Die Hygge meiner Kindheit

Ich beneide die Kinder von heute manchmal um ihre Kinderzimmer. Eigentlich ist es mehr die Zentralheizung, um die ich als Kind froh gewesen wäre. Mit Eisblumen an den Fenstern wach zu werden, fördert zwar die Geschwindigkeit des Insbadflitzens ungemein, ist aber recht ungemütlich an dunklen Wintermorgenden und alles andere als hyggelig.
Das aufgestockte alte Bauernhaus meiner Kindheit hatte mit völliger Selbstverständlichkeit keine Heizung in den Schlafzimmern, sodass man abends unter ein dickes Federbett kroch von der Höhe eines mittleren Kirchturmes und dem Gewicht einer ausgewachsenen Kuh. Irgendwo am unteren Ende befand sich die wohlig heiße Wärmflasche, die so lange im Bett hin und her geschoben wurde, bis man es endlich überall warm hatte oder zwischenzeitlich eingeschlafen war.
Bis heute ist mir die Vorliebe für eiskalte Luft in der Nacht aus diesen Kindertagen geblieben. Schon das Übernachten bei Freundinnen im Teeniealter bei 21 Grad Raumtemperatur war ein mittlerer Saunagang. Dagegen fanden es meine Freundinnen bei mir sehr steinzeitlich, vor allem inmitten der alten Möbel mit Altomacharme. Was heute vielleicht als Vintage durchging, war damals ziemlich Panne. Wie gerne hätte ich eines dieser giftgrünen oder grellorangenen Jugendzimmer der 70er gehabt mit integriertem Schreibtisch und Flokatiteppich, der Staubmilben von der Größe eines Hirschkäfers beherbergen kann, ohne überhaupt aufzufallen.
Apropos Haustiere: Als ich mit neun meinen ersten Goldhamster bekam, zog der selbstverständlich in mein Zimmer ein, denn mit zwei Katzen im Haus brauchte er ein sicheres Refugium. Das possierliche Tierchen ratterte nachts in seinem Rädchen und war abends zum geselligen Spiel aufgelegt. Als die kalte Jahreszeit begann, zog er sich allerdings immer mehr zurück, bis ich eines Morgens mit Schrecken feststellte: er bewegt sich nicht mehr! Was ich unter Tränen als finales Ende eines Hamsterlebens interpretierte, war, wie sich später in der warmen Küche herausstellte nur ein akuter Anfall von Winterschlaf. Denn kaum hatte ich das scheinbar leblose Wesen in meinen warmen Händen in den geheizten Wohnbereich getragen, wurde das Kerlchen höchst lebendig und verlangte nach Knabberzeug.
Außer Schlafen fand in unseren Kinderzimmern nicht viel statt, gespielt wurde im Sommer ausschließlich draußen mit allen Kindern, die gerade verfügbar waren. Und im Winter in der Diele oder der Küche.
Der Verleger meines Vertrauens erzählte mir gerade, dass die Küche bei ihm zuhause gerade so groß war, dass sein Laufstall hineinpasste und seine Mutter um ihn herumarbeitete. Fiel ihm ein Spielzeug nach draußen, kletterte er mal eben über die Stäbe, um dann sofort im Inneren weiterzuspielen. Das glückliche Versunkensein in Fantasiewelten klappte unter diesen Umständen also ebenso, wie in heutigen Kinderzimmern mit ihren farbenfrohen kindgerechten Möbeln, den fröhlichen Spielteppichen und tollen Schaukelelementen. Und Eisblumen sind heute sowieso mit oder ohne Zentralheizung nicht mehr zu erwarten.