Alines Kolumne: Peppa Wutz statt Mama futsch

Hach ja, Kinder und Medien. Eines meiner Lieblingsthemen. Denn jeder hat eine Meinung dazu. Aber was ist eigentlich meine Meinung zu diesem Thema?

Als wir 2015 Eltern wurden und ich kurz vorher das Seminar Medienpädagogik belegt hatte, war erst mal klar, dieses Kind sieht so schnell keinen Bildschirm. Wir analysierten Kinderserien, entdeckten teilweise fragwürdige Inhalte und Bilderwechsel, die so schnell sind, dass man als Erwachsener schon Flackern in den Augen und Kopfschmerzen wahrnimmt.

Wir kommen beide aus Familien, in denen sehr begrenzt und ausgewählt Fernsehen geschaut wurde. Naja – ich hatte da ein bisschen mehr Freiheiten und eine Oma, die sehr gern die Fernbedienung in Kinderhände gab. Mein Mann dagegen hat ein bisschen Nachholbedarf und schaut in der Dönerbude oder in der S-Bahn auch gerne mal auffallend konzentriert und abgelenkt auf die Flatscreens. Man könnte meinen, er hat nie so richtig gelernt damit umzugehen. Oder ist er einfach empfänglicher dafür? Da fangen die Fragen schon an. Muss mein Kind Bildschirm Kontakt haben, damit es später keinen Nachholbedarf hat und dann nur noch vermehrt konsumiert, als wenn das Bedürfnis schon früher gestillt wird? 

Wir waren der Meinung,  dass unser Sohn die ersten 2,5 Lebensjahre gänzlich auf Bildschirme verzichten kann. Das hat auch wirklich gut geklappt bis auf ein paar Blicke ins Handy, Fotos anschauen, ein Selfie machen, mit Opa Videotelefonieren.

Mit Hörgeschichten fingen wir aber schon relativ früh an, da er dafür sehr empfänglich war. Ich traf eine Mutter die davon entsetzt war! Also ihr Kind höre keine Hörbücher vor dem 7. Lebensjahr. Auch das gibt es also…

Irgendwann durfte er dann kleine Kinderfilmchen anschauen die ca. 10-15 Minuten lang gingen. Es waren mehr bewegte Bilderbücher als richtige Filme. Irgendwann waren dann auch Maus Clips sehr angesagt, Janosch Filmchen wie der Tiger und der Bär und natürlich Bobo Siebenschläfer (bei dem doch irgendwas nicht stimmt?!). Als unsere Tochter auf die Welt kam und wir immer mehr beschäftigt waren, alle Maus Clips schon gefühlt 1000 mal gesehen hatten, wollten wir einen Schritt weiter gehen und andere Kinderserien anschauen (evt. auch aus eigenem Interesse). Aber was wir auch anmachten.. „Petterson und Findus“, „Als die Tiere den Wald verließen“ und andere Klassiker.. unser Sohn sagte: „Sofort ausmachen!!! Das ist zu spannend!“

Wir stellten schnell fest, dass es um die sprechenden Charaktere ging, die dem ganzen einfach mehr Realität verliehen. Davor hatte er furchtbare Angst. Schaltet man den Ton aus und sieht nur die Bilder, war es gar kein Problem. Also haben wir weiter Maus Clips geschaut. 

Soviel zu Kind 1. Kind 2 (ich muss schon ein bisschen lachen) schaute ab dem Zeitpunkt als sie laut „Neeeeeein ich aaaaauuuuu“ schreien konnte natürlich mit. Ja, sie konnte das mit 1,5 Jahren schon sehr gut und deutlich sagen. Sie begann dann natürlich nicht mit den bewegten Bildern, sondern direkt mit Maus Clips.

Die Maus Clips begleiteten uns tatsächlich bis mein Sohn über fünf und unsere Tochter drei Jahre alt war. Dann wagten wir uns an Pipi Langstrumpf. Auch das mussten wir über viele Etappen pausieren und immer wieder schauen, um bis ans Ende zu gelangen (obwohl die Geschichte bereits gelesen wurde, also bekannt war).

Während andere Kinder alles Mögliche anschauten, war ich etwas irritiert, warum unsere Kinder so ängstlich sind. Ich wollte sie doch aufs Leben mit vielen Bildschirmen  vorbereiten. Aber ich entdeckte etwas sehr schönes darin. Ihre Fantasie war so groß, dass sie einfach immer schon eine Geschichte im Kopf hatten, was als nächstes passieren würde. Sie hatten sich einfach ein sehr gesundes Schutzschild aufgebaut und sagten immer ehrlich und prägnant, wann es ihnen zu spannend wird, statt es schluckend weiter zu konsumieren, um nichts zu verpassen.

Eigentlich genau das, was ich ihnen beibringen wollte. In den richtigen Momenten Stopp sagen und auf sich achten. Hatten sie mit Freunden etwas geschaut und wollten es nicht sagen, haben sie unauffällig den Raum verlassen, haben sich eine Pause verschafft.

Als dann in der Schule von Kind 1 zum ersten Mal zusammen ein Film geschaut wurde, spannte unser Kind regelmäßig sein Schutzschild auf. Ging auf Toilette, schaute in eine andere Richtung, wenn zu spannend.

Beim zweiten Kind war der Umgang mit dem Tablet mit drei Jahren schon sehr geschult. Das lag daran, dass sie zwischen April ‘21 und Oktober ‘22 keinen Kiga-Platz hatte, ich aber nebenbei erst schwanger war, dann einen Säugling hatte. Das Tablet war meine Rettung. Ich hätte es in einigen Situationen nicht anders geschafft.

Und wie war das beim dritten Kind? Ich muss jetzt wirklich lachen. Es hat bereits mit einem Jahr schon mitgeschaut. Weil ich einfach eine Pause brauchte. Ja, Eltern dürfen die Medien nutzen, um sich eine Pause zu schaffen. Denn die meisten von uns haben kein Dorf, keine Großeltern, NachbarInnen, BabysitterInnnen direkt nebenan, die an Ort und Stelle sind wenn man mal spontan nicht mehr kann. 

Natürlich ist es die schönere Variante, die Kinder mit Tante auf den Spielplatz zu schicken, aber wenn das nicht möglich ist und Mamas Ampel schon auf rot steht, ist die schönere Variante Peppa Wutz statt Mamas Frust!

Meine Meinung ist: Wir dürfen uns nicht verrückt machen. Solange die Kinder täglich an der frischen Luft sind, wissen, wie man über Wurzeln klettert und Berge erklimmt, also einen bewegten Alltag haben, können sie auch mal eine Serie anschauen. Wichtig ist die Dosis und das, was geschaut wird. Klar sein muss: In der Zeit, in der das Kind vor dem Fernsehen sitzt, verpasst es Zeit, um motorische Fähigkeiten aufzubauen. Sitzt das Kind also schon sehr früh und überdurchschnittlich viel vor einem Bildschirm, sind Entwicklungsverzögerungen besonders in der Motorik deutlich wahrnehmbar.

Die BZgA schlägt folgende Regeln als Orientierung vor:

  • Kinder im Alter von 0 – 3 Jahren: keine Bildschirmmedien nutzen
  • Kinder im Alter von 3 – 6 Jahren: höchstens 30 Minuten täglich
  • Kinder im Alter von 6 – 10 Jahren: höchstens 45 – 60 Minuten täglich

Die Realität sieht denke ich in vielen Familien anders aus.


Aline

Aline Diller

Aline Diller ist Pädagogin und 3-fach Mama aus Karlsruhe. Sie schreibt über Themen rund ums Eltern-Sein.

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