Gerhard Spitzers Blog: „Meeresfresser“ – Spaß am Lernen?

Der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Erfolgs­autor Gerhard Spitzer, Autor von „Entspannt Erziehen“ schreibt seit 2010 seine Kolumne exclusiv für das KARLSRUHER KIND

„Lernen müsst Ihr lieben Kleinen! Immerzu Lernen und schön fleißig sein!“ …so lauten sinngemäß die wohl häufigsten erwachsenen Standpauken in deutschen Kinder-, Wohn- und Klassenzimmern. Lernwille oder gar -freude zumeist ausgeklammert. Aber natürlich geht es auch anders. Um das zu erleben, sollten wir Erwachsenen uns vielleicht ein wenig „zurücknehmen“. Aber alles der Reihe nach …

Kein Spaß

Ein Lehrer-Seminar an der Pädagogischen Hochschule in Wien: Es geht um das Thema Lernmotivierung und Lernwillen. Ich: „Wenn Sie, liebe Kollegen Ihre Schüler wirklich motivieren möchten, dann muss das Lernen den Kindern Spaß machen! Schon größere Denker als ich, wie Gerald Hüther, David-R.Precht, Manfred Spitzer und andere verkünden diese Erkenntnis jahrelang rauf und runter: Spaß, Begeisterung und spielerische Herausforderung sind die einzigen Werkzeuge, die Kinder brauchen, um sich erstaunliche Mengen an „Stoff“ reinziehen zu können!

Doch mitten in meinem Plädoyer für kindgerechten Spaß am Lernen kontert eine Kollegin scharf: „Na das zeigen Sie mir mal, wie Mathe-Formeln oder Lateinvokabeln einem Halbwüchsigen Spaß machen sollen!“ Meine dunkle Vorahnung bestätigt sich, als ich vorsichtig nachfrage: „Liebe Kollegin, welche Fächer unterrichten Sie noch­mal?“ Die wenig überraschende, aber dafür umso mehr ernüchternde Antwort: „Na, Mathe und Latein natürlich!“

Denkanstoß

Ja klar, wie dumm von mir. Die Frage hätte ich mir auch sparen können. Doch mit dieser Antwort sind wir mitten in meinem heutigen Denkanstoß angekommen: Wenn ein Erwachsener als „lehrende“ Bezugsperson eines Kindes schon nicht an seine von ihm selbst verkauften Lerninhalte glaubt, ist vielleicht schon „Topfen und Salz“ verloren. Begeisterung entwickeln? Fehlanzeige!

Wenn also zahlreiche Erwachsene vielleicht den Spaß am Lernen nicht immer kindgerecht vermitteln können, warum, frage ich mutig, lassen wir dann die Gestaltung von Wissenserwerb nicht zumindest teilweise den Kindern selbst übrig. Schließlich verstehen Kinder doch am Allermeisten von kindgerechtem Spiel und „Gaudi“, oder?

Immer noch ungläubig? Na gut! Dann öffne ich für Sie, liebe Freunde meiner Kolumne hier, im KARLSRUHER KIND erstmals und exklusiv mein sehr persönliches Nähkästchen …

Lernen, mal ganz anders

Zugegeben: Mein Beispiel aus meinem eigenen Familien-Umfeld ist in Deutschland so leider noch nicht machbar, aber das tut der Stärke der Aussage keinerlei Abbruch. Ich stelle also hiermit meine beiden Adoptivtöchter, Lea (9) und Yona (11) vor. Die beiden pfiffigen Gören gehen seit drei Jahren nicht zur Schule. Ja, in Österreich ist das möglich: Wir haben keinen Schulzwang, sondern eine „Bildungspflicht“! Das heißt: Eltern müssen bei uns bloß dafür sorgen, dass Ihre Kinder geistig gesehen nicht „naturbelassen“ bleiben! Punktum.

