkammer

Meine Tante Eda ist min-des-tens 80,“ sagt Nina (8). Das kommt von Edas weißem Haarschopf, eigentlich ist sie erst Mitte fünfzig. Vielleicht sieht Nina wie viele Kinder mehr: Eda ist eine weise Frau und hat schon viel erlebt. Wenn sie Nina und ihren Freundinnen von ihrer Kindheit erzählt, dann klingt das wie ein Märchen. Nina mag am liebsten die Geburtstagsgeschichte von Eda, Onkel Herbert und Papa. „Bitte erzähl sie noch einmal!“ 

Eda beginnt: „Es war der Geburtstagstag meiner Mama. Draußen war es nass und kalt. Drinnen wärmte der Ofen und ein leckerer Duft kam aus der Küche. Zum Geburtstagsessen war Onkel Herbert eingeladen. Ein großer, dicker Mann, der wie ein Nilpferd schnaufte, wenn er im dritten Stock angekommen war. Nach der Begrüßung setzte er sich erstmal in den Sessel und sagte fünf Minuten nichts mehr. Das war komisch, weil er doch so gerne redete. Onkel Herbert war der große Bruder meiner Mama. Er erzählte oft Witze, über die Mama lachen musste und Papa gar nicht. Es waren Erwachsenenwitze, politische Witze, sagte Mama. Onkel Herbert war in der SPD und Papa gehörte zu den Schwarzen, obwohl er blond war. 

Normalerweise verschwand Papa im Nebenzimmer, wenn Onkel Herbert da war. Doch dieses Mal war Mamas Geburtstag und Papa wollte auch etwas von dem guten Essen haben. „Keine Politik!“, sagte Mama als wir am Tisch saßen. Onkel Herbert und Papa löffelten ihre Markklößchensuppe mit Eierstich. Mein Bruder Michael fuhr zwischen den Suppentellern mit seinem neuen Modellauto VW 1303 Cabrio herum und brummte wie ein echter Motor. Wir setzten zwei Markklößchen auf die Sitze. Zum Glück war Mama gerade abgelenkt. Papa und Onkel Herbert fanden es lustig und Onkel Herbert spendierte noch drei Erbsen für den Rücksitz. 

Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können. Bis irgendjemand das Radio einschaltete und in den Nachrichten Worte wie „Ostverträge“ und „Helsinki“ fielen. Papa regte sich furchtbar auf. Die Sozis würden uns die Russen ins Land einladen. Und dann würde man ja sehen, wohin das führt. Er habe viele Bücher gelesen. Und die Absichten der Russen seien auf jeden Fall falsch. Mit denen könne man nicht reden. „Mit Dir kann man nicht reden!“ regte sich Onkel Herbert auf. „Du hast ja keine Ahnung!“ Jeden Tag lese er in der Zeitung, wie die alten Nazis (und die seien nur bei den Schwarzen) die Spannung anheizen würden, statt vernünftig zu sein. „Wenn Ihr an der Regierung wäret, dann hätten wir schon wieder Krieg!“ rief er laut. Und so ging es hin und her. Jeder der Beiden wollte recht haben und jeder war sicher, dass der andere blöd sei. Und dass die Welt bald untergehen würde, wenn sich der andere durchsetzen würde. Es war ziemlich schlimm. 

Michael und ich verschwanden aus dem Wohnzimmer. „Puh, sagte Michael, die sind so laut, wenn sie sich streiten.“ „Ja, und sie merken gar nicht mehr, was sonst passiert,“ antwortete ich. „Onkel Herbert hat Mamas Torte nicht gelobt, was er sonst mindestens fünfmal macht, nur gefuttert hat er drei Stücke.“ „Hat man eigentlich immer recht, wenn man meint, dass man recht hat?“ fragte mein Bruder. 

Darüber musste ich nachdenken. Das war eine schwierige Frage. 

„Also – wenn Du sagst, Du hast gesehen, dass ich Dein Spielzeug mit Absicht heruntergeworfen habe, ich aber genau weiß, dass es keine Absicht war, dann wollen wir beide rechthaben.“ „Stimmt.“ sagte mein Bruder. 

„Die Frage, wer wirklich recht hat, kann man eigentlich nicht beantworten, oder? Man kann darüber streiten, aber man weiß es ja trotzdem nicht, weil man in den anderen nicht hineinschauen kann,“ überlegte ich weiter. „Aber man kann überlegen, ob man lieber Streit will oder Frieden,“ antwortete Michael. „Also, statt miteinander zu kämpfen wer recht hat, könnte man sagen: Egal, lass uns lieber weiterspielen, oder so. Und dann vergessen wir das einfach mit dem rechthaben.“ 

Da kam mir eine Idee. „Weißt Du was, Michael, wir malen jetzt ein großes Plakat und darauf schreiben wir: Hört auf mit dem rechthaben. Spielt lieber miteinander Frieden!“ und dann machen wir eine Demo, so wie im Fernsehen und gehen zu Onkel Herbert und Papa ins Wohnzimmer.“ 

„Und das machten wir, ein riesiges Plakat mit drei !!!“ schloss Tante Eda ihre Erzählung. „Und wisst Ihr was? Den beiden blieb so der Mund offenstehen, dass sie vergaßen, was sie Böses sagen wollten. Und dann war Frieden.“ 

Barbara Fank-Landkammer