Wortlos – Tipps zur Babyerziehung vom Kiddy Coach

Grenzen setzen „light“

Babyerziehung am Start

Schon wieder eine Baby-Kolumne? Wie die Zeit vergeht! Aber schön: Ergiebig genug ist das Thema ja allemal. In der täglichen Eltern-Beratung werden mir immer häufiger Fragen bezüglich Babys und deren „richtiger Erziehung“ gestellt. Aber: Geht das überhaupt? Kann man „Mini und Maxi“ schon gleich nach der Geburt erziehen?

Erst vor ein paar Tagen hat mich eine besorgte Mutter gefragt: „Ab wann muss ich bei meinem Baby mit der Erziehung anfangen?“ „Na sofort, unverzüglich!“, habe ich spontan geantwortet. Aber ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Darum, liebe Freude meiner Kolumne, erstmal alles auf Anfang…

Leitsatz

Kinder brauchen Grenzen! Mit diesem Paradigma im Hinterkopf stehen die allermeisten Eltern morgens auf und min-des-tens ebenso viele legen mit diesem Leitsatz vor Augen ihre Kinder abends zu Bett. Doch bei Babys und Kleinkindern funktioniert das so nicht. Die kleinen Seelen mögen es viel lieber „grenzenlos“! Wie das gehen soll? Keine Sorge, gleich werden wir einander bestens verstehen.

Endgültig Schluss!

„Hörst du jetzt endlich damit auf?“, versucht Elke ihren elf Monate alten Wirbelwind Moritz vom lustvollen Herumspritzen mit dem Milchbrei abzuhalten. Irgendwie scheint das den kleinen Pfiffikus aber nicht sonderlich zu interessieren. Dass er eine wohnhygienische Grenze überschreitet, wenn er mit seinem Löffel-Katapult das halbe Esszimmer bekleckert, ist ihm augenscheinlich ziemlich „wurscht“. Ihm macht’s grad furchtbar Spaß! Da hilft auch keine noch so streng verordnete Grenze. Trotzdem versucht Mama mit einer letzten Wort-Spende noch eine solche nachzulegen: „Jetzt iss aber endgültig Schluss!“

Der süße Fratz reagiert natürlich auch darauf kein bisschen. Erst als die Mutter ihm hurtig den Esslöffel aus der Hand nimmt, ist Schluss mit lustig. Aber das alles überrascht uns nicht wirklich, oder? Tja! Die gute Elke hat hier wohl dieselbe heimtückische Abzweigung in eine Sackgasse genommen, wie es vielen anderen jungen Müttern und Vätern vermutlich täglich passiert: Sie versuchen dem Fehlverhalten ihres Sprösslings im „bösartigen“ Geschehen Grenzen zu setzen. Dabei verbrauchen Sie allerdings viel Energie und eben auch leider meist viel zu viele Worte!

Also ist’s klar: Die erzieherische Hardcore-Version – nämlich das andauernde Aufstellen von wortreichen Regeln und Verboten – verfängt bei Baby leider nicht. Ein Plan B muss her.

Kleinkinder haben´s eilig mit dem älter Werden.

Meinen Alternativplan für kleine Fratzen nenne ich daher liebevoll „Grenzen Setzen light“. Kurz gesagt, geht es mir dabei eher um entspannende „Rituale“, als um spannungsvolle Vorschriften… Entschuldigung, sagen wir lieber: wortreiche Regeln. Was hieße das jetzt für Elke und ihren kleinen professionellen Brei-Verteiler?

Na zum Beispiel wäre ein kurzes lustvolles Spaß-Ritual vor dem Essen angesagt. Moritz und seine Mama könnten kurz aber intensiv die „richtigen“ Löffelbewegungen durchspielen. Das Geheimnis ist dabei die positive Wahrnehmung: Mama Elke strahlt übers ganze Gesicht, wenn Moritz den Löffel unfallfrei zum Mund geführt hat. Die Trocken-Übung hat geklappt? So, jetzt wird´s ernst: Soeben landet der Teller mit dem dampfenden Brei wie ein aufgescheuchtes Sportflugzeug auf dem Tisch. Natürlich sitzt dabei Mama als Bruchpilotin am Steuer und hat damit schon ein kurzes, aber lustiges Ritual für Ihren Jungen inszeniert. Jetzt braucht der kleine Mann keine zusätzliche Aufmerksamkeit und kann sich auf das Ritual der Nahrungsaufnahme gut einlassen.

Noch eine Portion Positives gefällig? Aber klar doch: Mama strahlt schon wieder ganz aufrichtig, denn Klein-Moritz zeigt ihr jetzt, dass er seine Nahrungsaufnahme ohne neue Wandverzierungen hinbekommen hat. Uff! Glück gehabt! Der Maler muss heute noch nicht gerufen werden.

Neue Ideen

Zwei Wochen und ein paar Übungs-Einheiten später hat Elke schon viele neue Ideen: Zum Beispiel ist ihr ein kurzer Lied-Text eingefallen: „Du bist rund und gesund, also Löffel in den Mund!“ oder „Ei und wei! Gut schmeckt mir der Brei“ Das liebt Moritz. Wie jedes Kind, das den Prozess des Essens mit etwas Lustigem verbinden kann, braucht er sich keinen extra Unfug aus dem Baby-Universum zu holen. Der kleine Hosenpupser verknüpft nun seine dringend notwendigen Spaß-Einheiten eher mit perfekt kleckerfreiem Brei-Genuss. Auf einmal sitzt ein kleiner Bub mit am Tisch, der jede einzelne Fuhre Baby-Pampe ganz sorgfältig in seinem Mund versenkt. Alles geschieht jetzt wie von selbst. Forscher nennen diesen wunderschönen, rundum moritzfreundlichen Prozess deshalb klangvoll „Selbstregulationsfähigkeit“.

So, jetzt ist aber Schluss!… mit unserem Besuch bei Mama Elke und ihrem ehemaligen Klecker-Moritz! Lassen wir die zwei doch mit ihrem doofen Brei alleine und riskieren noch einen weiteren Baby-freundlichen Blick in die Umgebung.

Musik-Zeremonie

Mama Sarah ist beispielsweise einen Blick wert. Sie wendet bei ihrer zweijährigen Tochter Isabella zur Fütterungszeit eine musikalische Zeremonie an: Ein ruhiges Musikstück läuft los. Die Kleine mag diese Musik sehr und weiß sofort bescheid: „Da passiert etwas, das ich schon kenne. Und ich weiß genau, was jetzt von mir erwartet wird.“

Wenn aber bei Tisch etwas unrund zu laufen beginnt, stoppt Sarah den MP3-Player sofort. Auch jetzt kennt sich die kleine Prinzessin ganz genau aus: „Ups! So geht’s wohl nicht!“ Das Entspannte an dieser tollen Szenerie: Die Mutter muss kein einziges erzieherisches Wörtchen verschwenden! Cool, was?

Also los, liebe diensthabende Kleinkinder-Mamis und -Papas! Habt Mut und erfindet eure ganz eigenen Grenzen „light“: Viel-leicht für’s Schlafengehen, für’s Zähneputzen, für’s Einräumen, usw. Zeigen Sie dabei immer einen ganz entspannten Gesichtsausdruck und achten Sie dabei auf das Lächeln Ihres Babys.

Sie werden es mögen.