Innere (Un)Ordnung? KiddyCoach Gerhard Spitzer über den Zusammenhang von „Außen“ und „Innen“.

Der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Erfolgs­autor Gerhard Spitzer, Gründer des Vereins KiddyCoach und Autor von „Entspannt Erziehen“ ist bekannt durch seine humorvollen Vorträge zum Thema.

Diagnose

„Unser Sohn Eric hat diagnostiziertes ADHS!“, teilt mir Sonia M. aus Rastatt mit. „Er kann sich auf nichts lange konzentrieren und zeigt andauernd innere Unruhe! Aha! Das hört sich zwar schon nach einem typischen Zappelphilipp an, aber Sonia ist noch gar nicht fertig. „Am Schlimmsten sind Erics arge Stimmungsschwankungen, die oft zu heftigen Wutausbrüchen führen! Seit sechs Wochen bekommt er zwar Ritalin, aber das scheint ihm gar nicht zu helfen! Ganz im Gegenteil: Noch mehr Wut, noch mehr Unruhe! Was ist nur mit ihm los? Vielleicht finden Sie es heraus!

So, jetzt scheint die offensichtlich verzweifelte Mutter ihre Beschwerdeliste doch noch abgearbeitet zu haben. Gut so! Schön dass das alles raus ist! Wozu bin ich schließlich sonst da? Aber hat die gute Sonia auch alles berücksichtigt? Das werden wir noch sehen! Ein neuer, schwer verdaulicher Blickwinkel wird uns nämlich bald auf eine ganz andere Spur bringen.

Getrieben?

Als mir der elfjährige Wüterich endlich vorgestellt wird, vermisse ich das für ADHS so überaus typische Verhaltensbild. Ich kann das spüren! Schließlich bin ich selbst ausgeprägt davon betroffen, wie Sie, als treue Freunde meiner Kolumne sicherlich bereits wissen. Ich beschreibe das hyperaktive Gefühlsbild von Zappelphilipp & Co gerne behutsam als „von innen her getrieben“. Aber wie passt das zu Eric? Gar nicht, meine ich! Wutanfälle? Stimmungsschwankungen? Was läuft da für ein Film ab? Das mit der Konzentrations-Spanne muss ich erst noch klären.

Eric stimmt einem Konzentrationstest zu, der ihm schließlich sogar richtig Spaß macht. Ergebnis: Alles im grünen Bereich. Aufmerksamkeits-Defizit? Wie? Ritalin für mehr Konzentration? Wozu?

Ich ersuche die Eltern eine sogenannte Differenzialdiagnose durchführen zu lassen. Dabei versucht der Kinderarzt, andere medizinische Ursachen mit einiger Sicherheit auszuschließen.

Blindgänger

Diese Maßnahme führt schließlich zu einem „Knall-Effekt“! ADHS? Nichts da! Der gute Bub hat kein schwer verträgliches Aufmerksamkeits-Defizit, sondern ein offenbar schwer verdauliches Ernährungsproblem! Bei der Differenzialdiagnose ist nämlich eine ausgeprägte Zöliakie – eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten – zutage getreten. Etwas, das zuvor niemand in Betracht gezogen hat. Gluten, das Alleskleber-Eiweiß, ist in fast allen Getreidesortern enthalten. Wenn man diese Unverträglichkeit hat, gerät der ganze Verdauungstrakt heftig in „innere Unordnung“. Klar fühlt man sich dann nicht gerade ausgeglichen. Genau, wie ein Zappelphilipp! Immerzu verspürt man undefinierbare Spannungen im Inneren, was klarerweise – welche Überraschung – selten nach Außen für geschmeidige Laune sorgt. Genau wie bei hyperaktiven Kindern! Obendrein kann man sich bei all dem Gegrummel in den Eingeweiden kaum konzentrieren und schläft auch nicht besonders gut. Damit ist der Weg zu netten kleinen Wutattacken auch nicht mehr weit. Passgenau für eine ADHS-Diagnose!

