Seliger Schlaf

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Land

Hört man sich so um im Freundes- und Bekanntenkreis und fragt nach dem werten Befinden, dann fallen momentan Schlagworte wie allgemeine Ermattung, akuter Todesschnupfen und immer wieder Schlafprobleme. Bei letzterem fühle ich mich sofort angesprochen. Die Menschheit im allgemeinen, der Badener an sich und ich im besonderen : wir alle scheinen seit Jahren nicht mehr durchzuschlafen.

Wir beginnen unser Leben ja bereits mit Durchschlafproblemen. Kaum selig in Morpheus Arme gesunken, ist die Windel voll, knurrt das kleine Mägelchen oder plagt uns die Einsamkeit. Wir selbst empfinden in dieser Phase unseres Seins die betroffenen Nächste eher nicht als schlafproblematisch – eher schon unsere Eltern. Als kleines Menschlein hat man die wunderbare Gabe immer und überall zu schlafen. Vor Papas Bauch hängend und damit die erhabene Bergwelt des Pfälzer Waldes verschlafend, im dicksten Einkaufsgewühle sich an dem Gemurmel der trubeligen Massen labend und erstaunlicherweise einfach mittags im eigenen lammfellgepolsterten Bettchen.

Dieses „einfach so schlafen“ beherrschen auch alle Jugendlichen vortrefflich. Vor allem morgens und mittags. Immer dann, wenn man einen Ausflug machen möchte oder das in der pädagogischen Fachliteratur familienbildende Sonntagsfrühstück zelebrieren möchte. Dann kann es schon mal vorkommen, dass man eine komatös erscheinende Jugendlichenhülle am Tisch hängen hat, die weder Interesse an den frisch gebackenen Croissants, noch an einem regen Gedankenaustausch zeigt. Ein befreundeter Arzt erklärt solche und ähnliche Phänomene im Teenageralter gerne mit dem Wort Frontalhirnschaden und meint damit den kompletten Umbau des jugendlichen Gehirns. Sehr entlastend diese Erklärung und zwar für alle Betroffenen.

Und dann geht es mit den Schreckensnächsten richtig los. Plötzlich ist man Vater oder Mutter oder beides und weiß vor lauter Schlafmangel nicht mehr, wie man aufrecht gehen soll und wo bei der Banküberweisung der Zahlungsempfänger hinkommt. Zombigleich schleppt man sich mit schweren Gliedern durch den Tag und schaut resigniert dem wundervollen Wesen im Kinderwagen beim Schlummern zu. Schlaf wird zum lebenserhaltenden Elixier, um das beim Partner durch utopische Versprechungen gerungen wird. „Natürlich werde ich mit dir die Transalpin fahren nächstes Jahr, nur lass mich jetzt sofort eine Stunde schlafen“. Und dabei nennt man gerade mal ein Hollandrad sein eigen…

Kaum sind die Kinder groß, beginnt für uns Frauen der nächste Part im großen Schlafmangelzyklus. Da geht man nächtens in Erwartung einer erholsamen Nacht ins Bett und muss feststellen, dass alles anders kommt, als erwartet. Bitte ich will doch nur EINMAL wieder nur EINE Nacht durchschlafen! Ist das zu viel verlangt, herrje? Mit todmüdem Körper und hellwachem Kopf funktioniert das einfach nicht. Mit nächtlichen vegetativen Achterbahnen, die sich nicht zwischen arktischer Kälte und saharaheißen Wüstentemperaturen entscheiden können auch nicht…

Irgendwann werde auch ich wieder schlafen können, ich bin ganz sicher. Obwohl – hören Sie sich doch einmal um in ihrem Bekanntenkreis, da sind es gerade die Alten, die unglücklich sind mit ihrem Schlaf. Zugegebenermaßen liegt das manches Mal an einer zu hohen Erwartungshaltung, denn selbst über den Tag verteilt sind 14 Stunden Schlaf einfach nicht nötig. Aber tatsächlich gibt es auch viele alte Menschen, die die Nacht durchwandern, ewig nicht einschlafen können, um dann kurze Zeit später glockenwach herumzuliegen und aus lauter Verzweiflung das Nachtprogramm im Fernsehen anzuschauen. Was übrigens viel besser ist, als das vor-abendliche. Man muss immer das Gute im Schlechten sehen. Im Allgemeinen plagen diese Leute keine existentiellen Zukunftsängste. Sie betrinken sich nicht sinnlos oder nehmen aufputschende Drogen. Selbst einen Computer findet man höchst selten in elektrosmogverdächtiger Nähe ihrer Schlafstatt. Das Handy ruht sowieso ausgeschaltet in der Garderobenschublade.

Kolumnistin Eva Unterburg
Kolumnistin Eva Unterburg

Ich weiß es nicht und hoffe inständig, irgendwann in absehbarer Zukunft zu jenen Alten gehören zu dürfen, die sich abends vergnügt in ihre Kissen kuscheln, um ausgeruht am nächsten Morgen nach acht Stunden Tiefschlaf zu erwachen. Vielleicht kommt alles ganz anders und ich verhelfe meinen schlafentzogenen Zombi-Kindern zu einer Insel der Glückseeligkeit, indem ich ihr kleines Menschlein ein paar Nächte nehme. Ich schlafe ja sowieso nicht…