Nah und Fern – sind wir in Balance?

Unser Wiener Kolumnist, der Heilpädagoge Gerhard Spitzer, macht sich marschbereit

Der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Erfolgs­autor Gerhard Spitzer, Autor von „Entspannt Erziehen“ schreibt seit 2010 seine Kolumne exclusiv für das KARLSRUHER KIND

Mit der „richtigen Balance“ im Leben ist das so eine Sache. Die allerwenigsten Menschen haben sie noch! So richtig sprichwörtlich „ausgeglichene“ Zeitgenossen scheint es offenbar gar nicht mehr viele zu geben. Gerade jetzt schon gar nicht! 

Aber keine Sorge: Es kommt jetzt nix Neues über Corona & Co.! Mir geht es um eine ganz profane, logistische Disbalance, die augenscheinlich weit verbreitet ist. 

Fußmarsch

Kathrin und Mathias aus Karlsruhe Durlach sind stolze Eltern von drei schon monatelang downgelockten Wirbelwinden, sechs, neun und zwölf Jahre alt. Als ich sehr gezielt nach Umgebungskenntnissen frage, bringen die beiden es gleichermaßen kopfschüttelnd, wie einhellig auf den Punkt: „Nö, im Hardtwald waren wir noch nie!“ 

„Echt jetzt?“, hake ich nach, „da-bei wären es von euch aus nur knapp 18 Minuten Fußmarsch bis dorthin. Mit Einbindung der Straßenbahn noch viel weniger.

Mathias findet nichts dabei, hat dafür aber eine Beschwerde: „Wir dürfen in diesem Jahr nicht einmal Urlaub machen, dort, wo wir sonst immer sind!“ Ja, da bin ich sicher, denke ich und bekomme auch noch die passgenaue Auskunft dazu: „Na ja,  auf Mallorca eben!“ Aha! Da haben wir’s! Viel Fernweh, aber kaum Naherfahrung! Eine ganz normale deutsche Familie halt. Fein! Ist ja auch gut so! Aber ist das anderswo anders? Nö! Ist es nicht!

Aufmarsch 

Die „Da-Sigen“ so heißen die Einheimischen bei uns in Österreich, sind beim Pflegen dieser Disbalance wahrscheinlich noch rustikaler unterwegs: Unzählige von uns haben die Alpen vor der Nase und kennen kaum ihre eigenen Hausberge. Wie jetzt? Das glauben Sie nicht? Na denn…  

Neulich frage ich Vinzenz aus Innsbruck, Tirol, einen durchaus sportlichen Familienvater: „Waren Sie eigentlich schon mal droben auf der Nordkette?“ (Sie müssen wissen, die Nordkette ist ein wahrer Gigant von Zweitausendern, der da einfach so rumstehen. Nahezu mitten in Innsbruck, Leute! Wahrlich düster und monumental der Klotz, kann ich Ihnen sagen. Man kann dieses Monstrum weder übersehen, noch sich irgendwie daran vorbei schummeln. Es sei denn, man unternimmt einen satten Hundertmeilen-Trip.)

Aber hoch droben – oder nach kurzem „Aufmarsch“ bis auf halbe Höhe – hätten Vinzenz und Familie schon den absolut traumhaften Blick über hunderte Gipfel und Täler bis weit nach Berchtesgaaden hinein – oder eben halt auf die eigene Stadt, je nach Gusto. 

Fernmarsch

Aber da haben wir’s schon wieder: Auch Vinz und die Seinen haben immerzu Fernweh! Die Karibik ist ihr Ding! Aber: Pustekuchen! Das geht aktuell eben nicht und der berühmte Plan B fehlt. Dabei fährt deren Haus-Tram direkt bis zum Gipfel der Nordkette hinauf! Verrückt einfach! Einfach verrückt, oder?

Aber Sie würden ohnehin nicht glauben, wie viele Österreicher, inmitten herrlicher Alpentäler ansässig, noch niemals Schilaufen waren. Zu unseren Schi-Destinationen brauchen wir Österreicher offenbar einen schön weiten Fernmarsch, damit es flutscht. „Bei uns dahoam schifohrn? Na! Ned auf dem doikaten (deutsch: unwichtigen) Hausberg!“

Festmarsch

Sicherlich: Ein kleiner Rest unserer Da-Sigen, macht seit Kindesbeinen jeden unmittelbaren Haushang unsicher! In jeder freien Minute! Aber diese Wenigen, die haben dann sowieso alle schon irgendwelche Weltcup-Kugeln in irgendeiner Downhill-Disziplin im Festmarsch heimgetragen.

Lassen wir´s gut sein, liebe KARLSRUHER-KIND-Leser/-innen, Sie verstehen sicher schon sehr gut, worauf ich diesmal hinaus will: Schon lange neigen Menschen dazu, die schönste Ziele rund um ihre eigenen Wohnorte vollständig und dauerhaft zu ignorieren und sich so die Chance auf ein wenig rasch geholte aber lang wirkende Balance in ihr Leben, bzw. in das ihrer lieben Familie zu holen.

Klar, Karlsruhe ist jetzt nicht gerade eine inneralpine Schi-Destination, und die „Zweitausender“ gibt es anstatt über- leider nur nebeneinander, aber es gibt einen Hausberg, sogar mit Turm und mindestens zweitausend Hektar besten und naturnahen Waldgebiets. Dazu ganz allgemein diese an drei Seiten stückweise unverbaute Traumstadt mit weiteren wunderschönen Zielen in Ihrer unmittelbaren Nähe. Stadtwerbung vom Feinsten! Gut soweit! 

Als treue Leser meiner Kolumne warten Sie aber jetzt sicherlich auf meine diesmalige pädagogische Botschaft. Hier ist sie:  

Abmarsch

Wenn wir unseren Kindern fortwährend vermitteln, dass es nur in der Ferne attraktive innere Balance zu holen gibt, verlieren Kinder ziemlich rasch ihre eigene. Kinder haben nämlich ein absolut elementares und lebenswichtiges Bedürfnis: Das ausdauernde, maximal mögliche und begeisterte Erkunden der eigenen Umgebung. Dieser Trieb ist archaisch und hat mit innerer Sicherheit, Selbstbehauptung und einem Gefühl für sich selbst in einem bekannten Umfeld zu tun. Die Forscher nennen das sperrig: Autoperzeption. 

Der Begriff ist aber nicht so wichtig! Viel bedeutsamer ist Ihr Wissen darüber, dass es so etwas überhaupt gibt. Wenn Eltern die Erfüllung dieses Bedürfnisses nicht in ausreichender Menge ermöglichen, geht ihren Kindern ein massives Stück menschlicher Sicherheit, Charakter, Ausgeglichenheit und natürlicher Forschungsdrang verloren. Also sage ich: Abmarsch! Begeistern Sie sich und Ihre Kinder beispielsweise von der Schönheit des riesigen Karlsruher Hardtwaldes, der Rheinauen oder des Turmbergs. Kreieren Sie Schatzsuchen oder Naturforschungs-Wanderungen und vor allem schauen Sie in Ihren Kalender nach, wann Sie zuletzt alle gemeinsam auf dem Turmberg waren und den herrlichen Blick über Ihre einzigartige Fächerstadt genossen haben. Achtung: Sauerstoffmasken mitnehmen! Sie wissen schon: Höhenkrankheit und so …

Im Ernst: Holen Sie wenigstens dieses Erlebnis in der dünnen, aber sauberen und damit aerosolfreien Karlsruher Luft möglichst bald nach! 

Sie werden es mögen!