Transparente Weihnachten? Leserbrief von Christina Schindler

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Wham steht in den Startlöchern, die Nikoläuse türmen sich im Supermarkt, Verwandtschaft droht mit Besuch. Weihnachten kommt wohl oder übel, aber die leuchtenden Kinderaugen sind es jedes Jahr wert.
Daher die Frage an meine Schwester, was sich Lara und Linus wünschen. Als Antwort kommt ein Link per Whats App, der zur Amazon Wunschliste führt. Darauf unter anderem: Smartphone für den Großen, Smart Toys mit eingebauten Mikrofonen und Kameras für die Kleine.

Wutentbrannt werfe ich mein Handy gegen die Wand. Es reicht doch, dass Erwachsene ihr ganzes Leben offenlegen, freiwillig mit GPS, Kamera und Mikro in ihrer Hosentasche herumlaufen und so immer abrufbar sind. Jetzt schenken Sie das Starterset zur Transparenz auch noch ihren Kindern. Es beginnt mit einsehbaren Wunschlisten, die Alter und Vorlieben verraten, weiter geht es mit intelligentem Spielzeug, das dank Kamera und Mikro das Kind sogar beobachten und abhören kann, und dann noch die Smartphones mit ihren Apps, deren Datenschutzhinweise sowieso keiner liest. Social Media setzt da noch die Spitze drauf und legt alles offen. Kinder mit solch intelligentem Werkzeug auszustatten, ohne ihnen mitzugeben, wie sie damit umgehen und sich schützen können, ist unverantwortlich. All das sage ich meiner Schwester, doch sie lacht nur und sagt, „ach komm, alle machen das so, da ist doch nichts dabei!“ Deshalb mein öffentlicher Appell zu Weihnachten:

Schützt eure Kinder und geht nicht leichtfertig mit ihrer Privatsphäre um. Verschenkt Smartphones, aber klärt eure Kinder auf, hört zu, was Edward Snowden zu sagen hat. Heute leben wir vielleicht noch in einem Rechtsstaat, wir fühlen uns frei und geschützt. Aber das kann sich in den kommenden Jahrzehnten ändern. Dann stehen eure erwachsenen Kinder mit einer transparenten Identität seit Geburt an da, schutzlos ausgeliefert. Das ganze Leben dokumentiert, jeder Schritt, jeder Like, jeder Kauf, jeder Kommentar nachvollziehbar. Heute scheint es absurd, aber die gesammelten Daten könnten irgendwann gegen eure Kinder verwendet werden. Weil ihr nicht aufgepasst und aufgeklärt habt. Wenn ihr das nicht glaubt, dann nehmt wenigstens das Thema Cybermobbing ernst und sprecht mit euren Kindern. Es gibt eine „Cybermobbing Erste-Hilfe App“ und Präventionskurse der Polizei an Schulen – die Lehrer müssen sie allerdings selbst anfordern.

In diesem Sinne, fröhliche Weihnachten.
Wie toll euer Weihnachtsfest und gelungen die Weihnachtsgans war, werde ich ja über Whats App-Statusmeldungen, Fotos bei Fa- cebook und Instagram erfahren.

Christina Schindler,
Karlsruhe


Schreiben auch Sie uns, wenn Sie ein Anliegen haben, das für andere Eltern von Interesse sein könnte. In aller Regel werden wir versuchen, Ihren Brief in der jeweils nächsten Ausgabe abzudrucken. Kürzungen müssen wir uns allerdings vorbehalten. (d. Red.)