Vorigen Winter, irgendwo im hintersten Griechenland: Zwei Monate Familienleben vom Feinsten! Ohne Stress und Lerndruck. Doch unsere Kinder müssen dennoch jedes Jahr eine sogenannte Externistenprüfung absolvieren. Da die Mädchen aber völlig frei lernen dürfen, kommen sie ganz von selbst auch immer wieder auf witzige Ideen. Lehnen Sie sich zurück, hier ist so eine…

Meeresfresser – „kindgemacht“, kindgerecht

Nach einigen Tagen an verschiedenen Stränden wird es unserer Lea langweilig. Sie malt ein paar Schörksel in den Ufersand und beobachtet, wie die anbrandenden Wellen diese nach kurzer Zeit verschwinden lassen. Plötzlich schreit sie auf: „Ich hab’s! Wir spielen Meeresfresser!“ Gesagt getan! Schon malt sie für Yona eine einfache Rechnung in den Sand und stichelt: „ Da! 9 x 11! Und? Kannst du das hastewaskannste auflösen? Hä?“

Unsere kluge Yona ist in solchen Sachen immer schnell bei Ihrer „Ehre“ gepackt. Also schnappt sie sich blitzschnell Leas Stock und beginnt eine Lösungszahl hinzuschreiben, doch… zu spät: Das rücksichtslose Meer hat die hochkomplexe Gleichung schon gefressen. „Na warte, du blödes Meer, dich schlag ich!“ Ich staune, wie rasch sich diese Kleinigkeit zu einer persönlichen Fehde zwischen Yona und dem weiten Meer entwickelt hat!“

Schon hat Lea eine neue Rechnung in den Sand gefurcht und diesmal ist Yona wirklich schneller und hat auch schon das richtige Ergebnis, bevor die nächste Welle es hinfort reißt. Doch jetzt ist der lernende Ehrgeiz unserer beiden Mädls unhaltbar geschürt. Immer schwieriger werden die numerischen Furchen …

Das Meeresfresser-Spiel ist im Verlauf unseres Aufenthaltes zur täglichen Spaß- und Ehrgeiz-Routine an den verschiedenen Sandstränden geworden. Ich staune kurz darauf erneut: Ohne jede Aufforderung sind auf einmal Englisch-Vokabeln auf den Sand geraten. Fabelhaft, sage ich Ihnen! Selbstverständlich haben auch meine Frau und ich manch eine knifflig-hektische Aufgabe zu lösen bekommen. Das macht natürlich besonders Spaß! Kaum ein Kind möchte nicht „mehr wissen“, als seine geliebten Eltern. Wichtigster Aspekt: Ohne Druck und Forderungen habne unsere Mädls die beste aller Lernmethoden ganz von selbst gefunden. Heute sind die Beiden übrigens ganz ausgezeichnete Kopfrechner. Lernstress? Mitnichten!

Paradiesisch-alltagstauglich

Die Botschaft sollte klar sein: Auch, wenn meine Geschichte einen nahezu paradiesischen Zustand beschreibt, solche wundersamen Lern-Vorgänge sind durchaus alltagstauglich und für jede beliebige deutsche „Kinderstube“ geeignet. Aber ein klein wenig Freiheit gehört halt dazu, wenn es im Lernmodus zutiefst kindgerecht zugehen soll.

Klar erfordert das ein wenig Zeitaufwand. Hierzu lasse ich gerne einmal mehr den großen Jean-Jaques Rousseau zu Wort kommen:

In der Kindererziehung sollten wir lernen, Zeit zu verlieren, um Zeit zu gewinnen.

Schade, dass diese Erkenntnis nicht schon längst in deutsche und Österreichische Schulsysteme Eingang gefunden hat! Es wären ganz neue Ansätze möglich!

Schlussgeheimnis

Weitere Lernspaß-Erfindungen aus der Feder unserer kongenialen Töchter und anderer Schulkinder hätte ich natürlich für Sie noch auf Lager. Da diese aber den Rahmen der Print-Kolumne sprengen würden, darf ich Interessierte „Lehrende“ erstmals auf die Homepage des Verlages einladen, unter

www.karlsruher-kind.de/redaktion/gerhard-spitzers-blog

Jedenfalls dürfen Sie ab jetzt versuchen, den üblichen Lern- und Forderungsdruck mutig ein paar Tage lang wegfallen zu lassen und Ihr Kind zu ganz eigenen spannenden Lern-Ideen zu ermutigen. Beobachten Sie dabei klammheimlich das aufmerksame Zwinkern Ihres Kindes.

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