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Der Hebammen-Skandal

Eine Analyse von unserer Autorin Sarah Nagel

Kritische Worte von Sarah Nagel

Man sagt, Schwangere sind „guter Hoffnung“. Sie hegen die Hoffnung, mit Hilfe von Hebammen eine möglichst komplikationsfreie Schwangerschaft zu erleben und am Ende ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Sie hegen die Hoffnung auf eine gute Betreuung vor, während und nach der Geburt. Doch gerade das wird immer schwieriger.

Es ist kein Geheimnis, dass in Deutschland ein Hebammen-Mangel herrscht, aber in den vergangenen Jahren hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschärft. Das macht sich vor allem im Kreißsaal bemerkbar. Der Deutsche Hebammenverband e.V. (DHV) schlägt Alarm: „Eine stetige und persönlich zugewandte Betreuung von Frauen während der Geburt ist in Deutschland mittlerweile eher ein Glücksfall als die Regel“, so der Verband. „Hebammen in Deutschland betreuen in­zwi­schen dauerhaft mehr als doppelt so viele Gebärende wie Hebammen in anderen europäischen Ländern. Teils betreut eine einzelne Hebamme fünf oder mehr Gebärende gleichzeitig.“ Die Unterstützung einer Beleghebamme in der Klinik, eine Hausgeburt oder eine Entbindung im Geburtshaus sind nur noch in Einzelfällen möglich.

Ein Skandal sondergleichen – und es geht noch weiter. Denn auch darüber hinaus gibt es natürlich viel Bedarf an Hebammen-Tätigkeiten: Vor allem Erstgebärende möchten Geburtsvorbereitungskurse absolvieren, brauchen Betreuung im Wochenbett und Rückbildungsgymnastik. Eine Hebamme ist, anders als ein Arzt, auch noch da, wenn es Stillprobleme gibt oder um das Thema Beikost geht.

Doch all das kann in den meisten Fällen schon längst nicht mehr gewährleistet werden – auch hier greift der Hebammen-Mangel. Wer Betreuung möchte, muss am besten schon mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand anfangen zu suchen. Unter hebammen-karlsruhe.de findet man lediglich 56 Namen – das schließt aber Anbieterinnen aus weiter entfernten Orten wie Bruchsal oder Waldbronn schon mit ein. Geburtshilfe bietet kaum eine an, und einige schreiben gleich dazu, dass sie erst Ende des Jahres wieder Kapazitäten haben.

Auch bei Inga Fränkle ist das so. Die Karlsruher Hebamme, die seit 2003 in diesem Job arbeitet, hat einen Anrufbeantworter mit den wichtigsten Infos eingerichtet, auf den man nicht drauf sprechen kann. Anfragen nimmt sie nur noch per E-Mail entgegen – sonst wird sie dem Ganzen nicht mehr Herr. „Ich habe jeden Abend fünf Anrufe verzweifelter Schwangerer auf meiner Mailbox, die nach einer Hebamme suchen“, erklärt Inga Fränkle. „Manche betteln regelrecht, viele weinen sogar. Ich möchte sie ja wirklich gerne betreuen, aber ich bin meistens voll ausgelastet.“ Die 40-Jährige hat seit Jahresbeginn schon (inklusive Geburtsvorbereitung und Rückbildung) 270 Frauen betreut; in der Regel kommen jeden Monat sechs neue dazu. Sie weiß: Ihr Beruf befindet sich an einem Scheideweg. „Es gibt einfach viel zu wenig Hebammen. Das liegt daran, dass der Job –gemessen an der hohen Verantwortung – zu schlecht bezahlt wird und dass es viele Unsicherheiten gibt. Keiner weiß, ob er in Zukunft überhaupt noch existiert.“

Einer der problematischen Punkte ist und bleibt das Thema Versicherung. Aufgrund der hohen Risiken sind die Prämien für Hebammen, die Geburten zu Hause, in Geburtshäusern oder als Beleghebammen in Kliniken begleiten, ins Unermessliche gestiegen. Sie werden sich voraussichtlich ab dem 1. Juli 2020 auf mehr als 9000 Euro jährlich belaufen. Kein Wunder, dass es da kaum noch Angebote dieser Art gibt. Außerdem stellt sich mal wieder die Frage, welcher Träger Hebammen in Zukunft überhaupt noch versichert. Ein Faktor, der sowohl Hebammen als auch diejenigen, die sich für den Beruf interessieren, stark irritiert. Dazu kommt: Bald kann man die Hebammentätigkeit, wie in fast allen anderen Ländern Europas, nur noch studieren. Der Deutsche Hebammenverband begrüßt diesen Schritt ausdrücklich: „Hebammen sind die Expertinnen rund um die Geburt. Durch das Studium wird endlich das hohe Niveau, auf sie arbeiten, widergespiegelt“, so die Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer. Andererseits heißt das natürlich auch: Weniger Menschen können überhaupt diesen Job ergreifen. Und wer will ein langes Studium anfangen, um hinterher schlecht zu verdienen oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr arbeiten zu können?

Inga Fränkle hofft darauf, dass die Politik endlich durchgreift. „Man muss Hebammen und Hebammenanwärterinnen Sicherheiten bieten. Außerdem sollte die Verantwortung, auch finanziell, auf mehrere Schultern verteilt werden, die Löhne müssen steigen und es sollte mehr Werbung für den Beruf gemacht werden.“ All das für das eine Ziel: damit Schwangere auch in Zukunft noch guter Hoffnung sein können.