Krach im Kinderzimmer

Nebeneinander oder Miteinander?

Streitschwestern

Antonia und Amalie sind Schwestern. Sie streiten viel in ihrem neuen, geräumigen Zuhause…

Nein! Pardon, meine Erzählzeit ist unkorrekt: Sie haben viel gestritten – früher, in der alten, kleinen Wohnung! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist endlich Ruhe im Gebälk. Gespenstische Ruhe, wenn ich so sagen darf. Immerhin ist Amalie erst neun Jahre alt und Antonia, die Streitbare, auch erst Elf! In so einem Hühnerstall sollte doch viel mehr die Post abgehen, meine ich!

Aber alles der Reihe nach. Erstmal eine kurze andere Story, nur, damit mal klar ist, wie sich das im Kinder-Universum mit dem Streiten so verhält:

Streitbrüder

Mama Sophia aus Bruchsal holt mich in der Not: „Meine beiden Jungs, Christof und Marcel prügeln einander so oft und heftig, dass es mir schon Sorgen macht!“ „Wieso Sorgen?“, frage ich! „Na ja! Weil die Beiden einander offenbar richtig hassen! Ist das normal?“

Gute Frage – entspannende Antwort! In Sophias Fall habe ich mich sogar für eine herzliche Gratulation entschieden: „Gratuliere, liebe Sophie! Wenn Ihre Jungs ziemlich oft in Streit geraten, ist das eine Garantie dafür, dass sie ein­ander keinesfalls hassen, sondern vielmehr, dass sie ein­ander ziemlich lieb haben! Das macht mir daher keine Sorgen!“

Ohne Streit

Als Familienberater sorge ich mich nämlich viel eher um Kinder, die niemals streiten, denn das bedeutet im Regelfall, dass die einander auch nix zu sagen haben. Es fehlt dann eben ein ganz natürlicher und überaus wichtiger Vorgang in der kindlichen Entwicklung, den die Fachleute „Hackordnung“ nennen, oder, für jene, die aufwändigeres Fach-Chinesisch bevorzugen: „Rangdynamik“. Ich bin schon bei solchen Geschwisterpaaren daheim gewesen: Gespenstische Stille, sag´ ich Ihnen! Tage­lang!

Womit wir wieder bei unseren den beiden ehemaligen Streitschwestern, Amalie und Antonia sind. Die zwei haben gar schlimme Zeiten in ihrer alten Wohnung hinter sich: Sie haben sich ein Zimmer teilen müssen. Furchtbarer Zustand, das! Oft tagelanger Großalarm zwischen den beiden aufgekratzten Gören. Aber dann auch wieder mal lange Zeit Ruhe, weil das eben so läuft zwischen Kids und überhaupt zwischen allen interagierenden menschlichen Wesen: Beim engen Zusammenleben muss man sich halt täglich auf’s Neue arrangieren. Bei Antonia und Amalie hat man das Ergebnis dieses permanenten Arrangements jedes Mal deutlich gehört, wenn das überdrehte Gekicher wieder losgegangen ist. Aber wer will schon andauernd diese laute Kinder-Lacherei hören? Da ist Stille schon besser, oder?

Größer wohnen

Für die Eltern der Beiden war eines klar: Die Kids müssen eigene Zimmer bekommen! Sowieso war man schon lange auf der Suche nach größerer Wohnfläche: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben, als wir!“ Diesen Spruch hört man ja von zahllosen Eltern! Gut so! Aber die Frage ist: Was ist besser? Heißt „besser“ gleichzeitig auch „mehr“? Ich sage: „Nöö! Bei uns in Wien hieße das „Naa!“

Die Entwicklung gibt mir zumindest in diesem Fall leider mal wieder recht: Die beiden hart arbeitenden Eltern haben in Karlsruhe Neureut eine tolle Maisonette gefunden. Und Schwupps, hat jedes der kleinen Mädchen sein eigenes Zimmer bekommen. Antonia, die Ältere das Große oben rechts und Amalie das etwas Kleinere unten links am Flur.

Seither… na ja, Sie wissen schon!

Aber es kommt noch schlimmer: Seither herrscht auch so etwas wie ­– nun sagen wir „kalter Krieg“ in dem lauschigen Paradies. Wenn die beiden einander begegnen, hört man jetzt immer öfters verbissen gemurmelte Sprüche wie: „Hau bloß ab, Mensch!“, oder „Red’ mich nicht an!“

Das, liebe Leute, ist für mein Empfinden schon ‘ne ganz andere Nummer, als regelmäßiges lautes Gezanke im Doppelzimmer!

Zimmerverbot

Das betrüblichste Phänomen aber ist das kategorisch ausgeübte gegenseitige „Zimmerverbot“. Seit einigen Monaten erreicht das so schlimme Ausmaße, dass Amalie nun ihr Zimmer vor und hinter sich andauernd fest versperrt. „Damit die blöde Antonia nicht immerzu meine Sachen stiehlt oder zerschneidet!“, zischt Amalie, die Jüngere.

Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht miss! Ich möchte nicht den überaus verständlichen Drang aller großen und der meisten kleinen Leute zum eigenen Wohnraum schlecht reden. Dabei kann ich das „schlecht reden“ ziemlich gut! Klar! Wo kämen wir denn hin, wenn wir nicht alle unsere Privatsphäre haben dürften? Aber es darf einfach darüber nachgedacht werden, ob junge Kinder nicht schon ab jenem Augenblick ein klein wenig zu vereinsamen beginnen, in dem sie sich dauerhaft in ein eigenes Zimmer zurückziehen dürfen. Für unsere beiden Mädls war der Effekt besonders krass, weil sie wortwörtlich an verschiedenen Enden ihres kleinen, und doch zu großen Universums eingeparkt worden sind. Sobald Geschwister räumlich so markant vonein­ander getrennt sind, trennen sich auch ihre Herzen ein klein wenig und es kann passieren, dass sie anstatt miteinander, nur noch nebeneinander leben. Wenn man diese Entwicklung dann nicht durch bewusst intensiviertes Familienleben ausgleicht, kann eben ganz leicht ein Verhaltensbild zustande kommen, wie es unsere zwei ehemaligen Streitschwestern gerade an den Tag legen.

Heiß oder kalt?

Also, Achtung im neuen, großen Haus oder der neuen großen Wohnung: Wenn es zu still wird, sollten Sie rasch etwas unternehmen, bevor der kalte Krieg heiß wird!

Einen solchen Tipp habe ich natürlich auch für Antonias und Amalies Eltern gehabt: Wäre vielleicht ein Zimmertausch drin? Eltern- gegen Kinderzimmer oder so? Einfach, damit die Gören ihre Räume wenigstens dicht nebeneinander haben. Hoffentlich wird dann die Streithäufigkeit wieder zunehmen! Sie, liebe Freunde des KARLSRUHER KIND, wissen ja nun schon, dass das so schlimm nicht ist! Klar ist auch: Je enger es daheim wird, desto „normaler“ verhalten sich wahrscheinlich Ihre Lieblinge im „normalen Leben“!

Das kleine, tägliche Hickhack im Kinderzimmer dürfen Sie deshalb ab jetzt sogar als kleines Geschenk empfinden. Seien Sie froh, dass richtig Leben in Ihren vielleicht nicht ganz so großzügig bemessenen vier Wänden herrscht!

Sie werden es mögen!