Warum schreit das Kind nur? – Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Raphael Becker

Neulich waren wir in Italien auf einem Campingplatz. Mit uns waren dort viele nach Urlaub schmachtende junge Familien. Die Kinder im Alter von gerade geschlüpft bis vier hüpften vergnügt über den Platz oder fuhren mit ihren Laufrädchen tollkühne Kurven. Ab und an verschenkten sie auch besonders netten Campingnachbarn Muscheln. Wir gehörten dazu und ich wurde vertrauensvoll Oma genannt. Was der jungen Mutter anfangs etwas peinlich war, fand ich allerliebst. Mich Unbekannte reihte das Kind damit in die Riege der vertrauenswürdigen Personen ein. Ich fühlte mich geadelt. 

Spannend war das unterschiedliche Schreiverhalten der Kinder um uns herum. Wenn ich meinen Mann leicht angespannt fragte „Warum schreit das Kind nur?“, antwortete er lakonisch „Ich kann da keinen Unterschied erkennen, klingt alles gleich laut.“ Soso, bei fremden Kindern hört er also keine Schreinuancen raus, zum Glück hat das damals bei den eigenen besser funktioniert. Wenn ich bloß an die Schreckensfahrten mit blutendem Kind im Arm zur Notaufnahme denke… 

Am einfachsten ist die Erklärung bei den ganz Kleinen. Dieses jämmerliche Weinen, was nur wenige Ursachen haben kann: furchtbaren sofort zu stillenden Hunger, feuchtwarmes duftendes Windelklima oder schlimmste Einsamkeit. Wenn so ein Menschenjunges diese armseligen Laute von sich gibt, kämpfe ich mit imaginärem Milcheinschuss und sofortigem Beschützerinstinkt. Zum Glück geht es den leiblichen Eltern ähnlich, sodass die Babys schnell mit Weinen aufhören können, außer sie leiden unter akutem „Bäuchlesweh“. Himmel hilf, das geht an die Nerven und ich fühle mit allen Beteiligten in den höchsten Tönen mit. Das hatten wir nämlich auch, ganze vier Monate lang. Dabei heißt es doch Dreimonatskoliken. 

Dann sind da die kleinen Menschlein, die beim Aufwachen noch nicht ganz wieder auf dieser Welt gelandet sind und kreuzunglücklich weinen ob dieser Tatsache. Auch da will ich reflexartig trösten, halte mich aber zurück. Das könnte schnell im falschen Hals landen. 

Ganz süß sind kleine Schreihälse, die unbedingt etwas zeigen wollen, was sie gerade besonders gut können. Ihr Schreien fängt meist mit „Mama, Papa guck mal“ an und geht mit „was ich kann“ weiter. Ob besonders gut rutschen, planschen, Sand werfen, den Kescher betätigen, Eislutschen oder Muscheln sammeln. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Während Mütter meist begeistert applaudieren und „Das hast du aber toll gemacht“ rufen – übrigens immer mit sehr hoher Stimme, aber das nur am Rande – reagieren Väter oft etwas zeitverzögert, zumindest in meiner bescheidenen Feldforschung. Spannend wird es, wenn ein Rollentausch stattfindet.

So beobachteten wir einen Vater, der begeistert mit seinem etwa vierjährigen Sohn eine Sandburg baute. Er schleppte eimer-weise Wasser an, füllte Förmchen und hämmerte die Wände glatt. Außerdem wurde das Loch in der Burgmitte bedrohlich tief, sodass wir schon mutmaßten, am nächsten Morgen Australier auf dem Platz begrüßen zu dürfen. Während das Kind inzwischen müde am Burgrand saß, kommentierte der emsige Vater ohne Unterlass sein Tun und sagte doch tatsächlich „Guck mal, wie toll der Papi das kann“. Wir amüsierten uns prächtig. 

Besonders gerne mag ich auch die kleinen Schreierle, die einfach aus purem Vergnügen lauthals vor sich hin krähen. Bei italienischen Kindern ist das übrigens völlig normal, ihre Lautstärke ist egal, was gerade passiert um die drei, vier Umdrehungen lauter, als bei anderen Kindern. Sie kennen das von ihren Eltern, die eigentlich immer in ihre Handys schreien, als gelte es die Entfernung nach Neapel oder Genua ohne Telefon zu überbrücken.

 Traurig machen mich jene Kinder, die durchgehend im Schreimodus sind, weil sie sowieso niemand wahrnimmt. Derer gab es nur selten welche beim Campen. Schwierig sind diese armen Söckchen für all jene, die die Weghörmethode der gelangweilten Eltern nicht beherrschen. 

Und dann sind da noch die kleinen Zornnickel, deren Schreien sich sirenenhaft steigert, um dann zu ungeahnter Kraft heranzuwachsen. Gerne verbunden mit sich auf dem Boden wälzen, etwas zertrümmern oder sich wütend die Schuhe oder Kleider vom Leib reißen. Aus purer Dollerei macht ein Kind das eigentlich nicht, finde ich. Irgendetwas ist dann richtig schlimm und das kann in den Augen Erwachsener eine komplette Nichtigkeit sein. Trösten und einfühlsames Reden hilft meistens und zum Glück beherrschen die meisten jungen Eltern diese hohe Kunst. Die älteren Wohnwagennachbarn erfahrungs-gemäß eher weniger. 

Zum Schluss gibt es noch die markerschütternden Schreie, die zum Glück jeder versteht und mir die Tränen in die Augen treiben, wenn so ein kleines Menschlein sich weh getan hat. 

„Warum schreit das Kind nur?“ ist also gar keine so dramatische Frage. Mit etwas Ruhe und Gelassenheit kommt man in der Regel der lautstarken Sache schnell auf den Grund. Dumm nur, dass ausgerechnet Ruhe und Gelassenheit  kostbare und oft rare elterliche Güter sind im trubeligen Alltag mit kleinen Kindern.