Ich bin dann mal weg!

Fiktiver Brief eines Helikopterkindes

Foto: Frederic Caemmerer

Liebe Mam, lieber Paps!

Heute ist mein 18. Geburtstag. Heute ziehe ich zuhause aus. Ihr habt es nicht verstanden, vorhin, als ich gegangen bin. Der Kuchen auf dem Tisch, die Geschenke… Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich weiß, dass ich Euch damit übel wehtue. Und es tut mir leid. Aber ich kann nicht NOCH LÄNGER Euer BABY sein. Das müsst Ihr doch verstehen! Die Abifeier nächste Woche ist dann halt ohne mich. Wäre mir aber auch peinlich gewesen, mit Euch hinzugehen. Schade eigentlich… Ihr könntet so cool sein, wenn Ihr entspannter wärt, wir hätten echt eine geile Zeit zusammen haben können! Aber nein. Entspannt ging ja nie was. Immer war alles schwierig, voller Regeln und Ängste. Voller Kontrolle.

Einmal, in der Fünften, war ich in den Osterferien krank. Zwei Wochen lang. Und Eure EINZIGE Sorge war, dass ich in dieser Zeit nicht für die Schule lernen konnte. In den FERIEN!!! Jedem habt Ihr Euer Leid geklagt, ich hab das gehört. Und ich habe mich geschämt: weil ich krank war. Und weil ich Euch damit enttäuscht habe, Eure Pläne durcheinander gebracht habe. Dabei bin ich eigentlich gerne zur Schule gegangen. Und ich war doch immer gut! Nie der Star der Klasse, aber immer in allen Fächern okay. Aber wenn ich eine gute Bewertung bekam, in der Schule oder beim Sport, wusste ich eigentlich auch nie, ob ICH sie verdient hatte – oder ob einer von Euch mal wieder beim Lehrer angerufen hat, um Euch „für mich stark zu machen“. Habt Ihr mich eigentlich jemals gefragt, ob ich das wollte??? Jeder wusste, dass Ihr Euch ständig eingemischt habt: in meine Hausaufgaben, ins Lernen für die Arbeiten, in meine Freundschaften…

Mir hat es materiell nie an etwas gefehlt. Aber ich hatte von etwas viel ZU VIEL: nämlich von Eurer ständigen AUFSICHT! Kein Weg, den ich alleine machen durfte, keine Entscheidung ohne Eure Erlaubnis… Es war alles so eng, manchmal habt Ihr mich fast erdrückt. Vielleicht wäre ja alles anders, wenn ich Geschwister hätte. Wie habe ich manchmal Flori beneidet! Vier Geschwister, ein Hund und eine Katze – wie genial ist das denn! Flori ist mit sechs Jahren alleine mit dem Roller zum Schwimmtraining gefahren, quer durch den Stadtteil. Megacool! Und ich? Ich durfte mit zwölf noch nicht mal alleine zum Supermarkt.

Es fällt mir heute noch wahnsinnig schwer, mich irgendwo zurecht zu finden. Das habt Ihr mir ja immer abgenommen. Ich habe auch nie gelernt, andere Menschen einzuschätzen – denn IHR habt ja immer meine Freunde ausgesucht. Verantwortung für mich selbst? DAS habe ich NIE gelernt. Ihr habt mir keine Chance dazu gegeben.

Manchmal habt Ihr erzählt, was Ihr als Kinder gemacht habt: tagelang im Wald gespielt, mit Eurer Clique ganze Tage im Freibad rumgehangen, kleine Geheimnisse gehabt… Eure Augen haben beim Erzählen geleuchtet! Und ich? Was kann ich meinen Kindern eines Tages erzählen? Dass meine Eltern mich überall mit dem Auto hingebracht haben? Dass ich nie auch nur eine einzige Stunde alleine zu Hause sein durfte? Dass ich NCHTS heimlich machen konnte?

Ich weiß, dass Ihr das meiste davon aus Liebe getan habt. Dafür bin ich Euch echt dankbar. Wobei das irgendwie trotzdem nicht einfach für mich war. Mam, Du hast mich zu Deinem einzigen Lebensinhalt erklärt. Und Dein eigenes Leben hast Du völlig aufgegeben: Deinen Job, Deine Hobbys, Deine eigenen Interessen. Da war nix mehr. All Dein Denken und Handeln drehte sich nur um MICH! Und, glaub mir, DAMIT hast Du mir eine verdammt große Verantwortung aufgeladen!

Jetzt sitz ich im Zug. Mit Flori. Quer durch Europa wollen wir. Einfach so, ohne große Vorbereitung, ohne Aufsicht. Vielleicht bleiben wir zusammen irgendwo, wo es uns gut gefällt. Keine Ahnung. Mein Handy schmeiß ich nachher weg. Ich hab ein neues, für den Notfall. Mit einer Nummer, die Ihr nicht kennt. Vielleicht komm ich ja irgendwann wieder. Ich bin achtzehn. Jetzt liegt es an mir, etwas aus dem zu machen, was ich gelernt habe und was ich kann. Nicht für Euch, sondern für mich selbst. Ich hoffe so sehr, dass Ihr mir vertraut. Und dass Ihr mir verzeihen könnt, dass ich Euch so sitzen lassen muss. Ich hoffe, Ihr findet was, womit Ihr Euch beschäftigen könnt, wenn ich weg bin.

Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, auf Augenhöhe miteinander zu reden. Als ERWACHSENE. Das wünsch ich mir echt.

Ich hab Euch total lieb, das ist mir fast peinlich, aber es muss mal gesagt werden. Nur: weil ich weiß, dass Ihr mich NIE loslassen würdet, muss ICH gehen. Ich brauch einfach Abstand. Ich will MEIN LEBEN leben, und nicht das, was Ihr Euch für mich ausgedacht habt.

Seid mir nicht böse.
Umarmung,

Dani