Second-Hand-Säcke – nachhaltiger Kaufrausch

Neulich hörte ich von der unglaublichen Zahl an Kleidungsstücken, die sich jede/r Mitbürger/-in jährlich neu kauft. Sie war so hoch, dass ich sie vor Schreck sofort wieder vergessen habe. All diese zum Teil nur ein einziges Mal getragenen Tops, Hosen, Shirts und Pullover landen – in Säcke gequetscht – offenbar viel zu früh im Altkleidercontainer oder bei karitativen Einrichtungen.

Das heißt, irgendwo am gefühlten Ende der Welt wurden dafür Baumwollfasern geerntet, unter zweifelhaften gesundheitlichen Aspekten eingefärbt, unter noch zweifelhafteren Arbeitsbedingungen zu Stoffen gewebt und zu Kleidungsstücken verarbeitet. Dann wurde das Ganze einmal rund um die Welt über die Meere containert. Anschließend freuten sich einige Zwischenhändler über eine große Handelsspanne und am Ende landet alles im Kleidersack? Da stimmt doch etwas nicht.

Ohne es zu ahnen, betreibe ich offenbar seit Jahrzehnten eine äußerst nachhaltige Kleiderkaufpraxis, indem ich säckeweiße gebrauchte Kleidung zu den Second-Hand-Läden meiner Wahl karre und eine ebenso große Sackzahl wieder mit nach Hause schleife. Letzteres ist weniger dem Umweltgedanken, als einem gewissen Kaufrausch geschuldet. Da vor Ort nichts anprobiert wird, geht alles nach Augenmaß und das verhält sich nicht immer proportional zu meinen eigentlichen Körperausdehnungen, will heißen: Nach der heimischen Wäsche und dem freudigen Anprobieren passt nicht immer alles.

Die Pellwurstartigen und die Sackartigen kommen zusammen mit den Zukurz- und Zulanggeratenen in gesonderte Tragetäschchen zur weiteren Vermittlung an Freundinnen, Freundinnen von Freundinnen oder deren jeweilige Töchter. Es findet schließlich jedes Deckelchen seinen Topf.

Einmal kam ein Kleid, das bei mir seinen Ausgang nahm, tatsächlich mit vielen Lobesbekundungen ob der Farbe und des Schnittes zu mir zurück. Farbe und Schnitt hatten mir beim Kauf schon gefallen, nur die Sache mit den Körperausdehnungen kam irgendwie dazwischen.

Solche Stücke werden dann wieder in den Kleiderzyklus integriert und landen in oben beschriebenen Beuteln.

Heute Morgen war unsere Flurkapazität derart überstrapaziert mit Säcken von ausgemusterten Blusen meiner Mutter, Kinderkleidung meiner Nachbarin, Uraltem meines Mannes und natürlich auch jeder Menge Dinge, deren Entfernung meinem Kleiderschrank deutliche Linderung verschafft hatten, sprich – es gab vor lauter Kleidersäcken kein Durchkommen mehr. Selbst die Katzen brauchten beherzte Sprünge, um sich Richtung Küche durchzuarbeiten.

Also rein ins Auto und los Richtung Second-Hand-Laden. Wenn aller­dings das Auto zu den Kleinsten seiner Art gehört und am Ende des Platzes noch jede Menge Säcke übrig sind, dann hilft nur Komprimieren. Ich hätte das Ganze fotografieren und die Bilder dem deutschen Automobilunternehmen schicken sollen, dessen Kleinstwagen hier Höchstleistungen vollbracht hat. Selbst die Heckklappe blieb standhaft und auch die Räder knickten nicht ein. Dank zweier Außenspiegel war sogar die Sicht nach hinten gewährleistet. Es hat sich aber gelohnt, denn nach Abgabe meiner Schätze konnte ich direkt wieder fündig werden. Trüffelschweinchengleich grub ich mich durch die Gänge, fand hier ein besonders geschnittenes Stück und dort ein Markenteilchen, es war eine Freude. Und die Freude über die gefundenen Sahnestückchen wurde nur noch übertroffen durch die zu zahlende Summe an der Kasse, die sich nämlich immer umgekehrt proportional zur gekauften Menge verhält. Und warum kann ich preiswert solche Mengen kaufen? Doch nur weil Sie liebe Mitbürger/-innen zu der eingangs erwähnten Zahl durch Ihr eigenes Kaufverhalten beitragen. Wenn Ich Sie jetzt also bitte, sich öfter mal im Second-Hand-Laden umzusehen, statt etwas Neues zu kaufen, schneide ich mir eindeutig ins eigene Fleisch. Aber das ist es mir wert!