Aber ebendiese hat sich in Erics Fall ist als klassischer Blindgänger herausgestellt.

Drinnen und Draußen

Der Einfluss der Ernährung auf kindliches Verhalten wird von zahllosen Eltern und auch von Pädagogen leider maßlos unterschätzt! Aber spätestens jetzt ist klar: Wenn es „Drinnen“ nicht mit rechten Dingen zugeht, wie soll es dann „Draußen“ aussehen?

Spannender Fall, nicht? Happy-End jedenfalls für unseren Chaos-Prinzen: Eric bekommt kein ADHS-Medikament mehr. Allerdings ist ab jetzt Schluss mit Brötchen, Spaghetti, Pizza, Burger und Co. Aber: Was für ein Erfolg! Nach nur zwei Wochen sind bei dem wackeren Knaben all die argen Verhaltensmuster aus Sonias Beschwerdeliste Geschichte. Ein kleines Wunder! Schön, dass es in diesem Fall so eindeutig gewesen ist, und die Kooperation mit Familie und Kind so toll funktioniert hat.

Aber verstehen Sie mich bitte keinesfalls miss: Nicht jeder ADHS-Verdacht wird sich später in Richtung Lebensmittel-Unverträglichkeit auflösen! Aber zu kurzem Nachdenken hat Erics Fall hoffentlich angeregt. Das und nichts Anderes ist mein Job als notorischer Kolumnist!

Bunkerei

Ein süßer Fall noch: Kathryn aus Stuttgart ist erst neun Jahre alt, aber ihre tägliche Stimmung beherrscht schon die ganze vierköpfige Familie. Sehr oft in letzter Zeit kommt die Kleine schon mit schlechter Laune von der Schule heim. Dann ist für Alle der Rest des Tages schon im viel besungenen Eimer. Niemand kann erklären, warum die Göre immerzu so schlecht drauf ist. Kathryns Mutter vermutet: „…eine frühe Pubertät?“ Ich aber habe einen ganz anderen Verdacht: Obwohl nicht Schwimmsaison ist, trägt die Kleine bereits einen ordentlichen Schwimmreifen mit sich herum. Fettpölsterchen zeigen sich an den Hüften, rund um´s Kinn und vor allem am Bäuchlein. Der sichtlich zerknirschte Vater klärt auf: „Ja, unsere Kathi nascht halt gerne und ziemlich viel! Als ich mich beim Besuch im Zimmer des kleinen Schleckermäulchens umblicke, werde ich rasch fündig: Jede Menge Schoko-Riegel liegen da herum, Kekse, Waffel und vor allem Gummizeugs ist in solchen Mengen gebunkert, dass es sicher für eine mittlere Kreuzfahrt reicht.

Doch der Kinderzimmer-Bunker hat auch eine „Außenstelle“: Im Esszimmer gibt es die berühmte offene Familien-Naschlade. Meine Anfrage bringt wenig Überraschung: Ja, auch Mama sowie der große Bruder naschen super gerne! Alles klar, soweit? Diagnose: Zuckersucht! Und die macht bekannterweise nicht grade sonnige Laune! Leider hat es die kleine Prinzessin am heftigsten erwischt. Klar! Nicht jeder steckt eine tägliche Überdosis Industrie-Zucker einfach so weg, am wenigsten die Jüngsten.

Fehlverhalten?

Ich denke, meine Neujahrs-Botschaft ist klar: Nicht jedes Fehlverhalten von Kindern ist irgendwelcher „äußeren Unordnung“ geschuldet. Oft ist schlicht eine „innere Unordnung“ daran beteiligt, die erstaunlich häufig mit Ernährung oder manch einem „genüsslichen Überfluss“ zusammenhängt.

Sollten Sie vielleicht demnächst irgendwo einem kleinen übellaunigen Tyrannen begegnen, ersetzen Sie doch einmal ein paar Tage lang die übliche Ernährungsgewohnheit durch kreative Alternativen und beobachten Sie das neue, vielleicht sehr entspannte Stimmungsbild Ihres Sonnenscheins.

Sie werden es mögen!