Leserbrief: „Übermorgen erst zur 3. Stunde!“

Foto: contrastwerkstatt_fotolia

Ihr Kind ist noch im Kindergarten? Glückwunsch, dann können Sie ziemlich zuverlässig darauf bauen, dass Ihr Kind betreut wird wie geplant. Sogar, wenn Sie als Mutter oder Vater so unverschämt sind, einer regelmäßigen Berufstätigkeit nachgehen zu wollen.

Grundschule? Abgesehen von den vierzehn(!) Wochen Ferien im Jahr ist auch das betreuungstechnisch meist noch irgendwie machbar. Kleine Einschränkung: Das mit der Betreuung durch die Lehrer darf man – sagen wir mal – zum Teil nicht ganz so eng sehen… Warum? Nun, wenn Ihr Kind zum Beispiel in der 3. Klasse wegen einer Erkältung nicht mit zum Schwimmunterricht in der vormittäglichen Sportstunde darf, kann es schon mal sein, dass es diese Doppelstunde dann alleine im Klassenzimmer verbringt (kein Witz!), ohne dass die Eltern darüber informiert werden. Oder Lehrer beschließen, dass ein Ausflug an der Straßenbahnhaltestelle endet (und nicht an der Schule). Wenn die dann hinter einer stark befahrenen Kreuzung liegt, ist das halt Pech. Muss man eben als Elternteil dort ein Weilchen warten. Kommt ja selten vor…

Noch „verlässlicher“ wird es oft in der weiterführenden Schule. Da bleibt Ihr Schulkind ab und zu ein paar Stunden lang zu Hause, obwohl es gesund ist und gar keine Ferien sind. Weil die Schule beschlossen hat, dass der Unterricht ausfällt. Hier ein Beispiel aus dem wahren Leben mit Fünft- und Sechstklässlern an einem Gymnasium in Karlsruhe:

• Frühjahr: Ein Tag schulfrei, „weil die Lehrer die Abi-Klausuren korrigieren müssen“. Aha. Und die unbedarften Eltern dachten immer, das Korrigieren von Klausuren gehöre zum (Vollzeit bezahlten) Lehrer-Job dazu. Auch wenn das mal nachmittags oder – zum Beispiel wegen Abitur – am Wochenende passieren muss. Zeiten mit erhöhtem Arbeitsaufkommen gibt es schließlich in jedem Job. (Und man fragt sich nur ganz am Rande, ob wirklich ALLE Lehrer der Schule am Abitur beteiligt sind…)

• Weiter geht es mit ein paar Wochen, in denen diverse Stunden krankheitsbedingt ausfallen. Oder weil der Lehrer erst bei einer OP und dann in der Reha ist. Und Ersatz ist rar – das kennt man ja. Also heißt es dann kurzfristig „Übermorgen beginnt der Unterricht der Klasse erst zur Dritten“ – oder er endet zwei Stunden früher. Leider haben die Politiker – egal, welcher Partei – bisher keinen Weg gefunden, den dahinter steckenden Mangel an Lehrkräften zu beheben.

• Der 1. Schultag nach den Sommerferien beginnt für alle Gymnasiasten erst zur 3. Stunde, also auch für die Sechstklässler. Keiner weiß, warum. Verständnis aufzubringen, fällt vor allem Eltern schwer, die beide berufstätig sind und an diesem Tag ganz normal und früh im Büro erwartet werden.

• Oktober: Freitags nur bis elf Uhr Unterricht – wegen Lehrerausflug! Sei ihnen ja gegönnt, mal gemeinsam einen Ausflug zu machen. Aber: Kann uns irgend jemand erklären, warum der nicht einfach erst um 13 Uhr beginnt??

• Dezember: ein schulfreier Tag mitten in der Woche. „Gesundheitstag“ für die Lehrer. Ist ja toll, nur: wer kümmert sich um die zu Hause bleibenden Kinder?

Eltern (egal, welchem Beruf sie nachgehen) brauchen absolut verlässliche Schulzeiten! Denn auch Zehnjährige sollten noch nicht „einfach so“ sechs Stunden lang alleine zu Hause bleiben müssen, wenn es eigentlich ein ganz normaler Tag mit Schulpflicht ist.

Es geht nicht darum, die Kinder „weg zu organisieren“, um sich beruflich entfalten zu können. Sondern es geht darum, dass selbst eine Teilzeittätigkeit kaum machbar ist, wenn man sich auf die „verlässlichen“ Schulzeiten nicht wirklich verlassen kann.

Es gibt tolle, engagierte Lehrer, das wissen Eltern. Und es gibt tolle, engagierte Eltern, ohne die in den Schulen manches deutlich schlechter laufen würde. (Das erkennen auch viele Lehrer.) Und gerade weil Lehrer und Eltern beide wissen, das immer mal wieder Stunden ausfallen müssen, weil einfach kein Lehrer als Vertretung vorhanden ist, ist es für andere Berufstätige kaum verständlich, warum so etwas wie Ausflüge und Gesundheitstage dann ausgerechnet während der Schulstunden stattfinden müssen.

Alle reden über Kita-Zeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist ein Anfang. Aber leider engagiert sich kein Politiker mehr für Regelungen, sobald Kinder älter als acht Jahre oder gar in der weiterführenden Schule sind. Dabei wäre das ein wunderbares Thema für die Parteien, die nach der Landtagswahl das Sagen haben! – nur so nebenbei bemerkt…