Abhängigkeit

Betrachtungen von Dipl.-Päd. Detlef Träbert

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Wenn aus Kindern Jugendliche werden, wird ihr Streben nach Unabhängigkeit zunehmend deutlich. Vorbei die Zeit, in der sie anhänglich an uns Eltern herumkletterten und oftmals mehr schmusen wollten, als wir Zeit aufbringen konnten. Aber diesen Kuschel-Luxus gibt es noch nicht sehr lange.

Bis vor rund 200 Jahren die Industrialisierung begann, lebten die allermeisten Menschen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande. Dass die Frauen mitzuarbeiten hatten, war überlebenswichtig – auch, wenn sie gerade erst ein Kind zur Welt gebracht hatten. Also mussten sie das Baby mit Hilfe eines Tuches am Körper tragen. Dafür bürgerte sich der Begriff der „Abhängigkeit“ im Sinne von „angewiesen sein auf“ oder „nicht selbstständig sein“ im deutschen Sprachraum ein. Das Kind, das auf Mamas Rücken hing, war demgemäß „abhängig“ von ihr, denn nur, wenn sie es bei sich trug, konnte sie es bei Bedarf rasch stillen.

„Abhängigkeit“ war vor der Industrialisierung also ganz wörtlich gemeint, wie es Bilder aus früheren Zeiten darstellen. Auch heute tragen nicht nur zahlreiche Mütter, sondern sogar Väter ihre Kinder gerne dicht am Körper. Bevorzugt wird eher die Brustseite als der Rücken, damit man sich der oder dem Kleinen unmittelbar widmen kann, wenn es erforderlich ist. Doch das tut man nicht deswegen, weil der Alltag anders nicht zu bewältigen wäre, sondern eher um der liebevollen Nähe willen.

So liebevoll und intensiv, wie Eltern heutzutage mit ihren Kindern umgehen, war das vor 200 und mehr Jahren den einfachen Leuten gar nicht möglich. Dazu war viel zu viel Arbeit zu bewältigen, um das eigene (Über-)Leben zu ermöglichen. Und es gab noch keine Maschinen und Automaten, keine Einwegprodukte wie Wegwerfwindeln, keine Gläschen mit Babybrei. So waren die Kleinen zwar abhängig, aber Anhänglichkeit konnte sich nicht in dem Maße entwickeln wie heute, weil die Zuwendung zum Kind insgesamt viel sachlicher und zeitlich eingeschränkter erfolgte.

Heute haben wir ganz andere Probleme im Verhältnis zu unserem Nachwuchs. Vielfach scheint es so, als seien nicht die Kleinen abhängig von ihren Eltern, sondern eher umgekehrt: Eltern tanzen nach der Pfeife ihrer Kinder! Aber wenn wir an die ursprüngliche Bedeutung „angewiesen sein auf“ denken, merken wir vielleicht, dass das nicht richtig sein kann. Kindern stehen nach heutigem Verständnis die gleichen Menschenrechte zu wie Erwachsenen, denn Kinder sind von Anfang an Menschen. Aber das ändert nichts an ihren Bedürfnissen, für deren Erfüllung von Anfang an wir Eltern zuständig sind. Sobald Bedürfnisse jedoch abklingen, weil die Kleinen nach und nach größer, älter und selbstständiger werden, müssen wir uns vor übermäßiger Verwöhnung in Acht nehmen. Anhänglichkeit im heutigen Sinn setzt nämlich voraus, unser Familienleben angenehm zu gestalten und Abhängigkeit in Freiheit und –gemeinsame Verantwortung umzuwandeln. Davon konnten die Menschen vor 200 Jahren nur träumen.