Rollenverteilung: Das neue Vater-Dilemma

Autorin Sarah Nagel

Der Wecker klingelt. Schnell Frühstück machen, das Kind in die Kita bringen. Auf der Arbeit ist der Schreibtisch schon wieder voll, das E-Mail-Postfach sowieso. Abends fix noch beim Supermarkt vorbei, dann kochen, etwas aufräumen, spielen, vorlesen, das Kind ins Bett bringen. Nachts aufstehen, wenn es nötig ist. Und dann ist ja auch wieder der nächste Morgen, und das Hamsterrad dreht sich weiter. Hobbys? Freunde treffen? Das fällt hinten runter. Da kann ein Mann schon mal ins Schwitzen kommen.

Ein Mann? Ja, genau. Für immer mehr Väter sieht der Alltag mittlerweile so aus. Jetzt werden viele Frauen einwerfen: Die sollen sich mal nicht so anstellen. Dieses Pensum habe ich seit Jahren. Und um eines vorweg zu schicken: Die Herausforderungen der aktuellen Mütter-Generation abzuhandeln, ist gut und richtig. Aber im Rückspiegel der Emanzipation liegt ein Thema oft im toten Winkel: die sich daraus ergebende Mehrfachbelastung und die neuen Ansprüche an den Vater.

Früher gab es in der Regel eine klassische Rollenverteilung mit klar definierten Aufgaben. Das ist heute nicht mehr gang und gäbe. Die Frau will, darf und/oder muss arbeiten, je nach Situation. Und somit ist für die aktuelle Elterngeneration alles auf den Kopf gestellt. Denn wer arbeitet, hat eigentlich das Recht darauf, in Sachen Haushalt und Kids entlastet zu werden. Und da kommt der Papa ins Spiel. Immer mehr Pflichten gehen gefühlt oder tatsächlich auf den Vater über. Und der Versorger soll er trotzdem sein.

„Ich fühle mich immer mal wieder überfordert“, gibt ein Vater aus Karlsruhe zu, der gerne anonym bleiben möchte. „Mir fehlen einfach Pausen. Ich habe einen Job, in dem ich wenig durchatmen kann und arbeite auch mal zehn, elf Stunden am Stück. Dann möchte ich ja auch für mein Baby da sein, mache einen Teil der Hausarbeit, kaufe ein. Meine Frau arbeitet Teilzeit, kümmert sich nachmittags und nachts um das Kind. Trotzdem fühle ich mich wie in einem Hamsterrad, das sich von morgens bis abends dreht. Eine Aufgabe jagt die andere.“

Und was ist das auch für ein Spagat: Klassischerweise hat der Vater den Druck, für das Haushaltseinkommen zu sorgen. Er möchte und soll aber auch für das Kind präsent sein, was wiederum von vielen Unternehmen immer noch nicht gerne gesehen wird. Arbeitszeitreduzierung wegen Papa-Pflichten? Da werden gerne mal Steine in den Weg gelegt. Und setzen sich die Männer durch, fragen sich oft ihre Frauen und die Schwiegereltern, ob er mit dem Kind alleine zurechtkommt. Dann sind da noch Haushalt, Garten- und Autopflege und alles, was das Leben so an Herausforderungen mit sich bringt. Ein ausgeglichener, aufmerksamer, attraktiver Ehemann soll man auch noch sein. Da ist es kein Wunder, dass sich laut einer Studie von 2015 jeder fünfte Vater manchmal „völlig überfordert“ fühlt. Da die gleichen An- und Überforderungen auch die Mutter betreffen, ist das oft ein Quell endloser Konflikte, und nicht umsonst trennen sich so viele Paare im ersten Lebensjahr des Kindes.

Doch wie kann diese Vätergeneration lösungsorientiert unterstützt werden? Erst einmal ist es hilfreich, ihre Bemühungen anzuerkennen, mit der rasenden Entwicklung der Emanzipation Schritt zu halten und mitzuhelfen, tradierte Normen auf den Kopf zu stellen. Man darf nicht vergessen: Die Väter der heutigen Väter waren meis­tens dauerarbeitend und dauerabwesend. Doch längst ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich ein engagierter Vater in vielen Aspekten der Kindesentwicklung äußerst positiv auswirkt. Für sich zu akzeptieren, dass man eine wichtige Rolle im Leben des Kindes hat, und danach zu handeln, ist eine enorme Anpassungsleistung.

Ganz konkret ist es hilfreich, das einfach mal zusagen. Barbara Fank-Landkammer, Vorständin der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle in Karlsruhe, gibt Tipps für eine wertschätzende Kommunikation unter Eheleuten. „Die Anerkennung der Belastung ist der erste und sehr wichtige Schritt zum gegenseitigen Verständnis“, erklärt sie. „Man könnte sagen: ,Ich sehe, dass du dich bemühst. Ich sehe, dass du arbeiten musst, aber viel lieber hier sein und mit deinem Kind spielen möchtest.‘“ Daraus wird emotional ein „Ich sehe dich“. Sich im Blick behalten, gegenseitig unterstützen, statt Vorwürfe in den Raum zu stellen. Ein „Ich übernehme das für dich“ statt ein „Dann mache ich es eben selbst – ich mache hier ja eh schon alles.“

Und weitere Lösungsansätze? Nachgefragt bei unseren eigenen Vätern heißt es oft: „Es war einfach immer klar: Deine Mutter ist für die Kinder und alles Häusliche zuständig, ich gehe arbeiten und mache den Garten.“ Was so manch einem sauer aufstoßen dürfte, lohnt jedoch einen genaueren Blick. Klare Absprachen, wer für was zuständig ist, sind oft zielführend. So können Erwartungen nicht enttäuscht werden. Außerdem kann man nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sich im Familienalltag gegenseitig Freiräume zu verschaffen – durch Babysitter, Haushaltshilfe, Verwandte. Die eigenen Bedürfnisse müssen ernst genommen werden. Nur so können Eltern auch gute Eltern sein.

Und auch die Gesellschaft hat eine Verantwortung. Wenn es mehr Väterangebote gibt, ist es keine exotische Ausnahme mehr, dass Papa in die Krabbelgruppe geht, und dort auch mal über seine Gefühlswelt und Belastungen sprechen kann. Wenn der Vorgesetzte ganz selbstverständlich Elternzeit nimmt oder seine Arbeitszeit sogar dauerhaft reduziert, werden andere Papas gestärkt und ermutigt.

Der Vater aus Karlsruhe, der sich manchmal überfordert fühlt, spielt mit genau diesen Gedanken. „Ich möchte nicht mehr so viel arbeiten, damit ich mit meinem Kind zusammen sein und auch den täglichen Druck reduzieren kann“, erklärt er. „Meine Frau müsste mehr arbeiten, und wir würden sicher unseren Lebensstandard etwas herunter schrauben. Aber sie unterstützt mich darin. Denn eigentlich zählt doch nur eines: Dass wir alle drei die gemeinsame Familienzeit genießen können.“