Haustier als Weihnachtsgeschenk?

Sarah Nagel

Steter Tropfen höhlt den Stein. Kinder mögen dieses Sprichwort nicht kennen, aber sie wissen eines ganz sicher: Es stimmt. Eltern kann man (oft) weichkochen, einfach, indem man Wünsche immer und immer wieder äußert, oder anders gesagt, schlicht nervt. Der Klassiker, gerade, wenn es um Wünsche zu Weihnachten geht:

„Ich möchte ein Haustier!“

Tage- und wochen-, manchmal monatelang wird nach allen Regeln der Kunst argumentiert, beschworen, geschworen.

Selbst Fünfjährige wachsen rhetorisch über sich hinaus. Von Gerechtigkeitsfragen („Aber der Benny hat auch gerade einen Hund bekommen“) über gut durchdachte Logistikthematiken („Du gehst mit ihm morgens raus, ich muss ja noch frühstücken. Aber nachmittags führe ich ihn dann Gassi. Und füttern werde ich ihn auch. Großes Ehrenwort! Du musst dann nur noch das Kaka wegmachen“), alles ist dabei. Irgendwann ändert sich vielleicht die Einstellung der Eltern. Schließlich möchte man ja, dass der Nachwuchs glücklich ist. Und dann geht das Kopfkino an: Wie man ein süßes Fellknäuel heimlich aus dem Tierheim holt. Es erst noch bei den Großeltern unterbringt, um es dann in einem abgedeckten Transportkorb unter den Weihnachtsbaum zu stellen. Und wenn das Kind dann das Tuch wegzieht… Wie werden die Augen leuchten!

Wäre das mit dem Tier als Weihnachtsgeschenk nicht vielleicht doch eine gute Idee?

„Nein, ist es nicht“, betont Wera Schmitz, Vorsitzende der KatzenHilfe Karlsruhe e.V. Sie gibt zu bedenken, dass die Weihnachtstage mit all ihrem Trubel nicht der geeignete Zeitpunkt sind, ein Tier an seine neue Umgebung zu gewöhnen. „Die Kinder möchten ein liebes, verspieltes Kätzchen haben. Doch Tiere brauchen Ruhe, um sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Viele haben Angst vor der Lautstärke und dem Chaos, verstecken sich oder kratzen. Dann ist die Enttäuschung in den Familien oft groß, und im Januar werden die Tiere wieder abgegeben.“

Besonders beliebt als Festtagspräsente sind Hunde- und Katzenbabys. Die sind erst mal noch ziemlich niedlich, und man verzeiht ihnen den einen oder anderen Ausrutscher auf dem Teppich gerne. Doch dann tauchen oft die ersten Probleme auf. Die Tierrechtsorganisation PETA warnt eindeutig: „Tiere sind keine Weihnachtsgeschenke!“ Dass so viele Vierbeiner nach den Festtagen ausgesetzt oder ins Tierheim (zurück)gebracht werden, hat vielfältige Gründe: „Der Mietvertrag untersagt die Tierhaltung, aus dem niedlichem Katzenkind wird eine „Kratze-Katze“, das Kaninchen beginnt streng zu riechen oder der Hund hinterlässt Pfützen in der Wohnung.“ Auch Geld ist ein Faktor: „Immer wieder werden Halter von den hohen Kosten der Haltung überrascht, weil sie sich zuvor nicht ausführlich mit der Thematik beschäftigt haben: Neben Nahrung und den regel- mäßigen Tierarztbesuchen für Impfungen oder Routinekontrollen kann der Besuch beim Veterinär schnell zu einem hohen Kostenfaktor werden, wenn der tierischen Freund ernsthaft erkrankt.“ Unglaublich: Rund 300.000 Vierbeiner landen jedes Jahr im Tierheim, besonders viele in der Urlaubszeit – und nach den Festtagen.

Und was macht man, wenn das Kind mit seinem Wunsch einfach nicht locker lässt? Stellen Sie sich die Frage, ob Sie grundsätzlich bereit sind, ein Tier bis an dessen Lebens- ende aufzunehmen (also vielleicht sogar bis zu 20 Jahre). Erlaubt es Ihre finanzielle Situation, ihr Wohnumfeld? Wie steht der Partner dazu? Sind Sie bereit, auch, wenn das Interesse ihres Kindes nachlässt, dafür zu sorgen? Denn eines ist klar, das gibt auch die Erziehungsexpertin Carolin Welte aus Karlsruhe zu bedenken: „Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Es ist deren Aufgabe, die Kinder bei der Pflege der Tiere zu begleiten und anzuleiten.“ Haben Sie überhaupt die Zeit dafür? Beantworten Sie diese Fra- gen für sich mit Ja, können Sie mit Ihrem Kind einen Deal aushandeln. Spielen Sie auf Zeit! Sagen Sie zum Beispiel: „Zu Weihnachten gibt es keinen Hund. Aber wenn du an deinem Geburtstag im März immer noch einen willst, dann darfst du ihn haben.“ Vielleicht hat sich bis dahin ein ganz anderer, noch dringlicherer Wunsch ins Kinderherz geschlichen.

Oder wie wäre es, erst mal zu üben Verantwortung für einen flauschigen Freund zu übernehmen? Das Tierheim Karlsruhe hat eine Jugendgruppe für Kinder ab 12 Jahren. Dass der Bedarf da ist, zeigt, dass die Gruppe momentan leider niemanden mehr aufnehmen kann. Aber das Tierheim sucht auch immer Ehrenamtliche, die Hunde ausführen oder Katzen streicheln. Ersteres geht, wenn ein Elternteil bereit ist, vom Tierheim angebotene, selbst finanzierte Kurse zu belegen, um zu beweisen, dass er als Hundeführer geeignet ist. Wenn man ein Kind unter 16 Jahren mitnimmt, übernimmt das Tierheim allerdings keine Haftung. Schließlich weiß man ja nie, wie so ein Vierbeiner reagiert, der aus seinem sozialen Umfeld gerissen wurde. Unkomplizierter ist es, wenn es sich um Katzen dreht. Am Wochenende und an Feiertagen darf man ab 10.30 Uhr eine Stun- de lang mit den Miezen kuscheln und mit ihnen spielen. Das geht auch bei der KatzenHilfe Karlsruhe. „Wenn die Kinder 13 oder 14 Jahre alt sind, können sie gerne zu uns kommen, die Katzen streicheln und füttern“, so die Vorsitzende Wera Schmitz. Allerdings: „Natürlich gehört es auch dazu, das Katzenklo sauberzumachen!“
Und vielleicht, liebe Eltern, hat sich damit dann ja der tierische Weihnachtswunsch ganz schnell erledigt…