Weihnachten

Große Erwartungen – Kolumne von Eva Unterburg

Kolumnistin Eva Unterburg

Große Erwartungen sind es, die uns alle in der Weihnachtszeit umtreiben. Endlich soll die Familie einmal wieder zusammenkommen. Man stellt sich vor, wie sich die Großeltern wohlwollend mit weisem Lächeln über die Wiege beugen, in der selig das Neugeborene schlummert. Man hört im Geiste die Hausmusik der älteren Geschwister, wie sie in stiller Eintracht sich rund um das Klavier scharen mit Cello, Violine und Querflöte und engelsgleicher Klang aus dem Musikzimmer in die Küche herüberweht. Dort wird routiniert ein letztes Mal Hand angelegt an die pralle Weihnachtsgans, die seit Stunden ihrer goldbraunen Krönung entgegen brutzelt. Unter dem vertrauten Gelächter der Schwägerinnen werden Klöße gerollt und Spätzle geschabt und der Rotkohl mit Äpfeln verfeinert…

Unter dem erleuchteten, mit echten Kerzen bestückten Tannenbaum liegen festlich verpackt die als pädagogisch wertvoll einzustufenden Geschenke für die Kleinen und Großen. An der Christbaumspitze prangt der Familienengel, der ebenso wie der gesamte Baumschmuck bereits über Generationen hinweg die Kinder erfreut. Mundgeblasen aus Lauscha…

Der Hund liegt friedlich schlafend in seinem Körbchen und die Katze weilt auf ihrem erhöhten Ausguck auf dem Sofa, auch das ein Erbstück aus der Biedermeierzeit, frisch gepolstert und eine Augenweide im sogenannten Herrenzimmer.

Man macht sich schön, denn festliche Garderobe gehört dazu, auch die Kleinsten tragen bald gestärkte Hemden und eine niedliche Fliege, farblich abgestimmt auf die Bordüren an den weißen Kleidern der Schwestern. Pünktlich zum Heiligen Abend fallen beim Läuten der nachmittäglichen Kirchenglocken die ersten Schneeflocken, es wird also weiße Weihnachten geben. Der Abend wird seinen eingespielten harmonischen Lauf nehmen, jeder wird sich mit einem dankbaren Lächeln und einer herzlichen Umarmung für sein Geschenk bedanken und als Höhepunkt des Abends wird man gemeinsam durch den Neuschnee stapfend die Christmette in der nahen Dorfkirche besuchen.

Soweit die großen Erwartungen… Diese wunderschöne Heilige Nacht hat schon bei den Buddenbrooks nicht funktioniert und auch bei Michel aus Lönneberga ging immer etwas schief. Also stellen Sie sich lieber auf nörgelnde Schwiegereltern, ein Baby mit Weihnachtskoliken, einen Spontanbesuch in der Tiernotklinik, wahlweise auch beim diensthabenden Kinderarzt, einen zähen Vogel und enttäuschte Gesichter beim Auspacken der allzu pädagogischen Spielsachen. Fast hätte ich den Weihnachtsburnout vergessen, der gerne in unheiliger Allianz mit usseligem Schmuddelwetter und genervtem Partner daherkommt. Wenn Sie sich mit all dem im Geiste abgefunden haben, kann der Heilige Abend einfach nur besser werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Fest.


Alle Jahre wieder

Verkaufsoffenes Samstagsgewühle

Weihnachtsmann-Inflation

Jingle Bells als Klingelton

Senfflecken auf der Jacke

Lebkuchenorgien und Zuckerschock

hektisches Gekeife an der Supermarktkasse

miesepetrige Gesichter in der Straßenbahn

kitschiger Tand made in Ganzweitweg

künstlicher Watteschnee im Schaufenster

singende Schneemänner

Pappsüßer Glühwein

Smartphone, Playstation und Co

Dekowahn und Lichterkettenmassker

Weihnachtsfeier im Kindergarten

einsame Waldspaziergänge

Kinderhand in Großenhand

gegrillte Maronen

Eislaufen im Park

Kerzenlicht und Plätzchenduft

Sehnsucht nach Schnee

Engelshaar auf der Fensterbank

lebensgroße Krippen in halbdunklen Kirchen

Weihnachtskonzerte zum Mitsingen

Apfel, Nuss und Mandelkern

Adventskranzlicht

Vorlesen im Halbdunkel

Bratäpfel im Backofen

Erleuchtete Gassen

Schatzsuche in der Bibliothek

Abendliches Glockengeläut

Briefe ans Christkind

Weihnachtsessen mit Familie und Freunden

Räuchermännchen auf der Fensterbank

Sternebasteln

Festgottesdienst mit Krippenspiel

Zeitvergessenes Spielen unterm Tannenbaum

Sie haben die Wahl – alle Jahre wieder.

Frohe Weihnachten!

Eva Unterburg