Reisen? – Kolumne von Eva Unterburg

Mein Verleger meinte, ich solle doch etwas zum Thema Reisen schreiben. Das sei schließlich das Thema der Februarausgabe. Witzig der Mann. Reisen ist gerade so weit weg, wie ich von einer Matheprofessur. 

Obwohl – was natürlich immer geht, sind Zeitreisen. 

Wieso nicht mal mit den Kindern ein paar Stunden in die Römerzeit entfliehen? Dann wird der eigene Wohnblock zur Insula und das heimische Klo zur öffentlichen Latrine. Weg mit der Klorolle, her mit dem Schwamm am Stock. Statt Fernsehen gibt es eine tragische Komödie und zwar selbst einstudiert und mit vorher eigens gebastelten Masken dem staunenden Publikum in Form eines Elternteils vorgeführt. Das Elter nagt statt Popcorn Walnüsse dazu und hat mittels Kissen das Wohnzimmer vorher in ein Amphitheater verwandelt. Zwischen-durch lässt man sich vom Sklaven etwas Fingerfood reichen, eine gefüllte Dattel vielleicht oder ein paar rote Trauben. Selbstverständlich gibt es im Anschluss beim großen Festmahl die feinste Fischsauce, die im ganzen weiten Imperium Romanum aufzuspüren war – gleich nebenan beim Asialaden beispiels-wei-se. Schmeckt exakt so, wie einst das römische Garum. Man nennt sich Lavinia oder Claudius und erklärt den Carport zum Forum Romanum. 

Andere Zeit, andere Location: her mit den Kammerzofen und Perückenmachern. Mit den Wattebeständen der letzten Jahre zaubert man im Nu eine Kopfbedeckung, die eines Sonnenkönigs würdig wäre. Vorher wird gelost, wer sich mit Ero Gnaden ansprechen lassen darf und über die uneingeschränkte Macht verfügt. Als Eltern sollten Sie sich diesbezüglich im Vorhinein einig sein, dieses absolutistische Privileg kann sich nämlich schnell zum familiären Supergau entwickeln. Dann könnten wahllos Todesurteile ausgesprochen werden oder aus einer Laune he-raus der Abriss der königlichen Remisen beschlossen werden. Und Ihren Einbauschrank wollten Sie viel-leicht doch noch behalten. 

Hat man aber einen gütigen Herrscher erwählt, so kann man mit manch einer Lustbarkeit rechnen. Brennende Kandelaber und prächtige Tafelaufsätze auf dem reich gedeckten Tisch. Dazu gehobene Konversation auf Französisch versteht sich und schon klappt das mit dem Homescooling. Etwas Händel von den Musikern – Blockflöte geht zur Not auch, dann verlegt man den Hof einfach nach Sanssouci und stellt sich den heimischen Dackel als einen von Friedrichs Windhunden vor. Die barocken Kostüme sind aus Opas alter Kniebundwanderhose, feinen Damenstrümpfen und einem zum Dreispitz zusammengetackerten Herrenhut schnell hergestellt. Ein weites Satinnachthemd wird dank diverser Kissen um die Hüfte, einiger Geschenkschleifen und etwas Glitzerkram, plus duftiger Spitze hier und da zum topmodischen Barockensemble für die Dame von Welt. Dick Penatencreme aufs Gesicht, mit dem schwarzen Kajal noch einen Schönheitsfleck auf die Wange und schon fächelt man sich mit dem Souvenir aus dem letzten Spanienurlaub Luft zu. Etwas Lustgewandel zwischen den Hecken im Garten und vielleicht ein, zwei gezündete Leuchtraketen vom vorletzten Jahreswechsel und voilà: ein gelungener Tagesabschluss à la Barock!

Bei solchen Zeitreisen tun sich even-tuell einige Fallstricke auf, die sich nachhaltig auf die Familienstruktur auswirken können. Das berühmte Lutherzitat beispielsweise „Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es Euch nicht geschmecket?“ könnte auch über den Tag im Mittelalter hinaus bei Ihren Kindern hängenbleiben. Bei der nächsten Hochzeitsfeier wird es vermutlich wenig Anklang finden… 

Den letzten Steinzeittag überlebt eventuell der prachtvolle Koi des Nachbarn nicht, wenn die selbstgeschnitzte Harpune Ihres Sohnes besser funktioniert als gedacht. Vielleicht möchten Ihre Kinder aber auch für Jahrtausende bleibende künstlerische Eindrücke hinterlassen und gestalten ihr Kinderzimmer ganz neu im Stil der Höhle von Lascaux. An den eigenen Haaren hinterhergezogen zu werden, finden auf Dauer auch alle kleinen Schwestern nicht gut. 

Nach einem Wikingertag zum Beispiel kann es sein, dass die Messer und Gabeln in Ihrem Besteckkasten dem Hausgebrauch nicht mehr zuzuführen sind, weil die ersten Schmiedeversuche Ihrer Kinder nicht den gewünschten Erfolg zeigten. Statt Hieb- und Stichwaffen nur verbeultes Metall. Und Met ist auf Dauer kein Kindergetränk, auch wenn Ihre Kinder das ganz anders sehen. Und Ihre Rolle als Kammerzofe werden Sie vermutlich erst dann wieder los, wenn Ihre Tochter ausgezogen ist. 

Überlegen Sie also gut, wohin Ihre nächste Zeitreise in den eigenen vier Wänden gehen soll. 

Bon voyage!