Schwerpunkt Buch: Sammelwut

Grafik: Günter Land

Ja und jetzt? Was könnte ich denn noch zu diesem Thema schreiben, das mir mein Verleger gerade telefonisch für die Oktoberausgabe durchgegeben hat. Dass ich dem Medium Buch durchaus zugeneigt bin, es für sämtliche Altersgruppen Ihrer Kinder allerwärmstens empfehlen kann und überhaupt nur ein Quäntchen Mensch bin ohne min­des­tens drei solcher Exemplare auf dem Nachttisch liegen zu haben, ist nichts Neues.

Was ich ganz aller­dings jüngst an mir beobachte, ist eine fast gierige Sammelwut. Kennen Sie die Bücherschränke, die seit einigen Jahren in vielen und glück­licherweise auch in unserer Stadt an allen möglichen Ecken verteilt stehen? Man kann seine gelesenen, unliebsamen, falsch geschenkten oder doppelt im Regal befindlichen Bücher dort hineinstellen, damit sich andere daran erfreuen. Manche tun das bei hellstem Tageslicht und sind stolz, der Allgemeinheit ihre teuersten Schätze anzuvertrauen, andere schleichen bei Nacht und Nebel drum herum, um dann blitzschnell in einem unbeobachteten Moment den 15 Jahre alten Diercke-Weltatlas ihrer inzwischen erwachsenen Kinder in die Buchreihen zu quetschen.

Ich fand sogar schon medizinische und juristische Studienunterlagen aus den Achziger Jahren. Vermutlich sind die ehemaligen Studenten längst Besitzer gut gehender Arztpraxen und Kanzleien und würden ihre Eltern aus datenschutztechnischen Gründen vierteilen, wenn sie ahnen würden, was die jüngste Entrümpelungsaktion des elterlichen Kellers an Folgen nach sich gezogen hat.

Ich schweife ab – zurück zur jüngst beobachteten Sammelgier: Ich komme an keinem dieser öffentlichen Bücherschränke vorbei, ohne mit altsteinzeitlich geleitetem Stammhirn darin herumzujagen und meine gefundenen Trophäen mit geschwellter Jägerbrust heim zu tragen. Ganz egal, ob das Gefundene nun sinnvoll ist oder nicht.

Den alten Schul-Atlas, in dem noch die ehemaligen Grenzen von Ex-Jugoslavien und der DDR zu finden sind, habe al­ler­dings auch ich stehen lassen. Aber sonst ist fast nichts sicher vor meinem Zugriff.

Ähnlich verhält es sich im Urlaub. Mit unserem Wohnmobil stehen wir immer wieder auf Campingplätzen, wo es eine Art Wanderbibliothek gibt, die sich meist neben den Waschmaschinen befindet. Dort stellt jeder das hinein, was er gelesen hat und dem allgemeinen Höchstgewicht eines Caravans oder Wohnmobils nicht zuträglich ist. Man möchte ja zwi­schen­durch auch mal ein Souvenir kaufen und dann muss eben der 700-seitige Schmöker weichen – und der wandert dann zu uns, sehr zur Freude meines Mannes, der uns wegen Überladung schon zwangsverhaftet an der Schweizer Grenze sieht.

Meine größte Angst im Urlaub ist nicht etwa krank in einem nicht optimal ausgestatteten Hospital am Ende der Welt zu liegen oder mit gestohlenen Papieren mittellos am Straßenrand zurückgelassen zu werden, sondern plötzlich feststellen zu müssen, dass am Ende des letzten Buches noch etwas Urlaub übrig ist. Unvorstellbar!

Vielleicht kommt daher die ausgeprägte Sammelgier und dahinter steckt ein nachkriegszeitliches Vorsorgen für schlechte Zeiten. Ich bin damit aber offenbar nicht al­lein, denn neulich erzählte eine liebe Freundin mit schreckgeweiteten Augen, dass ihr doch tatsächlich am ersten Urlaubstag in der piemontesischen Provinz ihr Kindle kaputtgegangen sei und das mit gefühlt 78987 geladenen Buchtiteln darauf. Das muss ja noch schlimmer sein, als kein neues Buch mehr dabei zu haben. Ich kann ja wenigstens die alten wieder aufwärmen und mir einbilden, es sei ein Sauerkrautgericht, das bekanntlich erst am zweiten Tag so richtig gut schmeckt. Inzwischen habe ich Fortschritte in Richtung Loslassen von Büchern gemacht und zumindest im Urlaub schaffe ich es, bereits Gelesenes und insbesondere die besprochenen Kinderbücher wildfremden Kindern in die Hand zu drücken. Um nicht in den Ruf einer schrägen Alten zu kommen, die kleine Kinder mit Büchern statt Schokolade in finstere Campingplatzecken lockt, frage ich vorher artig bei den mitgeführten Eltern nach.

Die gegenseitige Freude über den Besitzerwechsel lässt nicht nur mir, sondern auch unserem mobilen Zuhause Flügel wachsen.