Ramses in der Stadt!

Kolumne von Eva unterburg

Ramses Sonderausstellung im Badischen Landesmuseum, Gezeichnet von Günter Land

Und das lockt die Menschen in Massen ins Museum. Auch Lehrermenschen mit ihren Schülern stehen erwartungsfroh vor der großen Kolossalstatue im ersten Saal und hören von all den Superlativen, die Ramses der Große so zu bieten hatte. Außergewöhnlich langlebig, besonders bauwütig,  größer als seine Mitmenschen, politisch ausgesprochen erfolgreich, vergöttlicht schon zu Lebzeiten…. da wird man ganz klein angesichts dieses Titanen.

Das Alte Ägypten hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber all den anderen Geschichtsepochen, die in den Curriculae deutscher Schulen abzuarbeiten sind: es fasziniert alle!

Selbst die hartgesottensten Pubertiere, die mit extrem lässiger Haltung im Eingangsbereich des Museums die Stufen hochtrotten und gelangweilt in die Runde blicken, bekommen beim ersten Erwähnen der Mumifizierungstechniken einen glasigen Blick. Ohne weiter über ihre Lässigkeit nachzudenken steuern sie wie aus der Pistole geschossen sachkundige Wortbeiträge bei über das fachgerechte Entfernen des Gehirns mittels Metallhaken durch die Nase.

„Wie und geschminkt haben sich im Alten Ägypten auch die Männer?“ Ab Klasse sieben folgt jetzt eine rege Diskussion zwischen den Geschlechtern, immer wieder unterbrochen von wildem Gelächter und Aussprüchen wie „Voll Panne“ und „krass“.

Grundschuljungen beginnen schon mal damit, ihrem als Pharao verkleideten Mitschüler heftig zu huldigen und sich kniend auf den Museumsboden zu werfen –  sehr zur Freude der ältere Besucher.

Allen Altersklassen gemein ist die, während einer Führung immer wieder aufs Neue gestellte Frage „Ist das original?“ Allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass mit jedem ausgestellten Objekt  eine Zeitreise von rund 3300 Jahren verbunden ist. Da muss man schon mal ein zweites und auch achtes Mal nachfragen.

Mein Favorit im Bezug auf vorhersehbare Fragen ist ein Objekt etwa in der Mitte der Ausstellung. Es handelt sich um eine Grabbeigabe in Form einer kleinen Tonschale, die mit rundlichen Früchten gefüllt ist. Was an vergessene Granatäpfel erinnert, die von vitaminabholden Jugendlichen während einer elterlichen Urlaubsabwesenheit nicht eines Blickes gewürdigt wurden, sind in Wahrheit Perseafrüchte und Doumplanüsse –  altägyptische Gaumenfreuden, jetzt ziemlich schrumpelig und dünnwandig. 

Auch der Hinweis auf die Zeit, als diese exotischen Köstlichkeiten noch prall und saftig waren, nämlich vor geschätzten 3500 Jahren kann jene Frage nicht aufhalten, die immer an dieser Stelle der Führung in den Raum geworfen wird, gerne auch von mehreren Schülern gleichzeitig, nämlich – Achtung, jetzt kommt‘s – „Sind die noch essbar?“ Ganz gleich, ob Grundschule, Gymnasium, Werkrealschule – die Frage kommt, so sicher, wie das Amen in der Kirche. Ich schließe schon mit mir selbst Wetten ab, wer sie wohl als Erster stellen mag. Sehr amüsant.

Von gesteigertem Schüler-Interesse sind auch die 100 bekannten Kinder, die Ramses im Laufe seines langen Lebens gezeugt hat. Beim Vergleich mit einer heutigen Kleinstfamilie ist seine Fortpflanzungswut wirklich äußerst beeindruckend. Ich warte schon immer, bis der oder die Erste gedanklich umsetzt, was ich da gerade erklärt habe und die Kopfkinos zu laufen beginnen, sobald ich von den Ehen im allerengsten Familienkreis erzähle. Ungläubigem Staunen folgt nicht selten ein „Ihh, das wollte ich aber nicht, meinen eigenen Papa heiraten“. Bei Götters und Pharaos war das gang und gäbe damals.

Nach etwa einer Stunde Ramses rauf und runter kommt man dann im sogenannten Ramses-Lab an, dem Eldorado aller Mumifizierungsfans. In der Mitte dieses Entdeckerraums mit Medienstationen, echter Katzenmumie und Holzsarkophagen zum Auseinandernehmen wie kleine Matroschkas steht eine große Vitrine mit einer Mumie. Sie ist mit ihren Blütenkränzen aus Plastik und dem jungfräulichen Leinenstoff EINDEUTIG neuesten Datums. Dennoch  – Sie ahnen, was jetzt kommt – wird noch bevor die jeweilige Klasse sich im Rund um die Vitrine versammelt hat, explosionsartig die Frage in den Raum geschleudert „Ist die Mumie echt?“

Zu und zu schön, wie man manches Mal die Gedankengänge von Kindern und Jugendlichen im Museum vorhersehen kann, fast als hätte man mediale Fähigkeiten. Wenn das nur immer so ginge, sämtliche Hausaufgabenquerelen, Aufräummotivationskampagnen und Nullbockaufallestage könnten im Vorhinein lokalisiert werden und durch geschickte Ausweichmanöver umgelenkt in sinnvolle, entspannte Tätigkeiten wie Klavierspielen, Waldspaziergänge oder Brettspielabende. Was wäre das Leben schön! Als kleine Alternative kann ich Ihnen nur anbieten: Geben Sie Ihr Kind demnächst einfach mal in einer Familienführung ab, die jeweilige Führungskraft wird jedes seiner Regungen im Voraus wissen. Magic Ramses sei Dank!