Ja ist denn heut’ schon Weihnachten?

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Raphael Becker

Ich hab‘ noch Franz Beckenbauers legendären Werbeslogan im Ohr (bin halt schon älter), als ich wieder einmal einen weiten Bogen um die riesige Lebkuchen-Zimtsterne-Nikolaus-Insel im Supermarkt meines Vertrauens mache. Was angesichts der kleinen Räder des übervollen Einkaufswagens gar nicht so leicht ist. Und ob meiner aufkommenden Gier nach Zimt und Nelken schon dreimal nicht. Wie hinterlistig sind diese Verkaufsstrategen eigentlich, die mich seit September mit ofenfrischen Biolebkuchen locken? 

Was bei spätsommerlichen Temperaturen und Kürbisdeko noch recht leichtfiel, wird von Nebeltag zu Nebeltag schwerer. Der Einkauf wird zum Spießrutenlauf, denn inzwischen schießen die Aufsteller mit Weihnachtsschokolade, leckeren gefüllten Kalendern und Schokokugeln wie Pilze aus dem Supermarktboden. 

Als Ablenkung gönne ich mir eine Amaryllis. Inzwischen ist es die Vierte, die zuhause ihrer Vollendung entgegenblüht. Apropos zuhause: Dort schleiche ich auch schon in jeder freien Minute um den Weihnachtsschrank und zähle die Tage am Kalender, bis es endlich losgehen kann mit dem Dekorieren. Als Allererste möchte man schließlich auch nicht mit bunten Sternen und allem möglichen Firlefanz am Haus auffallen in der Straße. Obwohl neulich unweit beim nächtlichen Heimkommen schon erste Lichterketten zu sehen waren. Vermutlich sind das aber Allwetterketten, die ähnlich wie ihre Gummi-Genossen am Auto das ganze Jahr draußen sein dürfen.  Im Spätherbst eingestöpselt verwandeln sie dann alljährlich die Säulenzypresse im Vorgarten in einen stylischen Weihnachtsbaum.

Dieses Weihnachten muss man einige Konstanten unbeirrt beibehalten. Solche Dinge wie Deko, Plätzchenbacken und Weihnachtsliedersingen mit den Kindern zuhause, denn alles andere ist einfach zu fragil, um einer verlässlichen Planung unterzogen zu werden. 

Adventskonzert zum Mitsingen, Kaffeekränzchen am heimischen Klavier, Kirchgang am Weihnachtsabend? Alles nicht sicher ob der Coronasituation. Krippenspiel mit Hauptrolle, Weihnachtsfeier in der Kita, Glühweinabend in der Schule? Auch das steht in den Sternen. Treffen auf dem Weihnachtsmarkt, Tante Ruth über die Festtage und mit den Großeltern in den Schnee? Auch das fraglich. 

Wir bleiben einfach offen für alles und freuen uns an jedem Lebkuchen, jeder vorgelesenen Weihnachtsgeschichte und jedem geöffneten Adventskalendertürchen. Wir basteln und schmücken, wir spazieren und spielen, wir freuen uns des Lebens und verbreiten Licht und Liebe um uns. Mehr braucht es sowieso nicht an Weihnachten. Ihnen allen von Herzen ein gesegnetes Fest!