Kindererziehung: Haben wir Eltern verlernt, uns auf unseren Instinkt zu verlassen?

Glosse unserer neuen Karlsruher Autorin Sarah Nagel.

Sarah Nagel

Da ist es ja, dieses süße kleine Bündel zwischen den viel zu großen Handtüchern. Es ist noch ein bisschen verknautscht, die Augen blinzeln. Die Eltern staunen noch in diesen wertvollen Minuten. Dann kommt die Schwester herein, hilft beim ersten Anlegen. Doch, irgendwie will es nicht so recht klappen mit dem Stillen. Vielleicht später. Noch ein Versuch. Immer noch nicht. Nervosität schleicht sich ein. Dann kommt die Nacht. Das Kind weint herzzerreißend. Dann wieder die Schwester, und sie fragt, etwas drängend: „Soll ihr Kind jetzt vielleicht die Flasche bekommen?“

So oder so ähnlich lautet die erste Entscheidung im Leben eines Elternteils. Soll es? Das Kind hat Hunger, offensichtlich. Auf der anderen Seite hat die Hebamme vielleicht gesagt, dass man nicht gleich aufgeben soll, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Andererseits würde die Schwester ja nicht fragen, wenn das Baby von der Muttermilch satt würde. Aber es weiß ja jeder: Stillen ist das Beste für Ihr Kind. Das sagt die Weltgesundheitsorganisation, und die muss es ja wissen. Außerdem hat die Freundin noch gesagt, gib ihm bloß nicht gleich die Flasche, dann will es nie mehr an die Brust. Was sagt das Bauchgefühl? Das ist gerade stumm wie ein Fisch. Zu viele Informationen und Emotionen. Hilfe!

Und schon hat sich ein Dauerthema in das frisch gebackene Elternleben eingeschlichen: Verunsicherung.

Grafik: Günther Land
Grafik: Günther Land

Denn, wenn es nicht das Stillen ist, ist es sicher ein anderer Aspekt, bei dem die Überforderung eintritt. Die Erwartungen an Eltern, so impliziert es eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, sind enorm gestiegen. Früher wurde gegessen, was auf den Tisch kam, heute geht gefühlt nichts außer – natürlich selbst gekochter und biologisch angebauter – Kost. Förderangebote wie Babyschwimmen, Krabbel- und PEKiPgruppen starten ab drei Monaten. Man selbst ging noch in die KiTa oder Schule, die nebenan war. Aber ist die bilinguale Einrichtung im anderen Stadtteil nicht viel besser? Sind die Bauchschmerzen nur Bauchschmerzen oder laut Google vielleicht etwas viel Schlimmeres? Warum kann Luca noch nicht sitzen, wenn der Osteopath doch sagt, dass er das jetzt können muss? Impfen ja oder nein? Und ab wann darf Lara bloß ein Smartphone haben?!

Astrid S., Mutter eines elf Monate alten Sohnes aus Karlsruhe, gibt zu: „Ich bin sehr oft verunsichert. Egal, ob elektronische Medien, Bücher oder Krabbelgruppen – von außen kommt so viel Input, was mein Kind können und machen, was ich als Mutter tun oder lassen soll. Zum Beispiel schickt mir meine Baby-App Nachrichten und behauptet: ,11. Monat – jetzt kann ihr Kind schon laufen.‘ Kann es aber nicht! Das stresst mich sehr. Und ich komme mir dann vor, als hätte ich etwas falsch gemacht oder meinen Sohn nicht optimal gefördert.“

„Diese Baby-Apps sollte man gleich wieder vom Handy löschen“, betont dann auch Dr. Dieter Knöbl, Kinderarzt aus Karlsruhe. Er und seine Kollegin, Dr. Franziska Schnurr, erleben in der Kinderarztpraxis zunehmend verunsicherte Eltern.

Diese Entwicklung macht sich seit mehr als zehn Jahren bemerkbar. „Lieber mal abklären lassen“, ist das Motto. „Oft ist die Angst vor der Verantwortung da“, meint Dr. Schnurr. „Mit dem Rat eines Arztes bin ich auf der sicheren Seite. Dann kann ich die Verantwortung abgeben. Einige denken dann vielleicht auch, sie sind rechtlich abgesichert, falls sich die Krankheit doch als etwas Schlimmeres herausstellt.“ Verunsicherung pur.

Eltern wollen alles richtig machen – auch deshalb, weil ihnen unzählige Quellen zur Verfügung stehen, die vermeintlich sagen, wie sie geht, diese schwierige Kindererziehung. Man schätzt, dass es derzeit etwa 10.000 Elternratgeber gibt. Und dann sind da ja noch Blogs und Chats, Hebammen und Ärzte, Freunde, Nachbarn und Eltern. Unzählige Möglichkeiten der Information – und trotzdem (oder gerade deswegen!) ist die aktuelle Elterngeneration laut Experten stark verunsichert. Der Familientherapeut Wolfgang Bergmann meint: „Eltern trauen sich nichts mehr zu. Sie wissen nicht mehr, was richtig und was falsch ist.“

Haben wir also verlernt, uns auf unseren Instinkt in Sachen Kindererziehung und -begleitung zu verlassen?

