Leben in Karlsruhe

Betrachtungen zum Thema „Wohnen mit Kindern“ von Philipp Grosse

Wie ihr in der letzten Ausgabe erfahren haben, lebte unsere neugeborene Tochter Bo vor ihrem Einzug bei uns in ihrem mobilen Gebärmutter-Tinyhaus und genoss VIP-Status mit allem Drum und Dran, Vollverpflegung und mietfrei. Als sie dann erfahren hat, dass in Karlsruhe teilweise um die 14 Euro pro qm an Miete verlangt wird, ist sie mir beinahe vom Wickeltisch gesprungen.

Tatsächlich ist Familie und Wohnen auch bei uns ein ständiges Thema. Wir sind immer wieder dankbar dafür, wie privilegiert und günstig wir wohnen dürfen. Nämlich in einem gemeinschaftlich organisierten Wohnprojekt, das uns eine extrem günstige Miete ermöglicht. Hier gibt es etwa 200 Bewohner/-innen und 300 dazugehörige Meinungen, Prozesse und Entscheidungsfindungen gestalten sich spannend und anonymes Wohnen mit neugeborenem Kind gibt‘s nicht wirklich. Das ist nicht für jeden was, aber für uns die perfekte Alternative zum normalen Mietwahnsinn. Vor allem können wir dadurch weniger Zeit mit Arbeit und dafür mehr mit der Familie verbringen.

Kaufen?

Wir hatten mal die Idee vom Eigenheim und sind dann zu einem Beratungstermin bei einer kriegstreiben-den Bankfiliale gegangen. Nach einem ernüchternden Gespräch war das Thema vom Tisch. Wir sind dann erstmal feiern gegangen, haben unser Erspartes auf den Kopf gehauen und waren am nächsten Morgen stolze Besitzer eines Lastenrades.

Was brauchen wir eigentlich?

Wir stellen uns regelmäßig die Frage: „Was brauchen wir zum Wohnen mit der Familie?“ Ein ganz wichtiger Punkt für uns ist Zeit. Zeit, die wir zusammen verbringen können. Daher war uns schon vor der Ankunft unserer Tochter klar, dass wir niemals unseren Lebensschwerpunkt auf das Beschaffen von Geld und Luxusgütern legen möchten, sondern lieber etwas weniger arbeiten wollen und dafür mehr Zeit haben. Ich habe mal gelesen, dass man sich Zeit kaufen muss und genau das tun wir. Wir fliegen keine dreimal im Jahr in den Urlaub, Auto haben wir auch keines, wenn eins benötigt wird, greifen wir auf Carsharing zurück. Stattdessen fahren wir mit unserem Lastenrad durch die Weltgeschichte.

Wohnen in Karlsruhe…

Gewohnt haben wir in schon in so einigen Buden in Karlsruhe. Als wir in die Fächerstadt gekommen sind, haben wir die Wohnung von einem Freund in der Weinbrennerstraße übernommen. Um uns herum die schönsten Altbauwohnungen, aber wir wohnten in einem schwitzigen Schnellbau. Ich habe dort die totale Krise bekommen… die Wände und Decken kamen immer näher und die Aussicht auf die Schickimicki-Altbaupaläste hat das Wohlfühlklima für uns nicht gerade angenehmer gemacht.

Um so erfreuter waren wir, als der Einzug in das Vorderhaus des Gewerbehofs geklappt hat. 130 qm Altbau mit zwei Ölöfen… Wir hatten unser Schlafzimmer in einem ohne… In unserem ersten Winter hatten wir das Gefühl, Darsteller in M. Night Shayamalans „The Sixth Sense“ zu sein, daher ließen wir die Wohnung mit einer Gasheizung ausstatten, was natürlich eine Mieterhöhung zur Folge hatte… Da uns die Wohnung sowieso viel zu groß war, machten wir eine große 5er WG daraus. Das waren witzige Jahre. 

Als die Arthrose unserer Hündin schlimmer wurde und der vierte Stock nicht so prall ist für kaputte Gelenke, sind wir spontan in die Adlerstraße gezogen. Die Miete war deutlich teurer und die Wohnung völlig heruntergerockt. Schnell haben wir wieder einen Mitbewohner mit ins Boot geholt und gleichzeitig beschlossen, dass wir da wieder wegmüssen.

Mein lieber Herr Gesangsverein! Man hört ja so einiges über die Adlerstraße und dass sich da gerne mal die zwielichtigen Gestalten aus Mittelerde versammeln. Und was soll ich sagen… genau so ist es.

Die Cops rasen die Straße hoch und runter, Blaulicht und Sirenen Tag und Nacht und ständig sind irgendwelche Razzien in den Geschäften, man kommt sich vor wie in einem Action Film.

Sehr erfreulich allerdings war es dann, als die Einheimischen dieser Parallelwelt erkannten, dass wir nun in ihrem Kiez wohnen und dadurch irgendwie dazugehörten. Auf einmal wurden wir freundlich von Menschen gegrüßt, denen ich zuvor aus dem Weg gegangen wäre. Man hatte lustige Tür-und-Angel-Gespräche mit dem Pittbullbesitzer aus der Nachbarschaft und merkte schnell, dass der Hund tatsächlich nur spielen will. Am meisten vermissen wir Hassan aus dem Kiosk an der Ecke, der uns zuverlässig mit Zigaretten und Limo versorgte und stets einen korrekten Preis erfand, irgendwie haben wir da nie das gleiche bezahlt, obwohl wir immer das gleiche gekauft haben.

Happy End!

Das Wohnprojekt, in dem wir nun leben, ist im Vergleich zur Adlerstraße wie eine andere Welt. Wir haben hier sehr viel Grün um uns herum, kein Stadtlärm und den Wald direkt vor der Tür. Als Ida das erste mal von unserer jetztigen Wohnung erfuhr, war ihr erster Satz: „Ich will nicht auf‘s Dorf ziehen!“ Das fand ich sehr belustigend, weil wir mit dem Rad keine zehn Minuten bis zum Schloss brauchen. Mittler-weile will sie hier nie mehr weg und ich auch nicht. 

Und Bo? Ein Jackpot für Kinder. Der perfekte Mix aus Stadt und Natur. Philipp Grosse