Medien – Völlig verdaddelt

Autorin Sarah Nagel

Neulich im Urlaub in Südtirol. Beim Überqueren einer sehr belebten Kreuzung bimmelte ein Handy lautstark. Es gehörte einem Mann, schät­zungs­weise in den Sechzigern. Anstatt nun weiterzugehen und den Anruf auf dem sicheren Bürgersteig anzunehmen, blieb er mitten auf der Straße stehen, tippte wild auf dem Bildschirm rum – und realisierte nicht, dass die Fußgängerampel längst auf Rot geschaltet hatte. Das Resultat: aufgeregtes Hupen, ein Beinahe-Unfall – und ein Teenager, der die Szene vom Straßenrand aus beobachtet hatte und bemerkte: „Was für ein Idiot. So wichtig ist das Handy ja nun auch nicht!“ Danach zückte er seines, tippte eine kurze WhatsApp und zog kopfschüttelnd von dannen.

Die „neuen“ Medien haben unseren Alltag vollständig durchdrungen, und es sind längst nicht mehr die Jungen, die fast ununterbrochen am Handy oder Tablet hängen. Schneller, höher, weiter, ständige Verfügbarkeit aller gewünschten Inhalte, immerwährende Erreichbarkeit. Das Handy ist ja das beste Beispiel; so ein Wunderding, Kontakthelfer, Fotoapparat, Terminkalender, Navigationsgerät, Taschenrechner, die Morgenzeitung und der Fernseher in einem. Keine Langeweile mehr, nie und nirgends.

Es zieht sich mittlerweile durch alle Generationen. Opa versucht den Anruf mitten auf der Kreuzung entgegenzunehmen, Papa liest die Tageszeitung online, Mama checkt am Frühstückstisch schon die ersten Büro-Mails, die Kids whatsappen, hören Podcasts oder daddeln einfach vor sich hin. Gerade in Familien, so der häufig zu hörende Vorwurf, führt das Abtauchen in digitale Welten zur Sprachlosigkeit. Eltern stecken heutzutage in einer echten Zwickmühle: Oft ist es schon schwierig genug, den eigenen Medienkonsum zu steuern. Und selbst, wenn man dem Ganzen im eigenen Leben nicht so viel Platz einräumt: Die „neuen“ Medien zu verteufeln und kurzerhand alles zu verbieten, ist genauso wenig zielführend. Jeder Lebensbereich wird – mit allen Vor- und Nachteilen, die es mit sich bringt – zunehmend digitalisiert. Sein Kind davon beständig abzukoppeln, schadet ihm nur auf die Dauer, weil es sonst buchstäblich die Welt nicht mehr versteht. Es gilt also, verantwortungsvoll und intelligent damit umzugehen, es zum eigenen Vorteil einzusetzen und Nachteile so gut es geht zu minimieren. Doch wie viel Medienkonsum darf sein?

Die Antwort ist genauso einfach wie kompliziert: Es kommt auf das Alter an – und auf das Kind selbst. Eine erste Orientierung bietet die Homepage www.klicksafe.de. „Klicksafe“ ist eine EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz. Die dortigen Empfehlungen: Kinder bis zu drei Jahren sollten lediglich fünf Minuten pro Tag am PC verbringen – da sind übrigens weitere Bildschirmzeiten am Tablet oder Handy nicht mit eingerechnet! Erste Erfahrungen wie Fotos anschauen, per Webcam mit der Oma telefonieren o.ä. dürfen natürlich sein.

Von vier bis sechs Jahren sind es bereits 20 Minuten, aber nicht unbedingt täglich. Hierbei sind vor allem einfache Spielangebote oder Seiten mit Bildern und Filmen interessant. Aber: „Eltern sollten den Zugang ins Internet begleiten und durch Filtermaßnahmen regulieren. Kinder sollten nur auf kindgerechte und vorher ausgewählte Seiten zugreifen können“, so die Empfehlung.

Im Grundschulalter geht’s dann ans Eingemachte. Das Interesse fürs Internet steigt, spätestens jetzt haben viele ein Handy. Die älteren Kinder checken, obwohl eigentlich noch nicht offiziell erlaubt, zum ersten Mal soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram. Nun wird’s für die Eltern richtig kompliziert. Wenn ein Handy, dann am besten erst mal kein Smartphone, so die meisten Experten. Die Initiative „Schau hin!“, hinter der u.a. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend steht, empfiehlt die Anschaffung erst ab etwa zwölf Jahren. Schließlich kann die Internetnutzung nur schwer begleitet werden: Den Nachwuchs vor Cybermobbing, pornografischen Inhalten oder verletzenden Kommentaren via Messengern oder auf Social Media zu schützen, wird nahezu unmöglich. Zwischen sieben und zehn Jahren dürfen die Kids übrigens maximal 30 bis 45 Minuten am Tag am Bildschirm verbringen. Die Eltern sollten jedoch weiter Filter einsetzen und immer mal wieder über die Schulter schauen.

Doch grau ist alle Theorie. Erstens ist nicht jedes Kind gleich. Das eine ist nach zu viel Bildschirmzeit völlig aufgewühlt, das andere kommt mit den Reizen gut klar. Das eine möchte Grenzen austesten und klickt auch schon mal zweifelhafte Seiten an, das andere hält sich zuverlässig an Regeln. Und dann gibt’s ja auch öfter mal Streit, weil der Sprössling „das jetzt eben nur noch mal zu Ende spielen muss“, die Zeit aber längst überschritten ist. Wie gehen Eltern am besten damit um?

Die Grundlage sind natürlich zuerst klare Absprachen entsprechend dem Reifegrad des Nachwuchses. Nutzungsdauer und -zeiten werden festgelegt. Bei ganz jungen Kindern kann man zum Beispiel Murmeln einsetzen, die für die Minutenanzahl stehen, um den Überblick zu behalten. Mit entsprechender Software können auch Zeitlimits gesetzt werden. Wichtig ist hierbei, das nicht heimlich zu tun, um eine gesunde Vertrauensbasis zu schaffen.

Hilfreich bei älteren Kindern ist oft ein sogenannter „Mediennutzungsvertrag“, den man unter klicksafe.de oder internet-abc.de herunterladen kann. Um die Eigenverantwortung zu fördern, sind Mediengutscheine eine gute Idee. „Mediengutscheine unterstützen Familien dabei, Zeitabmachungen einzuhalten und helfen Kindern dabei, sich die „erlaubte“ Zeit eigenständig passend einzuteilen“, heißt es bei „Klicksafe“.

Grundsätzlich gilt: Die ersten Schritte mit jedem Medium sollte man als Eltern immer begleiten, bei älteren Kindern über die guten und schlechten Seiten sprechen; auch darüber, was eventuell passieren kann und wie man am besten damit umgeht. Dabei, und das ist die schlechte Nachricht, haben Eltern selbstverständlich eine Vorbildfunktion. Es wird verdammt schwer, dem Sprössling zu erklären, dass man beim Abendessen keine Nachrichten schreibt, wenn Papa selbst immer wieder aufs Handy schielt. Oder, dass man keinen Anruf entgegen nimmt, wenn man gerade eine belebte Straße überquert…