Mit neuen Strukturen ergeben sich neue Herausforderungen. Die Kleinfamilie lebt relativ isoliert. Verwandte sind oft weit weg. „Früher war die Hauptquelle bei Ratlosigkeit meistens die Oma“, so Dr. Schnurr. „Heute wird bei Husten eher Dr. Google befragt. Und diese Masse an Informationen zu filtern, ist als Laie sehr schwer.“ Ein anderer Aspekt: Die Großeltern sehen ihre Enkel selten, bekommen die Entwicklung nicht mit – und verunsichern dann oft zusätzlich („In dem Alter konntest du aber schon laufen…“). Oma hat gut reden. Schließlich konnte sie Kind 1 mit Kind 3 vergleichen. „Heute ist die Geburtenrate rückläufig“, gibt Dr. Knöbl zu bedenken. „Beim ersten Kind hat man mehr Angst.“

Das Rollenverständnis ändert sich, Frauen möchten und müssen oft arbeiten gehen. Kompetenzen müssen neu verhandelt werden. Und auch das Selbstverständnis als Eltern wandelt sich: „Von der schwarzen Pädagogik der Nachkriegsjahre zur demokratischen Familie, in der Eltern nicht mehr befehlen, sondern verhandeln und begründen“, so die Pädagogin Carmen Eschner.

Das sind nur einige der Aspekte, und das alles ist weder besser noch schlechter als früher, es muss einfach gemeistert werden. Und das ist die Krux: Für diese Situationen gibt es oft noch kein Rezept, an dem man sich als Eltern orientieren kann. Die Forscher der Konrad-Adenauer-Stiftung warnen: Die Kluft zwischen neuen Leitbildern der Ratgeberliteratur und dem realen Leben bringt das Familiensystem in Schieflage. Alles ist möglich. Das trägt zur Verunsicherung bei.

Die wichtigste Frage lautet ja: Wenn die Verunsicherung so groß ist – wie finden wir zu unserem elterlichen Bauchgefühl wieder zurück?

Eine Möglichkeit wäre (vorausgesetzt natürlich immer, es handelt sich nicht um lebensbedrohliche Situationen): Holen Sie sich – erst mal – keinen Rat. Sie kennen ihr Kind am besten. Versuchen Sie, das Ganze objektiv zu betrachten. Was würden Sie machen, wenn es nicht Ihr Kind wäre? Und wenn Sie dann doch zum Schluss kommen, Rat zu brauchen: Überlegen Sie genau, wen oder was Sie befragen. Sind die Untiefen des Internet wirklich geeignet? Versuchen Sie, je nach Problem, eine vertrauenswürdige Quelle zu befragen. Kinderärzte, Hebammen, Beratungsstellen. Die abgeklärte Freundin, die schon drei Kinder hat. Und belassen Sie es erst mal dabei.

Das mag eine Idee für eine akute Situation sein. Und langfristig? Dr. Knöbl schlägt vor: „Eine denkbare Lösung wären zum Beispiel ärztlich geleitete Kurse, wie früher die so genannte ,Mütterberatung‘, die die großen Fragen des ersten Lebensjahres beantwortet. Den absolviert man vor der Geburt. Dann lösen sich viele Dinge in Luft auf.“

Eine weitere, weniger greifbare, Antwort ist: Vertrauen. Vertrauen in die Entwicklung und Fähigkeiten des Kindes. Das findet man unter u.a., wenn man in die Vergangenheit blickt, auf Situationen, die damals aussichtslos erschienen und dann doch durchgestanden wurden. Dann erinnert man sich plötzlich wieder daran, dass die kleine Luna das Drehen gerade dann gemeistert hatte, als man schon einen Termin beim Physiotherapeuten ausgemacht hatte.

Und da kommt eine weitere Lösung, vielleicht die wichtigste, dazu: Liebe, Entspannung und Nachsicht. Das Streben nach Perfektion im Umgang mit Kindern ist ein schleichendes Gift.

„Heute wird zu oft das Wort ,Defizit‘ benutzt“, stimmen Dr. Schnurr und Dr. Knöbl zu. „Anstatt einfach mal abzuwarten, wird das Kind dann zum Logopäden, Osteopathen und Ergotherapeuten geschickt. Aber wir raten in den allermeisten Fällen zu Geduld.“

Heißt das jetzt, man darf sich keine Gedanken mehr um sein Kind machen? Natürlich nicht. Wie wunderbar, dass wir heute theoretisch alle Möglichkeiten haben, unserem Kind das Beste zu bieten. Aber es ist wie mit allem: Die Dosis macht das Gift.

Liebe, Vertrauen, Nachsicht, Bedürfnisse beachten (auf allen Seiten). Jeden Tag daran arbeiten, unnötige Sorgen und Ängste loszulassen. Sein Kind nicht als einen Menschen mit Defiziten zu sehen, sondern als ein ganzheitliches Lebewesen mit guten und schlechten Eigenschaften, das in manchen Aspekten ein Talent hat und in manchen eben nicht. All das kann dazu führen, dass die eigenen Instinkte gestärkt werden.

Und wenn gar nichts mehr hilft, hier das Eltern-Mantra schlechthin: Es ist eine Phase. Nur eine Phase.

Demnächst wieder an dieser Stelle
die Kolumne von Eva Unterburg.

Grafik: Günter Land