Familienpolitik

Hebammen in Baden-Württemberg

Wie steht es um einen der ältesten Berufe der Welt? Ein Beitrag unserer Autorin Iris Wuttke-Hilke

Geboren mit Hilfe meiner Hebamme

Eine extreme Situation ist sie ja schon, die Geburt eines Kindes. Dass Wehen wehtun, hat man längst begriffen; wie sehr der kleine Mensch im Bauch spürbar mitarbeitet, ist unglaublich; und dann sind da zum Glück die kundigen, helfenden Hände, die berühren, kontrollieren, beruhigen und unterstützen und die das frisch geschlüpfte Baby in Empfang nehmen: die Hände einer Hebamme. Doch was passiert, wenn diese Hände fehlen?

Seit Jahren versuchen Hebammen und Verbände auf Missstände aufmerksam zu machen. Plakate mit dem Titel „Ich hab dir auf die Welt geholfen“ vom Deutschen Hebammen Verband oder das viel diskutierte  Motiv „Ohne Hebammen hängen wir in der Luft“ von Hebammen für Deutschland (Motiv: ein frisch geborenes, nacktes Baby an der Nabelschnur, gleichsam im leeren Raum schwebend) sollten in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit und Politiker sensibilisieren und gleichzeitig Nachwuchs für den Beruf der Hebamme ansprechen. Doch scheinen die unterschiedlichen Maßnahmen nicht unbedingt erfolgreich zu sein.

In vielen Kliniken fehlt es an jungen Hebammen, wenn die dort angestellten älteren Hebammen in Rente gehen. Beleghebammen sollen (nach einem Beschluss des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen) ab 2018 nur noch die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig abrechnen können, ungeachtet der aktuellen personellen Situation in der jeweiligen Klinik. Somit sieht der Deutsche Hebammenverband die geburtshilfliche Versorgung von Frauen in Deutschland zunehmend problematisch beziehungsweise nicht gewährleistet. Freiberuflichen Hebammen machen massiv angestiegene Beiträge für die Haftpflichtversicherung (sie betragen inzwischen mehrere Tausend Euro pro Jahr) zu schaffen; diese Beiträge haben schon einige Hebammen zum Aufgeben ihres Berufes bewogen, wenn sie ihren Lebensunterhalt mit dem Einkommen als Hebamme kaum noch bestreiten konnten.

Laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg sind im ganzen Bundesland 2015 rund 100.000 Babies geboren worden; 3.709 davon im Landkreis Karlsruhe, 2.937 im Stadtkreis Karlsruhe. Eine Suche im Internet (z.B. über hebammensuche-bw.de) führt zu rund 70 Hebammen im Großraum Karlsruhe zwischen Malsch und Bruchsal. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die allermeisten Babies in Kliniken zur Welt kommen und dass die Versorgung während der Geburt gewährleistet ist, bleiben noch Schwangerschaftsbegleitung und Nachbetreuung. Rein rechnerisch müsste jede der genannten 70 Hebammen dann ungefähr 90 Schwangere pro Jahr betreuen: mit Vorsorgeuntersuchungen, Geburtsvorbereitungskursen, eventuell als Beleghebamme bei der Geburt, in der Nachsorge und regelmäßigen Begleitung bis zum Ende der Stillzeit. Diese Betreuung erfordert Vertrauen und Nähe und kann sehr zeitintensiv sein.

Immer wieder hört man von werdenden Eltern, die für die Zeit außerhalb der Geburt gar keine betreuende Hebamme finden konnten.

Im Winter 2016 wurde eine Pilotstudie zum Thema „Hebammenversorgung in Baden-Württemberg“ veröffentlicht, die von einem Institut der Uni Freiburg durchgeführt worden war. An jener Umfrage haben 456 Hebammen teilgenommen, die im Jahr 2015 freiberuflich als Hebamme arbeiteten; 286 davon waren ausschließlich freiberuflich tätig, 170 übten die Freiberuflichkeit zusätzlich zu einer Angestelltentätigkeit aus. Bei den oben genannten Zahlen viel-leicht nicht überraschend, aber dennoch bemerkenswert: Etwa ein Drittel der Hebammen  kam laut Studie auf eine Arbeitszeit von mehr als 40 (und teils bis zu 80) Stunden pro Woche.

Werdende Mütter haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit, und Babies kommen nun mal auf die Welt, wann sie wollen. Ständige Rufbereitschaft der freiberuflichen Hebammen und zum Teil auch der Beleghebammen ist gefordert. Kein Wunder, dass sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl eher davon abschrecken lassen – zumal die bisherigen werblichen Kampagnen offenbar nicht dazu geeignet waren, der Öffentlichkeit ein wertschätzendes und emotional ansprechendes Bild vom Berufsbild der Hebamme zu vermitteln.

Möglicherweise spielt auch der seit Jahren anhaltende Trend werdender Mütter zum geplanten Kaiserschnitt als vermeintlich „einfache“ Form der Geburt eine Rolle (auch wenn es sich hierbei genau genommen um einen operativen Eingriff handelt). Frei nach dem Motto: Wer braucht schon eine Hebamme, wenn doch ein Arzt das Kind so zügig und stressarm zum geplanten Termin auf die Welt holen kann?

Indes gelang ein wichtiger Schritt in Richtung Akademisierung und Anerkennung: Voraussichtlich ab Herbst 2018 können in Stuttgart an der Dualen Hochschule (DHBW) Hebammenschülerinnen der Hebammenschule Stuttgart ein berufsbegleitendes Studium „Angewandte Hebammenwissenschaft“ absolvieren. Auch in Karlsruhe ist Entsprechendes möglich: im Bachelor-Studiengang „Angewandte Gesundheitswissenschaften für Pflege und Geburtshilfe“ an der DHBW Karlsruhe.

Derzeit (im Zeitraum vom 16. Oktober bis 15. November) führen der Hebammenlandesverband und das Sozial- und Integrationsministerium Baden-Württemberg eine Online-Befragung aller Hebammen und werdenden Hebammen im Land durch. Man erhofft sich davon „Klarheit über die aktuelle Lage und den Tätigkeitsumfang der Hebammen sowie die Versorgungssituation der Familien in Baden-Württemberg“, zu finden auf der Website des Hebammenverbandes Baden-Württemberg (www.hebammen-bw.de/offizielle-hebammen-umfrage-fuer-baden-wuerttemberg).

Wir sind gespannt auf die Ergebnisse der Studie.