Updateissimus – Muss immer alles neu sein?

Unser Wiener Heilpädagoge Gerhard Spitzer, schaut gewohnt schonungslos hinter die Kulissen modernen Konsumverhaltens

Foto: Ida Grosse
Konsolen-Update

Der neunjährige Marcel aus Karlsruhe-Durlach ist heute, ein paar Tage vor Weihnachten, mal wieder ungnädig. Grade stampft er mit dem Fuß auf, dass es nur so dröhnt. Mama Frieda erfährt gleich darauf den wahrlich signifikanten Grund für den Ausbruch: „Mit dem uralten Teil will ich gar nicht mehr spielen! Der Benni und die Jutta haben doch auch schon die Sohnie Plä Stäschn Vier! Alle haben die schon, außer ich!“ Mal ganz abgesehen von dem kleinen sprachlichen außer-ich/mir-Ausrutscher ist somit alles klar: Marcel ist ein klassischer Updateissimus. Ihn verlangt es unentwegt nach neuestem Technikschrott. Weihnachten ist da natürlich der „gegebene Anlass“!
Ein kurzer, aber bitterböser Seitenblick auf die völlig unschuldige Elektronik-Konsole unter dem Fernsehgerät bestätigt die massive Verachtung des Kindes für diesen unerhörten Altbestand im Haus.

Markt-Update

Na klar! Recht hat er, der kleine „Erneuerer“! Hinfort mit dem Ding! Auf Nachfrage erfahre ich, dass die „un-upgedatete Play-Station“ in diesem Heim immerhin schon seit elf Monaten im fast täglichen Volleinsatz ist. Da wird Marcels totalitäre Feindschaft gegenüber dem armen, alten Gerät sofort nachvollziehbar.
Sehr nachlässig von Mama Frieda, dass sie nicht sofort bei Sonys Markteinführung auf Update geschaltet hat! Da wäre noch Luft nach oben, meine Guteste!
Jetzt aber interessiert mich – als notorischer Heilpädagoge, der ich nunmal bin – vielmehr der Hintergrund: Woher hat der Bub diese extremistisch angehauchte Neuigkeiten-Sucht?

Skrien-Update

Nun, lange brauche ich nicht zu suchen: Papa Ulrich schaut schon während unserer Besprechung verstohlen auf den Tatsch-Skrien eines offensichtlich nagelneuen Smart-Dingsbums, das die ungefähre Größe eines Albatrosses hat. Auf frischer Tat ertappt, rechtfertigt sich der gute Mann: „Ääh! Bitte entschuldigen Sie! Ich hatte nur nachgeschaut, ob das neue Update schon durch ist“
Schreibtisch-Update

Meine Bestandsaufnahme runde ich mit einem Seitenblick auf Papa Ulrichs eingeschalteten Laptop am nahen Schreibtisch ab. Eine „User-Mitteilung“ steht dort zu lesen und macht schnell klar, woher die konsequente „Wäsche“ von bereits allerjüngsten Gehirnen kommt: „Neue Updates werden geladen, bitte keine Bewegung!“ Schon wieder ein sprachliches Unding: Ein Update ist ja per se schon „neu“ Aber sei’s drum! Die Neuheit muss halt heutzutage immer und überall hervorgehoben werden! So läuft hartes Marketing eben! Das bringt das Weihnachtsgeschäft trotz Shut-Down in Schwung.
Ulrich erklärt schnell: „Na ja, das macht der Laptop fast immer, wenn ich ihn einschalte!“ Echt jetzt? „Ja, und bevor ich ihn ausschalten will, meistens auch!“ „Nein! Wirklich?“, ich kann es kaum fassen! „Ja und manchmal auch zwischendrin, während ich arbeite! Da können schon mal in einer einzigen Arbeitsstunde zwei bis drei Updates fällig werden!“
Ich frage mich spontan. Geht´s noch, Leute? Bestandsaufnahme erledigt!

Perma-Update

Perma-Frost in den Böden ist in klimaerwärmten Zeiten bald Geschichte. Dafür beginnt eine neue Never-Ending-Story rund um „Perma-Updates“ bei Computern, Telefonen, Fotoapparaten, Smarten Häusern und sogar schon Küchenmixern mit WiFi-Funktion! Grausam, dieser Wahn! Denn niemand scheint zu bedenken, was das mit der Lebenswelt unserer Kinder anstellt …

Erzkonservativ

Wussten Sie, liebe Freunde des KARLSRUHER KIND, dass Kinder im richtigen Leben erzkonservative Wesen sind? Das heißt, unsere Lieben benötigen erstmal einige Zeit, bis sie sich auf etwas Neues eingestellt haben. Danach aber bleiben Sie gerne felsenfest dabei und wünschen sich, dass bitteschön möglichst lange nichts mehr verändert wird. Mit anderen Worten, es entspricht zutiefst der kindlichen Grundkonzeption, sich eben keine andauernden „Updates“ für Ihre persönlichen Sachen und gewohnten Abläufe zu wünschen! Wir, die Gesellschaft, sind aber gerade fröhlich dabei, dieses Konzept vollständig zu vernichten. Alles zugunsten eines aggressiven Marktes, der davon lebt, Menschen etwas zu verkaufen, das sie noch lange nicht benötigen würden, stieße man Sie nicht immerzu kräftig an.
Dinge des täglichen Gebrauchs werden somit schon alt, nachdem man sie ausgepackt hat. Das nehmen unser Kinder sehr deutlich wahr, kopieren das Verhaltensmuster und… zack, mutieren sie zu Updatissimi vom Feinsten. Kindheit wird obszolenszent, also „ablaufend“.

Update vom Update

Sie, liebe Freunde meiner Kolumne, sollten dem so einiges entgegensetzen. Machen Sie ein Update vom Update: Gehen Sie für sich selbst erstmal die Dinge durch, die Sie gerne doch noch weiter „in Schuss halten“ möchten, ohne sie bald zu ersetzen. Bestärken Sie nun, gerade vor Weihnachten, auch Ihr Kind darin, ebenso ein paar seiner „alten Sachen“, aber auch seine „Umgebung“ zu pflegen. Das inkludiert natürlich auch Menschen! Manche nennen so eine uralte Einstellung schlicht: „Wertschätzung“. Ein völlig updatefreies Geschehen! Wie jetzt? Sie sind sicher gar kein Updateissimus? Na dann, weiter zu meinem „Schlusstest“…

Dinosaurier-Test

Ich schreibe im Augenblick diese Kolumne für Sie auf einem unmenschlich alten IBM-Thinkpad, auf dem des System Windows XP läuft. Ihr Testergebnis: Was halten Sie davon? Kommt Ihnen für mich automatisch das Zertifikat „Dinosaurier“ in den Sinn? Wenn nicht, dann gratuliere ich! Manch eine „harte“ Rückmeldung, bis hin zu doof und sogar „kriminell“ habe ich dafür nämlich schon einstecken müssen! Ich halte dagegen: „Never change a running system!“ Habe ich da wenigstens Ihre Zustimmung? Gut! Es ist nämlich eine durchaus kopierfähige Grundeinstellung… und es lohnt sich garantiert, diese gerade an Weihnachten auch in Ihrer Familie zumindest in kleinem Umfang zu zelebrieren. Update unnötig!
Sie werden es mögen.