KiddyCoach Gerhard Spitzer über zuckersüße Ernährungs-Gewohnheiten

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Normalität? Gottseidank! Die weihnachtliche Schlemmerzeit ist vorbei! Sie und Ihre ganze Familie sind ganz ohne „saures Aufstoßen“ durchgekommen? Grautliere! Und? Wie geht´s den lieben Kindern so? Klar kommen die allermeisten Familien inklusive Nachwuchs nach den allgemeinen Weihnachts-Auswüchsen wieder zu ihren normalen Lebens- und Essgewohnheiten zurück.

Bloß beim Naschverhalten ist das nur allzu häufig ein wenig anders. Ein geradezu mystischer Vorgang scheint sich vielerorts Jahr für Jahr aufzubauen: Nachdem es während der feierlichen Zeit endlich so richtig von allen Seiten erlaubt gewesen ist, sich die volle Dröhnung Süßkram einzuverleiben, bleibt jedes Jahr ein bissl mehr von dieser Leidenschaft zurück. Manch ein Kind schaut jetzt noch öfters als zuvor klammheimlich nach, was gerade an Schoki & Co. daheim so eingelagert ist. „Noch mehr desselben…“, würde Paul Watzlawick sagen.

Auch Anette K., stolze Mutter eines achtjährigen Schleckermäulchens, sucht deshalb unsere heilpädagogische Ambulanz auf: „Unser Claudio möchte in letzter Zeit fast nur noch Süßes essen. Sogar, wenn er schon etwas bekommen hat, holt er sich immer wieder zwischendurch Nachschub aus der Naschlade! Wir können das kaum kontrollieren!“

Stopp! Nachtigall, ich hör’ dir trapsen! Das Stichwort, vielmehr das „Unwort“ ist gefallen: Naschlade! Der liebe Claudio ist also offenbar schon ein gewohnheitsmäßiger Schleckerich, und im zuckersüßen, immer offenen Familien-Vorrats-Speicher wird der pfiffige Sucher natürlich immer fündig. Suchtseidank!

Da beginnt sich der Kreis auch schon zu schließen. Auch Mama Anette kann ich diesen Kurzschluss nicht ersparen: „Die immer offene Naschlade ist das Problem, liebe Mom! Dieses Teil macht ohnehin schon ,süße Fratzen’ erst zu richtigen Gewohnheitstieren! Warum schicken Sie diese verführerische Einrichtung nicht einfach zum Donnerdrummel – so würde es jedenfalls die unvergleichliche Astrid Lindgren ausdrücken – und machen beispielsweise eine nette Sockenlade draus?“

Ja, gut, der Vorschlag mit den Socken würde jetzt nicht so ganz auf die für Naschladen üblichen Bereiche Küche und Essen passen, aber egal: Weg muss das Ding auf jeden Fall, wenn man Kinder wieder kontrolliert-gesund ernähren will!

Ich möchte es – wie gewohnt leicht überzeichnet – mal so ausdrücken: Würde man mich zum Ernährungsminister erwählen, was bei meiner kargen aber dafür seit langem zuckerfreien Ernährung nicht allzu wahrscheinlich ist, ich würde alle Familien-Naschladen dieser Welt achtkantig aus den trauten Häusern schmeißen…!

Meine absonderlichen Gedankengänge werden jäh unterbrochen, als Anette nach kurzer Überlegung eher kleinlaut gesteht: „Na ja, wegen meines Mannes! Er wird geradezu ungemütlich, wenn er nach einem langen Arbeitstag nichts zum Naschen vorfindet!“ Na also! Dann ist es ja endlich raus!

Eine klare pädagogische Erkenntnis, vor allem für treue Leser meiner Kolumne: Auch beim Essen und „Genießen“ ahmen Kinder nach, was sie bei den „Großen“ sehen. Sie übernehmen gute wie schlechte Gewohnheiten.

Ja, ich weiß: Das klingt schon wieder nach dem allseits beliebten Vorwurf, wonach wir Eltern schon wieder an allem schuld seien. Doch ich antworte bei meinen Kabarett-Auftritten auf solch einen Einwurf immer schmunzelnd: „Nein! Liebe Eltern, Ihr seid nicht an allem schuld! Aber an allem beteiligt!“

Ein Jahr später. In Claudios Welt hat sich so einiges verändert. Eine Naschlade gibt es schon längere Zeit nicht mehr. Vor allem aber hat ein „neuer Geschmack“ Einzug gehalten. Paps hat – sogar auf Anregung seines mittlerweile neunjährigen Sohnemanns – nach und nach eine ganz neue Leidenschaft entdeckt: Die Vorliebe für 98%ige Schokolade und überhaupt, für manch eine eher bittere Leckerei. Ja! Tatsache, Leute!

Dieses unfassbar süße Zeug von früher mögen die Beiden überhaupt nicht mehr so richtig und greifen auch im Supermarkt nur mehr sehr selten in dieses Regal. Spannend: Die fast gänzlich bittere, aber unglaublich geschmackvolle schwarze Schokolade wird bei fast allen, „Umsteigern“, die ich kenne, naturgemäß viel langsamer und damit auch in viel kleineren Portionen genossen, obendrein auch wesentlich seltener konsumiert als sämtliche Leckereien zuvor!

Gerade dann, wenn man selbst ein wenig an den Entwicklungen beteiligt gewesen ist, kann man auch selber noch so einiges daran ändern. Ein überaus entspannender Blickwinkel, finden Sie nicht? Mit diesen positiven Voraussetzungen und etwas Kreativität im Gepäck können ganz sicher auch Sie ein eventuell auffälliges Naschverhalten Ihres Kindes mühelos „runderneuern“! Klar macht es anfangs ziemlich viel Mühe, sich selbst von alten Mustern zu lösen und vielleicht auch beim Geschmack völlig neue Wege zu gehen. Zuweilen kostet es auch ein wenig Zeit. Zu diesem Thema allerdings lasse ich lieber den großen Vordenker der kindgerechten Pädagogik, Jean-Jacques Rousseau zu Wort kommen: „In der Kindererziehung sollten wir lernen, Zeit zu verlieren um Zeit zu gewinnen!“

Sie werden es mögen!