Interview

Interview mit der Karlsruher Familienhebamme Petra Seitz

Familienhebammen in Karlsruhe

Petra Seitz ist Hebamme und Familienhebamme. Als Kooperationspartnerin der Frühen Prävention in Karlsruhe besucht sie regelmäßig Startpunkt Elterncafés. Sie steht den Besucherinnen und Besuchern zum Gespräch zur Verfügung und berät bei Fragen zu Schwangerschaft, Stillen, Ernährung, Schlaf. Petra Seitz hat uns einige Fragen zu sich und ihrem Beruf in einem E-Mail-Interview beantwortet.

Liebe Frau Seitz, seit wann sind Sie Hebamme, seit wann Familienhebamme?

Mit meiner Ausbildung zur Hebamme 2002 hat sich für mich ein lange gehegter Berufswunsch erfüllt. Seit 2005 bin ich als freiberufliche Hebamme in Karlsruhe tätig. 2009/10 kam die berufsbegleitende Weiterbildung zur Familienhebamme hinzu. Seit 2011 arbeite ich zusätzlich zu meiner freiberuflichen Hebammenarbeit als Honorarfamilienhebamme bei pro familia in Karlsruhe.

Was macht eine Familienhebamme? Worin liegt der Unterschied zur „normalen“ Hebamme?

Die Arbeit der Hebamme ist vorwiegend im medizinisch-physiologischen Bereich angesiedelt und steht jeder Mutter als Kassenleistung in den ersten zwölf Lebenswochen des Kindes zu. Die Familienhebamme ist ein Zusatzangebot für Eltern mit erhöhtem Betreuungsbedarf im ersten Lebensjahr. Der Schwerpunkt der Familienhebammenarbeit liegt eher im pädagogischen, psychologischen, rechtlichen und koordinativen Bereich, sowie auf der Bindungsförderung. Da in Karlsruhe die Vernetzung der einzelnen Akteure der Frühen Prävention sehr eng ist, lässt sich auf diesem Weg meist eine schnelle und passgenaue Unterstützung für Familien mit erhöhtem Bedarf etablieren.

Arbeiten Sie rein freiberuflich?

Meine Arbeit ist in allen Bereichen freiberuflich.

Hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

Meine Arbeit hat sich in den letzten Jahren auch durch den Einfluss der Tätigkeit als Familienhebamme etwas weg von der eher medizinischen Nachsorge, hin zu einer stützenden Tätigkeit gewandelt. Häufig brauchen die Familien jemanden, der ihnen Sicherheit gibt, der ihr Vertrauen in ihre eigenen Kräfte, ihr Können und ihre eigene Intuition stärkt.

Welche Fragen beschäftigen die Mütter und Väter heutzutage? Gibt es auffallende Schwerpunkte? Haben sich die Fragen mit den Jahren verändert?

Auch die Fragen der Eltern haben sich gewandelt. Eltern sind meist sehr überrascht, wie sehr ein so kleiner Mensch jeglichen Alltag und Routine durcheinanderwirbeln kann. Immer weniger Eltern sind in einer großen Familie mit Geschwistern aufgewachsen. Ihnen fehlen die Erfahrungen im Alltag mit den Kleinsten. Auch fehlt uns mittlerweile eine Art der Wochenbettkultur: früher wurden Wöchnerinnen von der Familie versorgt und bemuttert… heute sind die Ursprungsfamilien meist weit weg und für diese Fürsorge und Entlastung nicht greifbar.

Die Stadt Karlsruhe unterstützt Eltern und Familien mit einem umfangreichen Angebot. Unter anderem auch damit, dass Kooperationspartnerinnen wie Hebammen die Startpunkt Elterncafés regelmäßig besuchen. Welche Erfahrungen machen Sie mit diesen Besuchen?

Da bieten uns die Startpunkt Cafés, die es im gesamten Stadtgebiet in reicher Zahl gibt, gute Möglichkeiten, Eltern/Müttern in ähnlichen Lebenslagen zusammen zu führen und ihnen Raum für Austausch zu bieten. Die Fachkräfte, die die Startpunkt Cafés regelmäßig aufsuchen, bieten zusätzlich entsprechende Beratung an. In meinem Bereich handelt es sich meist um Themen wie Beikosteinführung, Abstillen, Schlafen/Durchschlafen und die erste Trennung von Mutter und Kind wegen Betreuung durch Tagesmutter/Kita etc.

Die Beiträge zur Berufshaftpflicht sind für Hebammen in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. Wirkt sich das auf Ihre Tätigkeit aus? Haben Sie Ihr Angebot verändert?

Es ist für Frauen in Karlsruhe schwieriger geworden, eine Hebamme zu finden. Eine Hausgeburt mit Hebamme ist quasi nicht mehr möglich.

Wie sehen Sie die Zukunft des Hebammenberufs? Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf Mütter, Väter und Kinder ein?

Die Situation der Hebammen hat sich durch die immer weiter steigende Berufshaftpflichtversicherungsprämie und weitere Auflagen der Spitzenverbände der Krankenkassen in vielen Bereichen sehr verändert! Fakt ist, dass die freie Wahl des Geburtsorts dadurch eingeschränkt wird, dass sich Hebammen die Hausgeburts- und Beleggeburtshilfe nicht mehr leisten können und diese aus ihrem Leistungsangebot herausnehmen müssen. Fakt ist auch, dass es bundesweit u.v.a. im ländlichen Raum Hebammenmangel gibt. Sowohl in den Krankenhäusern als auch in der freiberuflichen Wochenbettbetreuung herrscht Notstand: Geburtskliniken schließen, Eltern haben oft weite Anfahrtswege zum Geburtsort, Frauen bleiben im Wochenbett ohne Betreuung, was in den ersten zwei Wochen fatale gesundheitliche Folgen haben kann. Die wenigen verbleibenden Hebammen kämpfen mit der riesigen nicht zu bewältigenden Nachfrage und müssen immer wieder Frauen abweisen oder haben viel zu viele Frauen zu betreuen, die sie mit kurzen Hausbesuchen und den dringlichsten Anliegen begleiten – oft bleiben dann anstehende Fragen unbeantwortet.

Der neueste Trend, aus der Not geboren, zeigt in Richtung Hebammenversorgungszentren, welche von den Eltern aufgesucht werden können. Doch wer Eltern in den ersten Wochen zuhause begleitet, weiß, wie schwer es mit Neugeborenem und nach schwerer Geburt oft ist, das Haus zu verlassen, um Termine wahrzunehmen.

Was möchten Sie Müttern und Vätern mit auf den Weg geben?

Mit einem großen Vorrat an Intuition, die in uns allen steckt, Liebe, Herz, Ruhe und Geduld werden Eure Kinder geborgen wachsen! Und an alle werdenden Eltern, Eltern und Großeltern: Macht unsre zuständigen Politiker auf die Missstände, die Euch in Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett begegnen, aufmerksam und fordert Euer Recht auf die freie Wahl des Geburtsorts und einer Hebammenbegleitung durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett!

Für das Interview danken wir Susanne Butz, Leiterin des Startpunktcafés der Paritätischen Sozialdienste.

Startpunkt Elterncafés gibt es in ganz Karlsruhe – neben Familienhebammen kommen hier auch Kinderärztinnen, Psychologinnen und Sozialpädagoginnen regelmäßig zu Besuch und stehen für die Fragen der Eltern zur Verfügung.