Mehr selbstbestimmte Zeit für Kinder

Aufruf des Stadtjugendausschuss e.V. Karlsruhe an alle Eltern und die Politik

 

Die Wochentage und manchmal auch die Wochenenden vieler Kinder und Jugendlichen sind wie bei den meisten Erwachsenen komplett durchgetaktet: Schule oder Ganztagsschule, Hausaufgaben, Nachhilfe, Klavierstunde und Sportverein – die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, selbstbestimmte Zeit zu verbringen, werden immer weniger.

Das verursacht Stress, eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Holger Ziegler von der Universität Bielefeld weist nach, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche ihren Tagesablauf als „starken Stress“ empfinden. Und satte 84 Prozent der 1.100 befragten Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren haben oft das Gefühl, dass sie für Dinge, die Spaß machen, keine Zeit haben. Über die Hälfte der Kinder gibt an, nach der Schule Termine zu haben, die sie eigentlich nicht machen wollen. Die Folgen des Stresses sind gravierend: Die Kinder und Jugendlichen machen sich viele Sorgen, sind emotional erschöpft und klagen über körperliche Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Sie fühlen sich unwohl, hinzu kommt die Erwartungshaltung vieler Eltern, die ihr Kind nach besten Kräften und möglichst früh fördern wollen.

„Kinder haben sehr viel Pflichten, aber sie besitzen auch ein Recht zu spielen, versunken zu sein in ihre Welt und in ihre Phantasien“, betont Elisabeth Peitzmeier, Geschäftsführerin beim Stadtjugendausschuss e.V. Karlsruhe. Dies sei in einer Welt, die von und für Erwachsene strukturiert und geplant werde, aber kaum mehr möglich. „Es sei denn, dass wir Erwachsenen ganz bewusst darauf achten, dass es Zeiten für Kinder und Jugendliche gibt, in denen sie unbeaufsichtigt selbst tätig sein können, ihre eigene Welt erschaffen können und ihren Interessen nachgehen können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen oder einem Leistungsdruck ausgesetzt zu sein“.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Spielmobile, der auch die Mobile Spielaktion des Stadtjugendausschuss angehört, spricht sich in einem Manifest ebenfalls vehement dafür aus, den Kindern zu ihrem Recht auf selbstbestimmte Zeit zu verhelfen. Das entspricht auch dem pädagogischen Grundverständnis des Stadtjugendausschuss. „Wir wollen in unseren Bereichen immer wieder neu überprüfen, welche Motivation unser Handeln bestimmt. Geht es uns darum, unser Programm durchzuziehen oder darum, Freiräume und Entscheidungsmöglichkeiten zu öffnen? Wann haben die Kinder wirklich Freiräume? Was braucht es dafür? Keine einfachen Fragen“, macht Elisabeth Peitzmeier deutlich.

Was aber ist die richtige Balance zwischen „für Sicherheit sorgen“ und „eigene Welten erkunden lassen“?

„Wir befinden uns als Organisation und als Pädagoginnen und Pädagogen in einem Spannungsfeld, das nicht einfach aufzulösen ist“, betont die Geschäftsführerin des Stadtjugendausschuss. Sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen, stelle hohe Anforderungen an jeden Einzelnen und an den Verein. Um erfolgreich zu sein, benötige man auch Verbündete, die gemeinsam diesen Weg gehen. „Dazu gehören auch Eltern, die bereit sind, gemeinsam mit uns eine neue Perspektive einzunehmen“.

Das Kind selbstbestimmt handeln zu lassen, habe etwas mit „loslassen“ und „Vertrauen in die Stärke des Kindes“ zu tun. Dazu gehöre Bereitschaft, sich auf Ungeplantes einzulassen, auf Nicht-Wissen, was das Kind gerade mache, auf Nicht-Kontrollmöglichkeit, Vertrauen in die eigenen Stärken und die Widerstandskraft des Kindes. Verbündete brauche man auch in der Politik. „Wenn Kinder Zeit und einen Platz mit Gebüsch, Dreck und Wasser brauchen, dann muss das ebenso in die Quartiersentwicklung einfließen, wie in die Stadtplanung, in Schulhofplanungen und in andere Bauvorhaben“. Es gehe manchmal darum, den ersten Schritt zu tun, die Perspektive einmal zu wechseln.

Das Titelbild der August-Ausgabe des KARLSRUHER KIND ist ein ganz besonderes Titelbild: Entworfen und umgesetzt haben es elf Mädchen und Jungen der Klassen eins bis drei in der Weinbrennerschule. Gearbeitet wurde daran innerhalb eines Projekts des Stadtjugendausschuss an der Schule, der dort die Nachmittagsstunden innerhalb der Ganztagesschule gestaltet. Zunächst wurde besprochen, was der Satz „Das Recht der Kinder auf Spiel und freie, selbstbestimmte Zeit“ bedeuten könnte. Insgesamt sind vier Plakate entstanden. Manche Kinder haben die Buchstaben gemalt, andere kümmerten sich um den Hintergrund oder andere Elemente. Am Ende wurde alles zusammengefügt. Die Kinder haben am Ende eines der Plakate als Titelbild ausgewählt.