Bezahlbarer Wohnraum – Betrachtungen von Autorin Sarah Nagel

Politik muss an dem Thema dranbleiben

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Bezahlbarer Wohnraum in Karlsruhe. Wer hart arbeitet, kann sich ein Häuschen oder eine angemessene Wohnung mit Anbindung an Infrastruktur leisten. Denn sie/er hat fleißig gespart und bekommt ordentlich Zinsen. Damit kann er eine ausreichende Anzahlung leisten. Der Kredit für Wohnraum ist innerhalb von 25, vielleicht 30 Jahren abbezahlt. Zur Rente sitzt man glücklich in seinen eigenen vier Wänden – und hat sogar noch etwas, das man seinem Nachwuchs vererben kann.

Doch Pustekuchen! Auf das, was jahrzehntelang gegolten hat, können sich heute junge Familien in Karlsruhe und anderswo ganz und gar nicht mehr verlassen. Kaufen in der Stadt oder im Vorort ist im Grunde nur noch etwas für Reiche; die Mietalternative schreckt ebenfalls mit hohen Kosten ab.

Statistisch gesehen, lebt eine Familie mit zwei Kindern in Deutschland im Eigentum auf rund 138 Quadratmetern, zur Miete auf etwa 97 Quadratmetern. Jemand, der zuletzt hoffnungsvoll einen Blick auf aktuelle Immobilienangebote geworfen hat, war schnell ernüchtert. Die wenigen Offerten zeigen: Für eine 100 qm-Mietswohnung müssen in Karlsruhe je nach Lage und Modernisierungsgrad ab 900 Euro Kaltmiete aufwärts hingeblättert werden. Wer sich nach einem eigenen Häuschen sehnt, sollte lieber den Lottogewinn oder das Erbe abwarten. Die durchschnittlichen Preise (und die Preissteigerung) sorgen für Schnappatmung: Hätte man 2011 für ein 150 qm-Haus laut des Spiegels einer Immobilienbörse noch 2427,99 Euro pro qm bezahlt, sind es 2019 bisher 4499,25 Euro.

Immer unverschämtere Wohnraum-Angebote tauchen auf dem Markt auf: Ein freistehendes Einfamilienhaus im Vorort, 140 qm Wohnfläche und 250 qm Grundstück, lag zum Beispiel bei 800.000 Euro; eine Wohnung in der Südweststadt, 75 qm, drei Zimmer, bei 589.000 Euro. Dabei stagniert das Einkommen ver­gleichs­weise.

Kein Wunder, dass die Verzweiflung langsam überhand nimmt. Schließlich wird das Problem auch noch dadurch verschärft, dass die Bevölkerung wächst: 2017 wurden im Landkreis zum Beispiel 1729 Wohnungen neu gebaut – allerdings sind auch rund 14 000 Menschen neu zugezogen. Wo gibt es noch bezahlbaren Wohnraum? Und was tut sich in Karlsruhe konkret, um diesem Mangel entgegenzuwirken?

Beim Liegenschaftsamt der Stadt nachgefragt, nahm es zum Thema folgendermaßen Stellung: „Verschiedene Förderprogramme der Stadt wie das Karlsruher Wohnraumförderungsprogramm (KaWoF), Wohnraum-Mobi und Wohnraum-Akquise wirken der Verknappung von Wohnraum in unserer Stadt entgegen. So konnten in den letzten Jahren im Rahmen von KaWoF fast 1.000 Sozialmietwohnungen gemeinsam mit dem Land gefördert werden.“

Wohnraum-Akquise praktiziert die Stadt bereits seit einiger Zeit. Dabei werden Leerstände ausfindig gemacht, mögliche Sanierungskosten teilweise übernommen, und im Austausch für eine Mietausfallgarantie auf sechs Jahre gibt es ein zehnjähriges Belegungsrecht. Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wurde zuletzt politisch auch der Kauf von Belegungsrechten thematisiert. Darauf angesprochen erklärt das Liegenschaftsamt: „Die Stadt steht dem Thema Ankauf von Belegungsrechten sehr aufgeschlossen gegenüber. Bei jeder auslaufenden Mietpreis- und Belegungsbindung in Karlsruhe wird gemeinsam mit dem Eigentümer geprüft, ob eine Verlängerung möglich ist. Auch freie Wohnungen im Bestand werden gerne gefördert. Von 2014 bis 2018 konnten auf diese Weise bei insgesamt 340 Bestandswohnungen Mietpreis- und Belegungsbindungen verlängert oder neu begründet werden.“ Doch solche Maßnahmen sind nicht die einzigen Lösungen. Das Bestehende bestmöglich zu nutzen, ist ein Ansatz. Aber natürlich muss auch neu gebaut werden. Was tut sich in dieser Hinsicht?

Seit über 90 Jahren ist die stadteigene Volkswohnung Karlsruhe dafür zuständig, Bürgerinnen und Bürgern bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen (mit 13.200 Mietwohnungen ist sie der größte Vermieter in Karlsruhe). Tatsächlich sind momentan drei größere Projekte mit Mietwohnungen im Bau; 237 in Oberreut, 58 in Knielingen 2.0 (dort wird die Fertigstellung bis zum 4. Quartal 2019 angestrebt). Außerdem sollen noch 54 Wohnungen in der Durlacher Pfinzstraße entstehen. Der Plan ist, bis 2025 insgesamt 1.610 Mietwohnungen zu bauen, von denen mehr als die Hälfte der Mietpreisbindung unterliegen.

Des Weiteren gibt es laut Stadtplanungsamt private Wohnungsbauprojekte, zum Beispiel in der Weststadt (etwa 200 Wohneinheiten), in Knielingen (etwa 70 Wohneinheiten) und Grünwinkel (Edelbergstraße, rund 90 Wohneinheiten).

Außerdem braucht Karlsruhe natürlich neue Entwicklungsflächen, und darin hat die Stadt Erfahrung. Der City Park im östlichen Teil der Südstadt, bietet mittlerweile Platz für rund 6.000 Menschen; Knielingen 2.0 hat Wohnraum für etwa 2.000 Bürger. In der Planungsphase befinden sich größere Projekte in der Nord- und Nordweststadt. Für den Bereich westlich der Erzbergerstraße auf dem ehemals militärisch genutzten Gelände wird aktuell ein Bebauungsplan erarbeitet, der Planrecht für etwa 1.300 Wohneinheiten, Nahversorgung und Gemeinbedarfseinrichtungen schaffen soll. Für den Bereich der Nancystraße in der Nordweststadt gilt ähnliches; hier sollen 80 Wohneinheiten, eine Kita und ein Pflegeheim entstehen. Baubeginn wird in beiden Quartieren jedoch frühestens etwa 2024 sein.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, um mehr und vor allem bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird die Zukunft zeigen. Eines steht fest: Die Politik muss an dem Thema dranbleiben, sich festbeißen – um der heutigen und den Folgegenerationen die Möglichkeit zu verschaffen, im schönen Karlsruhe leben zu können.