Fad´ im Kopf

Unser Wiener Kolumnist, der Heilpädagoge fühlt – gewohnt schonungslos – der Head-Down Generation auf den Zahn

Mathias aus Neureut gehört bereits zur ultramodernen Head-Down-Generation. Für Alle, die den Begriff noch nicht so gut kennen: Das sind jene Leute, die die Köpfe in Ihrer Freizeit nicht mehr von ihren Tutsch-Skriens hochbekommen. Statistisch vorsichtig ausgedrückt, betrifft das so ziemlich alle jungen Menschen mit aktuell funktionierender Smart-Zeugs-Verbindung! Das sind ziemlich viele…

Gut, jetzt haben wir erstmal alle den gleichen Informationsstand. Wahrscheinlich nichts Neues soweit. Was diese Info aber sicherlich spannender machen wird, ist die folgende Aussage des erst neunjährigen Knaben, als ich nach minutenlangem Beobachten der hochnervösen Zockerei behutsam die Frage stelle: „Mathias, sag´ magst du das olle Smart-Ding nicht einmal – sagen wir bloß einen Nachmittag lang – weglegen, damit du echte Freizeit halten kannst?“ Darauf er: „Nee! Ich weiß doch nicht, was ich sonst machen soll!“

Wie jetzt? Meint der Junge das ernst? Das kann doch nicht sein! Ein Neunjähriger? Wenn so ein junger Bub nicht mehr Experte ist im Erfinden und Abwickeln von Blödheiten und gut für mindestens einen fiesen Schabernack pro Tag, was ist dann kaputt in seiner kindlichen Welt? Ein tragischer Ausnahmefall? Pustekuchen! 

Trugbild

Das mit dem Einzelfall war offensichtlich ein Trugbild, denn als ich zwei Tage später bei der zehnjährigen Isabella und deren Mutter Britney aus Karlsruhe wegen demselben Daddel-Dumm-Freizeit-Verhalten reinhöre, gibt es zwei erschütternde Absonderungen. Die Eine kommt von Mama  Britney: „Ja klar hat sie ein Tablet! So stört mich die Kleine nicht mehr beim Arbeiten im Home Office!“ 

Moms Plan hat hingehauen: Isabella ist seit Monaten Serien-süchtig und hält stundenlang bewegungslos die klassische Head-Down-Position. Meine Frage „Magst du dich nicht mal mit anderen Kindern gemeinsam mit irgendwelchen anderen netten Spielen beschäftigen?“  Darauf sie: „Ich hab doch keine anderen Spiele!“

Aha! Na wenn das so ist! Das heißt dann wohl, der riesige Kinderzimmer-Kasten, randvoll mit Brettspiel-, Bastel- und Barbie-Equipment ist ja dann wohl nur ein Außenlager der Caritas und gehört ganz sicher nicht zur „Private Property“ unserer Isabella. Ein „off-territory“-Bereich sozusagen, der so weit weg zu sein scheint, dass er im Kopf der armen Kleinen gar nicht mehr wahrgenommen wird.  So gesehen, wohl auch eine Art Trugbild! Gruselig das, wenn Sie mich fragen! 

Gesamtbild

Die endgültig spannende Erkenntnis aus meinem diesmaligen Sermon als überzeugter Digital-Anarchist wird uns offenbar, wenn ich den Spannungsbogen rund um das Wisch-und-Weg-Freizeitverhalten diverser Kids von acht bis achtzehn abrunde. Bei annähernd identischen Settings im aktuellen Baden-Württembergischen Befragungsraum erhalte ich von nahezu allen betroffenen Kids und Youngsters, ziemlich punktgenau die selben Sätze als Antwort: „Ich hab doch keinen Plan, was ich sonst machen soll!“

Da stimmt doch was nicht im Lande Däne… Deutschland!

Im Gesamtbild erkenne ich obendrein: Die betroffenen Kids werden rasant immer jünger! Sogar Vierjährige findet man schon im Kopf-Unten-Modus vor, begleitet von der schon beschriebenen erschreckenden Freizeit-Perspektivlosigkeit. 

Wurfbild

Gerade wir, von der interessierten KARLSRUHER-KIND-Community sollten daher ernsthaft nachdenken: „Warum akzeptieren wir alle diese Entwicklung einfach so? Warum hört man von den allermeisten Eltern identische Aussagen wie diese: „Na das ist halt die neue Zeit! Damit muss man leben!“

Nein muss man nicht, Leute! Wer zwingt uns denn dazu? Wer verlangt, dass wir Kindern bewusst ihre dringlichsten und wichtigsten kindlichen Bedürfnisse wegstreamen? Das Bedürfnis zu spielen, zu erfinden, kreativ und ständig pfiffig-neugierig zu sein. Vom Bedürfnis des dringend nötigen Bewegungsdrangs ganz zu schweigen. Couch-Potatoes, freut euch …auf die späteren Krankenkassen Rechungen!

Es gibt nur einen authentischen Weg aus dieser Misere: Liebe Eltern, werft euer eigenes Equipment endlich selber weg und zeigt euren Kindern, wie ihr durchatmet: „Endlich frei! Ich hab’s schon nicht mehr ausgehalten, immer online zu sein!“ 

Glaubt mr: Wenn Ihr als geliebte Bezugsperson zumindest für einige Monate so handelt, werden es euch eure Kinder nachmachen.

Schlussbild

Für ganz junge und frisch gebackene Eltern habe ich hier noch eine nette Unterstützungsansage: Karl Goerner, Herausgeber des KARLSRUHER KIND, wie auch ich unterstützen von Herzen die Kampagne „Handyfrei bis Drei“! 

Wenn Sie ein bisschen gegen die fatale Entwicklung steuern möchten, dann machen Sie doch mit.

Sie werden es mögen!