Krankseindürfen

Ich bin gerade krank. Na und, was interessiert mich das denn, denken Sie sich viel­leicht. Bei uns ist ständig jemand krank, denken Sie vielleicht weiter. Schließlich ist das bei vier Kindern, zwei Eltern, vier Großeltern völlig normal, dass der eine den anderen ansteckt. Und wenn man dann noch sämtliche anderen Ansteckungswillige, wie die zwei Kindergartengruppen der Kleinen, die beiden Schulklassen der Großen, die vier Nachbarkindergartengruppen und Nachbarklassen, den Hort, den Schulhof, die Fußballmannschaften, den Chor, die Karategruppe, den Klavierlehrer und die Ballettklasse dazu nimmt und natürlich all die Menschen in der Straßenbahn, die Lehrer und Lehrerinnen, die Freunde und Freundinnen aus den Nachbarhäusern und natürlich deren Eltern, die Verkäufer im Supermarkt und den Rest der Erdbevölkerung… dann grenzt es an ein Wunder, dass wir nicht fortwährend mit Grippesymptomen im Bett rum liegen.

Dem Immunsystem sei Dank.

Meines hat furchtbar geschwächelt in den letzten beiden Wochen, dabei hab ich ihm zuvor doch nur Gutes getan. Hab ihm schöne Dinge gezeigt, viel Kunst, Architektur, traumhafte Landschaft, war mit ihm in der Welt unterwegs, hab lange geschlafen und viel Wein getrunken, hab es mit gutem Essen verwöhnt und ihm die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Also bitte, was soll dann diese gemeine Befehlsverweigerung?

Macht einfach dicht, legt sich schmollend in eine Ecke – ich vermute ins linke Knie, warum sonst sollte das in letzter Zeit so schmerzen – und macht alle Schleusentore auf. Lässt Hinz und Kunz unter den Viren rein und tut selbst dann nichts, als sich wilde Bakterienhorden innerhalb kürzester Zeit in mir breitmachen, als gelte es, sich rennend und hysterisch mit den Armen wedelnd einen Claims abzustecken wie im Wilden Westen annodunnemals.

Angeblich wohnen ja bis zu zwei Kilo Bakterien ohnehin auf und in uns, gefühlt sind es bei mir gerade 16. Und die machen einen Dreck, unglaublich. Aus allen Körperöffnungen am Kopf schmoddert es raus, selbst die Augen scheinen überzulaufen. Wo kommt das alles her? Und wie lange eiere ich noch mit Rasierklingen im Hals, schwindsuchtartigem Husten und dickem Kopf zwischen Bett und Sofa hin und her?

Kranksein ist ziemlich doof, man möchte raus aus seiner Haut und erst wieder rein, wenn sich alles wieder gut anfühlt und man sich frisch gebadet in ein nach Waschmittel duftendes Bett kuscheln kann.

Statt dessen riecht man gar nichts und hat weder Hunger noch Durst, alles tut weh und Luft bekommt man auch keine. Was für ein elender Zustand.

Wie gut, dass ich alle Termine absagen oder umlegen kann und mich nicht mit fiebersenkenden Zaubermitteln vollgepumpt in ein Büro schleppen muss, wo trotz der verständnisvollen Kommentare wie „Du siehst aber nicht gut aus“ die volle Leistung erwartet wird.

Wie oft höre ich von jungen Menschen, dass sie sich beruflich Kranksein nicht leisten können – eine bedenkliche Entwicklung, finde ich. Wer krank ist, gehört ins Bett und selbst bei fieberfreiem Zustand bleibt man noch zuhause, um wieder Kraft zu schöpfen. Das war die Grundregel meiner Kindheit.

Mit dem Krankseindürfen scheint das heute nicht mehr richtig zu klappen. Wenn schon kleinste Mäuse mit glasigem Blick und wildem Husten, laufender Nase und als Häuflein Elend beim Museumsausflug dabei sind, statt im heimischen Bett gesund werden zu dürfen. Wenn fiebersenkende Medikamente das erste Mittel der Wahl sind, um schnellstmöglich wieder alltagstauglich zu werden. Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern, dass Sie im Grippefall Wege finden, in Ruhe wieder gesund werden zu dürfen im eigenen Bett mit einer Teekanne, mit ätherischen Ölen und einem heimelichen Hörbuch auf dem Nachttisch und jemandem, der ab und an den Kopf durch die Türe streckt und liebevolle fragt „Na, wie geht`s dir denn“? Und wenn der Druck von außen nach sofortigem Funktionieren gar zu stark wird, probieren Sie`s doch mal mit Zivilem Ungehorsam! Körper und Seele werden es Ihnen danken – und zwar nachhaltig.