Kindergeburtstage

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Raphael Becker

Neulich feierten wir einen Dreißigsten, nur über facetime aus der Ferne, aber umso herzlicher. 

Die geneigten Eltern, also wir, hatten die letzten Wachsreserven aus dem Schrank geholt und so brannten tatsächlich dreißig bunte Kindergeburtstagskerzen auf den bemalten Holzringen von damals. Es wurde im Nullkommanichts sehr warm und deshalb sollte das Ausblasen aus der Ferne doch schneller von Statten gehen, als ursprünglich geplant. Mein Mann warf sich in Positur, ich mich ans Handy, er pustete und pustete, es rauchte heftig und ich wollte das filmische Kleinod gleich mit dem Rest der Familie teilen. Wenn es denn etwas zu teilen gegeben hätte… 

Mal wieder im falschen Moment nicht gedrückt, also alles von vorne. Kurzum, der Film entstand dann doch in ganz passabler Qualität und die jüngst jungfräulichen strahlend weiß gestrichenen Wohnzimmerwände erhielten schneller als gedacht ihre erste Patina. 

Eltern werden in solchen Momenten gerne sentimental, erinnern an die Freuden und Schrecken der Geburt, gerne in Einzelheiten, die erwachsene Geburtstagskinder erst wieder hören möchten, wenn sie selbst im Kreißsaal sitzen. In unserem Fall kamen zudem lebendige Bilder höchst wuseliger Geburtstagsfeiern aus der Adoleszenz unseres Sohnes hoch. Der Piratengeburtstag zum Beispiel mit der lebensmittelfarbegeschwängerten Torte, rotem Kopftuch und schwarzer Augenklappe. Das Marzipan von damals absorbierte die Lebensmittelfarbe in gesundheitlich bedenklichen Mengen bis zum gewünschten Farbeffekt. 

Heute würde ich vermutlich rote Beete kochen. Dann waren da all die Spiele und selbstgemachten Dekorationen, die schon tage-lang im Kopf unseres Sohnes herumschwebten und Gestalt annehmen wollten. Überall Papier und Glanzfolie, trocknende Bilder und klebrige Stellen auf dem Tisch. Kribbelige Vorfreude durchströmte ta-g-e-lang das Haus und entlud sich in wilden  Willkommensgesten am Tag der Feier. Dann wurde gespielt, gegessen, gebastelt und vorgelesen, was das Zeug hielt und wenn die letzten Kinder wenige Stunden später abgeholt wurden, hatten wir Eltern immer das Gefühl etwas SEHR Großes geleistet zu haben. Oft hatten wir allerdings  vergessen, das Ganze für die Nachwelt festzuhalten, sodass heute so Manches ins Unermessliche gesteigert wird, fürchte ich. 

Aber schön war es immer, auch wenn das Haus hinterher aussah wie nach einem Tsunami und das Kind völlig ermattet darniederlag. Es folgten Gruselgeburtstage mit schleimig aussehenden grünen Kuchen und wilden Verkleidungen, dann erinnere ich einen Südseegeburtstag und einen in der Steinzeit. Mit Bollerwagen und selbstgemachtem Werkzeug ging es raus in den Wald mit der Lizenz zum Einsauen. Die Kinder waren danach so müde, dass wir Mühe hatten, das rettende Haus wieder zu erreichen. Vermutlich waren uns alle abholenden Eltern dankbar für einen lang ersehnten Abend zu zweit. 

Dann gab es noch die Kegelei im altehrwürdigen Kegelambiente hier am Ort. Als Fachfremde machten wir offenbar so Manches falsch, was uns erst die strafenden Blicke der Damen und Herren an der Nachbarbahn unmissverständlich aufzeigten. Aber wie soll man die unbändige Freude eines Elfjährigen in der Lautstärke zügeln, wenn der Wurf endlich mal gelungen ist und die Kugel nicht schon wieder traurig an der Bande entlang ihrem seitlichen Ziel entgegengekollert ist, ohne auch nur einen einzigen Kegel von Nahem gesehen zu haben? Vielleicht hätten wir vorher üben sollen. 

Aber Kindergeburtstage sind immer Wundertüten, jede noch so gute Planung kann in sich zusammenrutschen, wenn nur ein einziges Gastkind das gefürchtete Wort „LAAAANGWEILIG“ in den Raum wirft. Ganz gefährlich! Die Stimmung kann unter den maßlos enttäuschten Blicken des eben noch so glücklichen Geburtstagskindes kippen, es ist fast magisch. Dann gilt es, das Ruder rumzureißen und dem inneren Drang, dieses besagte Gastkind sofort nach Hause bringen zu wollen, mit Macht zu widerstehen. Was nicht leicht fällt. Ein Tipp, versuchen Sie beim nächsten Geburtstag unterschwellig Einfluss auf die Gästeliste zu nehmen. Nicht sehr redlich, ich weiß, aber extrem hilfreich für das Gelingen eines Geburtstages, den man dann mit dreißig noch gerne zusammen erinnert.